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Die Macht der Bedürfnisse  
  Einen kritischen Blick auf den Zusammenhang von Machtausübung und menschlichen Bedürfnissen wirft die Erziehungswissenschaftlerin Marianne Gronemeyer in einer neuen Publikation. Während die meisten Menschen überzeugt sind, Macht über ihre Bedürfnisse zu haben, sieht sie die Bedürfnisse vielmehr als Ausdruck der Macht, die über uns ausgeübt wird. Das gilt vor allem für die "Überflussgesellschaft", so die These der streitbaren Pädagogin, die dazu einen Gastbeitrag für science.ORF.at verfasst hat.  
Was der Mensch zum Leben braucht
Von Marianne Gronemeyer

Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 rief Rudi Giuliani, der Bürgermeister der geschlagenen Stadt, die New Yorker zur Unterstützung ihrer Stadt auf. Und er wusste auch Rat, wie sie diesem Aufruf am besten und wirksamsten nachkommen könnten:

Nicht ihre Tatkraft und Hilfsbereitschaft forderte er ein, nicht Mäßigung der Ansprüche verlangte er von ihnen. Im Gegenteil: "Shop New York", lautete die Parole. Einkaufen wurde zur ersten Bürgerpflicht.
Kaufen als Akt der Nächstenliebe
Wer entschlossen war, sich als Konsument nicht irre machen zu lassen, zeigte Verantwortungsbewusstsein. Solidarität und patriotische Gesinnung sollten die Mitbürger durch unverdrossenes 'Shopping' bekunden. Kaufrausch? Weit gefehlt. Kaufen wurde zum Akt der Nächstenliebe.
Appell an die Solidargemeinschaft
Überraschender noch als der Appell an die Solidargemeinschaft, in schwerer Stunde nun gerade mit Saus und Braus zu reagieren, ist die Tatsache, dass der Aufruf so gut wie kein öffentlich vernehmbares Erstaunen oder gar Empörung ausgelöst hat.

Und er war ja nicht als frivole Einladung zum Tanz auf dem Vulkan gedacht, sondern ging von einem Bürgermeister aus, der sich in der dramatischen Lage seiner Stadt große Verdienste erwarb durch seine Umsicht und seine anteilnehmende Präsenz.
Die Lektion der Konsumgesellschaft
Wie ist es möglich, dass diese Handlungsmaxime, die eine Zumutung für den normal arbeitenden Verstand sein müsste, allen so einleuchtend erschien, so augenfällig richtig? Offenbar haben wir die Lektion der Konsumgesellschaft brav gelernt.

Konsumieren ist eine eherne Untertanenpflicht, wer sich weigert, ihr zu genügen, schädigt die Allgemeinheit. Jeder hat bis an die Grenze seiner finaziellen Möglichkeiten zum Florieren der Geschäfte beizutragen.
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Buchtipp
Das Buch von Marianne Gronemeyer " Die Macht der Bedürfnisse. Überfluss und Knappheit" ist im Primus Verlag erschienen.
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Die Freiheit der Konsumenten
Aber natürlich hüten sich die Mächtigen unter den Bedingungen normaler Alltäglichkeit schlau, von Pflicht oder gar Zwang zum Konsum zu reden. Im Gegenteil: dem Konsumenten ist Freiheit versprochen, Wahlfreiheit, der Zugriff auf die unübersehbare Fülle der Möglichkeiten, die im Angebot sind.

Es ist der dramatischen Besonderheit der Situation geschuldet, dass das gut gehütete Geheimnis ausgeplaudert wurde.
Die Zufuhr der Versorgungsindustrie
Die moderne Macht ist absolut unduldsam gegenüber jeder Lebensäußerung und jeder Lebensform, die sich nicht dem Konsum von industriell produzierten Waren und warenförmigen Dienstleistungen verdankt.

Ehe nicht einer ein Konsument und ein Mehrfachklient geworden ist, angewiesen auf die Zufuhr der Versorgungsindustrie, angewiesen auf Serviceleistungen der Dienstleistungsindustrie, kann er nicht als hinreichend loyal gelten.
Moderne Macht und Konsum
Alle müssen bedürftig werden. Warum das? Nun, nur wer bedürftig ist, ist beherrschbar. Moderne Macht, Machtgebaren, das auf der Höhe der Zeit ist, ist nicht tyrannisch oder diktatorisch. Es fuchtelt nicht mit Gewalt herum.

