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Freuds "Wolfsmann": Ein Bild von einem Patienten  
  Der russische Adelige Sergej Pankejeff ist als der "Wolfsmann" in die Geschichte der Psychoanalyse eingegangen. Die Krankengeschichte war für Sigmund Freud eine der wichtigsten überhaupt, sie veranschaulichte eine Reihe von grundlegenden Annahmen seiner Theorie. Zentral war dabei die "Urszene", bei der das kleine Kind den Geschlechtsverkehr der Eltern beobachtet.  
1918 veröffentlichte Freud die Analyse des Wolfsmanns unter dem Titel "Aus der Geschichte einer infantilen Neurose". Er hatte den Russen zuvor von Februar 1910 bis Juli 1914 behandelt.

Für den Wiener Philosophen Markus Klammer ist vor allem interessant, dass Pankejeff während seiner Analyse einen Kindheitstraum aufgezeichnet hat. Das Bild fand als eines von ganz wenigen Eingang in die Bücher Freuds. Dort steht es Klammer zufolge seither als einzigartiges Symbol: für die kindliche "Urszene" genauso wie für die Psychoanalyse selbst.

Denn in beiden Fällen heißt es: Es kann nur eine geben.
science.ORF.at: Warum war für Sie der Wolfsmann so wichtig?

Markus Klammer: Weil Freud in der Fallgeschichte eine Zeichnung in den Text eingeführt hat. Das ist sehr selten, üblicherweise rekurriert Freud auf Traumtexte, also auf mündlich wiedergegebene, dann verschriftlichte Äußerungen der Patienten in der Analyse. Diese Texte dienen als Ausgangsmaterial für die psychoanalytische Interpretation und Freuds Fallstudien. Dass ein Traum als Zeichnung wiedergegeben wird, kommt meines Wissens nur beim "Wolfsmann" vor.

Die Zeichnung des Wolfsmanns
Wenn man das Bild anschaut und den Text liest, fällt als erstes auf: Der Patient spricht von sechs bis sieben Wölfen, gezeichnet hat er aber nur fünf. Was bedeutet das?

Naja, die Erzählungen der Patienten in der Psychoanalyse sind ja nicht stabil, sondern ändern sich. Die konkrete Zeichnung zeigt den "Wolfstraum", und der referiert auf die sogenannte Urszene - eine Szene, die Kleinkinder laut Freud notwendigerweise erleben oder phantasieren: der parentale Koitus.

Die Fünfzahl der Wölfe dient nach Freud dazu, den Zeitpunkt des Koitus anzugeben: die fünfte Stunde, also drei Uhr nachmittags. Die Siebenzahl erklärt Freud durch das Märchen vom Wolf und den sieben Geißlein, das der Patient als Kind gekannt hat. Bei dem Traum geht es um die Angst vor dem Wolf, der für den Vater steht. "Fünf, sechs oder sieben Wölfe" schließen sich also nicht aus.
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Vortrag
Markus Klammer hält am Montag, 26.1., 18 Uhr c.t. den Vortrag "Der Wolfsmann und seine Bilder. Zur Funktion der Bilder bei Sigmund Freud"
Ort: IFK, Internationales Forschungszentrum Kulturwissenschaften, Reichsratsstraße 17, 1010 Wien
->   Mehr über den Vortrag
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Verwendet Freud dieses Bild triumphierend im Sinne: Jetzt haben wir den genauen Zeitpunkt für diese Urszene?

Nicht triumphierend. Die Zeichnung wird zwar sehr prominent verwendet, die Frage des Zeitpunkts findet sich aber versteckt in einer Fußnote, wo er den Widerspruch zwischen den fünf gezeichneten und sechs bis sieben erzählten Wölfen erklärt. Die Anzahl war für ihn argumentativ ein Nebenschauplatz. Die Zeichnung war ideologisch aber sehr wichtig.
Warum?

Freud behauptet, dass das, worauf sich die Rede der Analysanden bezieht, Bilder sind, Traumbilder. Auf Traumbilder kann man aber nicht weisen, sie sind Platzhalter für ein psychophysisches Geschehen, die man ihrerseits nur mittelbar, mit Worten, erschließen kann. Und diese Beschreibung erzeugt nachträglich erst das Bild. Die Basis der psychoanalytischen Deutung, dasjenige, worauf sich Traumtext und Interpretation stützen, hat also einen durchaus prekären Status. Eigentlich ist es ein Zirkelschluss: Der Traumtext erzeugt erst die Traumbilder, auf deren Abschilderung er angeblich beruht.
Um etwas bearbeiten zu können, braucht Freud also einen Text?

Ja, im Prinzip ist das ein Dreischritt: Affekte-Bilder-Texte. Das erste sind die Affekte, die Gefühle. Dann brauchen wir eine Repräsentanz der Gefühle, etwas worauf sich der Text bezieht. Und dieses Etwas, die Triebrepräsentanz nennt Freud Bild. Derrida würde sagen, das Bild hat eine supplementierende Funktion, es schafft an einem Ort, auf den man eigentlich nicht weisen kann, einen Punkt, auf den man weisen kann. Das ist die Funktion des Bildes und der Zeichnung, letztlich eine ideologische Funktion.
Wie benutzt Freud nun das konkrete Wolfsbild?

Indem er in der Erstveröffentlichung, übrigens im Rahmen eines Sammelbandes, die Zeichnung des Patienten direkt neben den Text stellt und damit eine Gleichursprünglichkeit von Text und Bild andeutet. In der Erstausgabe - und nur in dieser - liegen die beiden direkt gegenüber, sie beanspruchen exakt denselben Raum, die Zeichnung ist so hoch, wie der Text lang ist. Hier wird rein durch satztechnische Mittel diese Gleichursprünglichkeit behauptet.
Wie ist das Bild entstanden?

