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Fledermäuse konnten schon vor Echo-Ortung fliegen  
  Die Evolution der Fledermäuse war bisher rätselhaft: Lernten die Tiere erst zu fliegen und dann die Orientierung per Ultraschall-Ortung oder umgekehrt? Diese Frage beschäftigte schon Charles Darwin in seinem Hauptwerk "Über den Ursprung der Arten".  
Bild: Nature
Ein 52,5 Millionen Jahre altes Fossil scheint nun die Antwort zu geben: Die Flattertiere eroberten zuerst die Lüfte und danach die Technik der Echo-Ortung, sagt eine Forschergruppe um Nancy Simmons vom Amerikanischen Naturkundemuseum in New York.

Wie sie sich in der Übergangszeit orientiert haben, ist noch unklar.

Die 2003 im US-Bundesstaat Wyoming ausgegraben und nun präsentierten Fledermausknochen sind jedenfalls die ältesten, die bisher gefunden wurden - und schafften es so auch auf das Cover der aktuellen "Nature"-Ausgabe.
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Die Studie "Primitive Early Eocene bat from Wyoming and the evolution of flight and echolocation" ist in "Nature" (Bd. 451, S. 818; 14.2.08) erschienen.
->   Abstract der Studie
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Umstrittene Frage der Evolution
Nach einem alten Scherz des deutschen Komikers Otto gibt es nur einen Grund, warum Fledermäuse immer im Dunkeln fliegen: weil man auf die Weise nicht merkt, "dass sie dauernd gegen die Wände knallen".

Ein Körnchen Wahrheit befindet sich in dieser Bemerkung tatsächlich: In der Forschung blieb die Evolution der Fledermaus lange umstritten - erst recht seit 1958, als ihre Echo-Ortung erstmals beschrieben wurde.

Die einen vermuteten Ur-Fledermäuse, die als Baum- und Bodenbewohner nach Insekten schnappten, bereits über Ultraschall-Ortung verfügten und erst im Lauf der Zeit Flügel ausbildeten. Die anderen gingen davon aus, dass die Tiere zuerst ihre Flugfähigkeit und dann ihren "Echoloten" entwickelten.
Handtellergroßes Skelett der Fledermaus
 
Bild: Royal Ontario Museum

Onychonycteris finneyi, wie die nun gefundene Art getauft wurde, löst das Problem, wie die Forscher schreiben. Sie lebte vor 52,5 Millionen Jahren in einer tropischen oder subtropischen Umwelt an einem großen See und ernährte sich von Insekten.

Jörg Habersetzer vom Frankfurter Forschungsinstitut Senckenberg und sein Kollege Gregg F. Gunnell von der Universität Michigan präsentierten am Mittwoch in Frankfurt das in hellbeigem Gestein erhaltene, handtellergroße Skelett der Fledermaus.

Der Fund sei ein wichtiger Mosaikstein in der Entwicklungsgeschichte der Säugetiere.
Vergleich mit jüngerer Art
Die Fledermaus konnte laut den Forschern zwar fliegen, aber sich noch nicht wie spätere Fledermäuse mit Ultraschall und Echo-Ortung orientieren.

Das zeigten Vergleiche mit den in der deutschen Ölschiefergrube Messel gefundenen Fledermäusen. Die Flugsäuger aus Messel lebten rund fünf Millionen Jahre später und verfügten über die Echo-Methode, berichtete Habersetzer.

Messeler Fledermäuse (Senckenberg)
Gehörknochen taugten nicht für Echo-Ortung
Ihr im Südwesten von Wyoming gefundener Vorfahr war laut Habersetzer ebenfalls eine ganz typische Fledermaus, das Skelett weise aber deutliche Unterschiede auf.

Die sehr kleinen Innenohren, die Form der Gehörknöchelchen und der schwache Aufhängeapparat des Kehlkopfes sind für die Wissenschaftler Beweise, dass Onychonycteris finneyi sich noch nicht per Echo-Ortung mit Ultraschalllauten orientieren konnte.

Sie hatte kurze Flügel und sehr lange Hinterbeine mit einer Flugmembran zwischen den Zehen. "Sie ist wahrscheinlich mit starkem Flattern geflogen, die Membran hinten diente als stabilisierendes Segel", sagte Habersetzer.
Art der Orientierung noch unklar
Wie sie sich orientierte und ihre Beute fing, ist allerdings nicht klar. Möglich wäre es, dass sie tagaktiv war, das Restlicht der Dämmerung nutzte oder auch nachts nach Gehör jagte wie Eulen, die auf diese Weise in der Dunkelheit Mäusen und anderen Tieren nachstellen.

Dass Onychonycteris finneyi mitunter irrtümlich gegen Bäume oder andere Hindernisse flog, wie dies einst Otto andeutete, ist aus den Ergebnissen der Forscher nicht abzuleiten.

[science.ORF.at/APA/dpa, 13.2.08]
->   Nancy Simmons
->   American Museum of Natural History
->   Forschungsinstitut Senckenberg
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01.01.2010