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Europa ist genetisch gespalten  
  Die europäische Bevölkerung kann einer genetischen Studie zufolge in zwei Gruppen unterteilt werden: einen nordeuropäischen Genpool, zu dem etwa Iren, Schweden und Ukrainer gehören, sowie einen südlichen mit Griechen, Italienern, Spaniern und Portugiesen. Die geografische Trennlinie zwischen den beiden Gruppen verläuft entlang der großen europäischen Gebirge - Pyrenäen und Alpen.  
Das könnte medizinisch relevant sein, da auch die Anfälligkeit für bestimmte Krankheiten wie Multiple Sklerose und Diabetes regional unterschiedlich ist, berichtet ein Forscherteam um Michael F. Seldin von der University of California in Davis.
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Die Studie "European Population Substructure: Clustering of Northern and Southern Populations" von Michael F. Seldin" et al. erschien in "PLoS Genetics" (Bd. 2, e143; DOI: 10.1371/journal.pgen.0020143).
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Genetik korreliert mit Herkunft
Betrachtet man das Erbgut zweier zufällig ausgewählter und nicht-verwandter Personen, dann finden sich darin vermutlich hunderttausende Unterschiede auf der Ebene der genetischen Buchstaben, den Bausteinen der DNS.

Ein Teil dieser Unterschiede hat mit der Herkunft der betreffenden Person zu tun: So haben etwa populationsgenetische Studien ergeben, dass man beim Menschen vier Großgruppen unterscheiden kann - Asiaten, Afrikaner, Amerikaner und Europäer.
Wanderungen am Erbgut ablesbar
Auch historische Besiedlungswellen sind dem menschlichen Erbgut förmlich eingeschrieben: So gab es laut Untersuchungen des Y-Chromosoms und der DNA der Mitochondrien bereits in der oberen Alsteinzeit und/oder der Jungsteinzeit massive Wanderungen aus dem Nahen Osten in Richtung Europa.

Vor rund 2.500 Jahren gab es eine weitere Wanderung, die vom Großraum der griechischen Kultur in Richtung des heutigen Italien und Spanien führte. Inwieweit diese Muster jedoch mit der Verbreitung der Landwirtschaft und der Ausbildung der indoeuropäischen Sprachen übereinstimmt, ist noch umstritten.

Soweit die historische Perspketive. Will man das Bild des genetischen Ist-Zustands genauer auflösen, dann bietet sich die Untersuchung jener Orte im Erbgut an, die besonders vielfältig sind. Etwa die so genannten SNPs, die man als die Basis der genetischen Individualität betrachtet.
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Vielfalt im Detail: SNPs
Als SNPs ("single nucleotide polymorphism") bezeichnet man jene Orte im Genom, an denen zwei unterschiedliche Basen vorkommen, wobei die Häufigkeit einer Variante mindestens ein Prozent betragen muss. In den meisten Fällen haben "Snips", wie die SNPs mitunter genannt werden, keine weitere Wirkung, weil sie außerhalb von Genen liegen. Selten aber doch verändern sie die Eigenschaften eines Proteins, das von einem bestimmten Gen hergestellt wird. Das kann dann etwa medizinisch relevant sein, weil es unter Umständen das Immunsystem oder die Wirkung von Pharamzeutika beeinflusst.
->   Single Nucleotide Polymorphism - Wikipedia
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Zwei Großgruppen - Norden und Süden
 
Bld: Seldin et al./PLoS Genetics

Ein Team um Michael F. Seldin von der University of California in Davis hat sich nun die SNPs genauer unter die Lupe genommen, und zwar bei 928 Europären bzw. Amerikanern mit europäischen Vorfahren. Ergebnis der Untersuchung: Genetisch kann Europa in eine nördliche und eine südliche Gruppe unterteilt werden.

Nach untersuchten Nationalitäten stellt sich die Sachlage wie folgt dar: Zur nordeuropäischen Großgruppe gehören etwa Iren, Schweden, Ukrainer, aber auch Deutsche, Polen und Ungarn. Zur südlichen Fraktion zählen Griechen, Italiener, Spanier und Portugiesen (Bild oben).

Ebenfalls untersucht wurde eine Gruppe von anschkenasischen Juden, die eine relativ starke genetische Anbindung an die südliche Großgruppe aufweisen. Das weist nach Selding und Mitarbeitern auf eine Migration aus der mediterranen Region hin.
->   Aschkenasim - Wikipedia
Suche nach den Gründen
Betrachtet man die beiden europäischen Großguppen auf der Landkarte, fällt auf: Es scheint eine geografische Demarkationslinie zwischen den beiden zu geben, nämlich die Pyrenäen und Alpen. Diesen Schluss habe man in früheren Versionen der Studie auch angeführt, erzählt Michael Seldin gegenüber science.ORF.at, letztlich sei er aber entfernt worden.

Der Grund: Der Hinweis auf die großen Gebirgszüge als trennende Barriere wirft nämlich die Frage auf, wodurch die unterschiedlichen Muster an SNPs zustande gekommen sind. Wurden Nord- und Südeuropa in zwei eigenständigen Besiedlungswellen kolonisiert? Oder wirkten die Gebirge lediglich als Barriere für den Genfluss?

Genau das sei anhand der vorhandenen Daten eben nicht entscheidbar, so Seldin. Zwar hätten Studien am Y-Chromosom Hinweise darauf gefunden, dass ersteres der Fall sei. Demnach wären die Nordeuropäer eher mit den in der Altsteinzeit eingewanderten Völkern verwandt, die Südeuropäer eher mit den Immigranten aus der Jungsteinzeit.

Fix sei dieses Bild aber noch keineswegs, denn die geografische Isolation könne ebenfalls zu den beobachteten Mustern beigetragen haben. Was eine endgültige Antwort angeht, heißt es also: Bitte warten.
Mögliche Konsequenzen für die Medizin
Wie dem auch sei: Medizinisch könnten die neuen Erkenntnisse schon jetzt relevant sein. Denn frühere Studien haben beispielsweise gezeigt, dass es auch bei gewissen Krankheiten einen geografischen Trend gibt: Multiple Sklerose, Typ-1-Diabetes und Morbus Crohn sind etwa in nordeuropäischen Ländern häufiger als in Südeuropa.

Ob dieser Trend auch mit den nun entdeckten genetischen Differenzen zusammenhängt, ist allerdings noch nicht bewiesen.

[science.ORF.at, 20.9.06]
->   University of California in Davis
 
 
 
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01.01.2010