Man weiß das nicht ganz genau. Deuleuze/Guattari meinen, dass es gar nicht vom Wolfsmann, sondern von Freud selbst stammt. Sie haben erkannt, welche Ermächtigungsgeste in der Präsentation einer solchen Zeichnung liegt. Es wird nicht erklärt, warum die Zeichnung angefügt wird, sie ist einfach da. Unter der Zeichnung steht der eigentümliche Satz: "Er gibt dann noch eine Zeichnung des Baumes mit den Wölfen, die seine Beschreibung bestätigt." Warum eigentlich? Ich war in der Library of Congress in Washington, wo das Originalmanuskript liegt. Interessanterweise fehlt dort die Zeichnung. Man sieht zwar noch die Klebespuren, kann die Größe errechnen, aber die Zeichnung fehlt. Wo sie geblieben ist, weiß man nicht.
Ist das nicht selbst schon wieder ein schönes Symbol, auch wenn ich jetzt nicht weiß wofür?

Man muss beim Interpretieren natürlich vorsichtig sein. Aber wenn man so will, ist das Fehlen der Zeichnung im Manuskript ein Symbol dafür, dass sich die Bildhaftigkeit von Träumen oder von traumatischem Geschehen eben nur mittelbar über die Rede erschließen lässt. Dann wäre die Leerstelle genau der Ort, der durch Text - der rund um die leere Stelle fließt - determiniert wird. Das Bild ist letzten Endes, was den Zugang betrifft, immer durch den Text, durch die Sprache determiniert.
Hat der Text, jetzt wo das Bild verschwunden ist, sozusagen gesiegt?

Ja, bis zu einem gewissen Grad. Ich würde aber differenzieren und sagen: Es gibt in der Psychoanalyse zwei Tendenzen. Die eine will die Interpretation von Fallgeschichten möglichst schließen. Die dazugehörige Metapher ist das Puzzle: Psychoanalytische Interpretationen seien wie ein Puzzle, d.h. jeder Teil hat seinen Ort und es kann keinen anderen geben. Und es gibt nur eine Lösung. Das ist die Textebene.
Auf der Bildebene ist das anders?

Hier gibt es eher eine Öffnung, wenn sie auch ambivalent ist. Einerseits verwendet Freud das Bild massiv ideologisch: um etwas zu haben, worauf er zeigen kann; und diesen Anfang, die Urszene, auf die sich der Traum bezieht, bestimmt letzten Endes Freud. Da steckt sehr viel Verfügungsgewalt drinnen. Andererseits enthält es auch einen Moment der Freiheit. Die Tatsache, dass es einen Anfang gibt, heißt ja nicht, dass er nur in einer Weise interpretiert werden kann. Im Gegenteil, dass der Text auch hinter das Bild zurücktritt, zeigt auch die Möglichkeit von unterschiedlichen Interpretationen.

In der Kunstgeschichte gibt es den Begriff der Ekphrasis. Gemeint ist die Möglichkeit, Bilder mit Sprache zu beschreiben. Tausend Menschen tun das auf tausend verschiedene Weisen. Ein Bild ist immer interpretationsfähig, ist niemals ident mit der Interpretation. Das gilt zwar auch für Texte, bei Bildern aber gibt es einen medialen Bruch, der gerade in der Psychoanalyse sehr interessant ist. Hier werden aus Bildern Texte und genau in diesem Spalt liegt die Grundlage für die Interpretation.
Dass aber auch in Texten sehr viel Interpretationsraum liegt, erkennt man nicht zuletzt am Fall des Wolfsmanns, den Freud ja auch als Argumentation gegenüber seinen abtrünnigen Schülern Adler und Jung verwendet hat und ihren damals schon bestehenden Abspaltungstendenzen.

Das ist für mich kein Zufall. In dem Text geht es um Ideologie, die Abwehr von Abspaltungstendenzen, die Versicherung, es könne nur eine Psychoanalyse geben.
Wie beim Highlander?

So ähnlich. Die Psychoanalyse war 1918 ja noch nicht etabliert. Deshalb Freuds Drängen auf: Es kann nur eine Psychoanalyse geben, einen Begründer, der eine Deutungshoheit hat, und auch nur eine Urszene. Die Behauptungen von Freud, wegen denen er sich mit Adler und Jung gestritten hat, lauteten: Jede erwachsene Neurose beruht notwendigerweise auf einer Kinderneurose. Die Kinderneurosen beruhen auf einer Urszene, und es kann nur eine Urszene geben.

Die Zeichnung des Wolfsmanns ist dabei sehr wichtig: eine Zeichnung, die sich auf eine Urszene bezieht, von dem einem Vater einen Psychoanalyse. Die "Eins" ist ganz zentral. Das sieht man nicht zuletzt auch bei der Bildbezeichnung in der Erstveröffentlichung, die handschriftlich rechts oben in die Zeichnung geschrieben ist: "fig 1.". In dem ganzen dicken Sammelband - es hat über 700 Seiten - gibt es keine zweite Zeichnung. Und das "fig 1." verschwindet auch in den weiteren Ausgaben der Fallstudie.


Lukas Wieselberg, science.ORF.at, 23.1.09
->   Markus Klammer, IFK
->   Ekphrasis (Wikipedia)
Mehr zu dem Thema in science.ORF.at:
->   Alle Beiträge zum Freud-Jahr 2006
 
 
 
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