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Schimpansen: Mädchen lernen schneller als Buben  
  Eine Reihe von Studien hat beim Menschen bereits das unterschiedliche Lernverhalten von Mädchen und Buben nachgewiesen. Ähnliches findet sich offenbar auch bei unseren nächsten Verwandten, den Schimpansen: Drei US-Forscherinnen haben untersucht, wie geschickt sich dort die beiden Geschlechter beim "Termiten-Angeln" anstellen. Das Ergebniss: Schimpansenmädchen lernen deutlich schneller als Schimpansenbuben, wie sie mit einem selbst gebastelten Werkzeug an die Leckerbissen gelangen.  
Demnach sehen die Affenmädchen ihren Müttern früher und genauer beim Angeln nach der Delikatesse zu, während ihre Brüder mehr Zeit verbringen, um zu spielen.

Die Lernunterschiede unter den Geschlechtern glichen jenen, die auch bei Menschen bekannt seien, berichtet ein Forscherteam um Elisabeth Lonsdorf von der University of Minnesota im britischen Fachjournal "Nature".
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Die Studie ist unter dem Titel "Sex differences in learning in chimpanzees" in "Nature", Bd. 428, Seiten 715 - 716, Ausgabe vom 15. April 2004 erschienen (doi:10.1038/428715a).
->   Abstract der Studie in "Nature"
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Jungtiere vier Jahre im Forschervisier
Die Publikation der drei Forscherinnen stützt sich auf eine Feldstudie, die diese in Tansania durchführten. Das Team beobachtete über vier Jahre hinweg insgesamt 14 Jungtiere im Gombe-Nationalpark.
"Termiten-Angeln" mit dünnen Zweigen
Die dort lebenden Schimpansen "angeln" nach den - nahrhaften - Termiten, indem sie mit dünnen Zweigen in den Insektenbauten herumstochern. Wenn sie ihn wieder herausziehen, hängen zahlreiche Insekten daran - die anschließend genüsslich verspeist werden.

Schimpansen sind dafür bekannt, dass sie - mit Ausnahme des Menschen - häufiger bzw. für mehr Zwecke Werkzeuge einsetzen als jede andere Tierart.

Doch es gibt durchaus Unterschiede im Gebrauch zwischen den verschiedenen Affengemeinschaften - dies sei möglicherweise darauf zurück zu führen, dass die einzelnen Tiere von anderen Mitgliedern ihrer Gruppe lernten, schreiben die Wissenschaftlerinnen in "Nature".
Geschlechterspezifische Unterschiede?
Die drei Forscherinnen untersuchten nun, ob sich bei den Lernprozessen Unterschiede zwischen Affenmädchen und ihren männlichen Artgenossen feststellen ließen. Die beobachteten Jungtiere waren alle unter elf Jahre alt.

So stellten Lonsdorf und Kolleginnen etwa fest, dass die Schimpansenmädchen im Durchschnitt ganze 27 Monate jünger waren, als sie das erste mal selbst erfolgreich mit einem Zweig nach den begehrten Termiten stocherten.
Häufiger und geschickter beim "Angeln"
Dabei fiel den Forscherinnen auf, dass die Schimpansentöchter beim Termitenangeln im Gegensatz zu ihren Brüdern möglichst genau dem mütterlichen Vorbild folgten und beispielsweise ihre Angelstöcke genauso tief in die Hügel tauchten wie ihre Mütter. Entsprechend höher war ihre Erfolgsquote.

Die Weibchen gaben sich dieser Beschäftigung auch deutlich häufiger hin als die Schimpansenbuben (sobald diese das Termiten-Angeln gelernt hatten) - und waren dabei zudem geschickter, wie die Forscherinnen berichten.

Messbar war die höhere Erfolgsquote demnach an der Anzahl der Termiten, die pro Angelvorgang gesammelt wurden.
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Mensch kontra Schimpanse: Gehör und Geruchssinn
Trotz Jahrzehnten detaillierter Untersuchungen können Genetiker noch immer nicht genau sagen, was den Menschen letztlich zum Menschen macht. Immerhin teilt er fast 99 Prozent seines Erbgutes mit seinem nächsten Verwandten, dem Schimpansen. Forscher haben sich nun rund 7.000 dieser gemeinsamen Gene genauer angesehen - und dabei festgestellt, dass im Laufe der Evolution sehr unterschiedliche Erbanlagen "besonders aktiv" waren. Beim Menschen haben sich demnach vor allem Gehör und Geruchssinn vergleichsweise rasant verändert.
->   Mehr dazu: Artikel vom 11. Dezember 2003
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Erklärung: Mädchen beobachten, Buben spielen lieber
Wer nun glaubt, dass die Unterschiede auf eine Vernachlässigung der Affenbuben durch ihre Mütter zurück zu führen sein könnten, täuscht sich: Denn wie die Wissenschaftlerinnen weiter berichten, zeigten sich keinerlei "signifikante Unterschiede in der Häufigkeit der sozialen Interaktion mit der Mutter".

Ihre Erklärung: Die jungen Weibchen verbrachten schlicht mehr Zeit damit, ihre Mütter beim Angeln nach Termiten zu beobachten. Ihre männlichen Artgenossen dagegen zogen es vor, rund um den Termitenhügel zu spielen.
Geschlechtsbezogener Lernunterschied uralt?
In ihrem "Nature"-Artikel verweisen die Forscherinnen auf eine Reihe von Studien, die ähnliche Unterschiede beim Erlernen von Fähigkeiten auch beim menschlichen Nachwuchs festgestellt haben. Dies könne auf unterschiedliche Lernprozesse hinweisen.

Der theoretische Schluss der Wissenschaftlerinnen: "Ein geschlechtsbezogener Lernunterschied könnte daher mindestens bis zum letzten gemeinsamen Vorfahren von Schimpansen und Menschen zurück datieren." Deren Wege trennten sich vor rund 20 Millionen Jahren.
->   Department of Ecology, Evolution, and Behavior der University of Minnesota
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01.01.2010