Moderne Macht ist elegant, von souveräner Unauffälligkeit. Sie wandert in die Bedürfnisse ein, so dass die Unterworfenen wollen, was sie sollen, ihre Unterworfenheit leugnend, befangen im Freiheitswahn.
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"Bedürfnisse" und "dürfen"
"Bedürfnisse", hören wir auf das Wort. Im "Bedürfnis" steckt das "Dürfen". Wer bedürftig ist, wer Bedürfnisse geltend macht, hält sich an das, was man wollen darf. Und wollen dürfen wir nur noch, was die Konzerne uns offerieren, wie verderblich und schädlich die Produkte auch immer sein mögen, mit denen die Glücksversprechen der Konsumgesellschaft sich liiert haben.
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Glück als Nebenprodukt
Aber: "Glück ist ein Nebenprodukt, sinnvollen Tuns". Und eben von diesem sinnvollen Tun sind die Insassen der Konsumgesellschaft abgeschnitten.

Wir haben uns weismachen lassen, die Warenflut würde unser Leben bequemer und sicherer machen, und sie würde uns helfen, Zeit zu sparen, Zeit, deren Knappheit uns als endliche Wesen am schmerzlichsten spürbar ist.

Tatsächlich rauben uns die überflüssigen Dinge, mit denen wir unser Dasein ausstaffieren, die Zeit.
Teure Bequemlichkeit
Tatsächlich finden wir uns in beispielloser Unsicherheit vor, tatsächlich hat uns die Bequemlichkeit die kostbaren Augenblicke des unwiderstehlichen Lachens gekostet, das Glück des 'sinnvollen Tuns, das nie komfortabel, sondern immer das Andere der Mühe ist.
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Nicht im Vereinfachen ist das Glück
"Heute", schreibt George Steiner, "wo die ganze Therapie darauf hinausläuft, alles zu vereinfachen und nur keine Anstrengung zu fordern, scheint es mir viel schwieriger geworden zu sein, zur Freude zu gelangen, in Freude zu wachsen. Der Kampf, der nötig ist, um alltägliche Probleme zu lösen, hat überhaupt nichts ... Trübsinniges an sich. Im Gegenteil, in dem Augenblick, da sich das Gelingen einstellt, gibt es einen Augenblick des Lachens, der riesigen Freude."
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Askese um der Freiheit willen
Das wäre die eine Möglichkeit, der Tyrannei des Kosums zu entgehen, dass wir uns nicht als bedürftige, sondern als fähige Menschen ins Recht setzen.

Die andere Möglichkeit lehrt Diogenes, jener Kyniker (nicht Zyniker) unter den antiken Philosophen, der in spektakulärer Armut lebte, um seine Freiheit nicht einzubüßen. Als der große Alexander ihn aufsuchte und ihm, beeindruckt durch seine bärbeißige Unabhängigkeit, einen Wunsch freigab, soll der Philosoph in der Tonne den mächtigsten Mann der damaligen Welt darum gebeten haben, ihn mit seiner schattenwerfenden Präsenz zu verschonen, ihm aus der Sonne zu gehen.

Diogenes war nicht arm um der Askese, sondern um der Freiheit willen. Er lehrte, auch ein Weiser könne Kuchen essen, vorausgesetzt, dass er dabei seine Freiheit nicht verliert.
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Informationen zur Autorin des Gastbeitrages
Marianne Gronemeyer ist Professorin für Erziehungs- und Sozialwissenschaften an der Fachhochschule Wiesbaden.
Weitere Publikationen:
"Immer wieder neu oder ewig das Gleiche. Innovationsfieber und Wiederholungswahn", Primus, Darmstadt 2000.
"Lernen mit beschränkter Haftung", Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1997.
"Das Leben als letzte Gelegenheit", Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1996.
->   Mehr über Marianne Gronemeyer
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01.01.2010