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Fälschungsskandal: Physiker wird Titel aberkannt  
  Der Physiker Jan Hendrik Schön muss nach massiven Fälschungsvorwürfen seinen Doktortitel an die Universität Konstanz zurückgeben. Der einst international gefeierte Schön habe sich des Titels aus wissenschaftlicher Sicht als unwürdig erwiesen, hieß es zur Begründung.  
Das teilte die Hochschule am Freitag mit und bestätigte damit einen entsprechenden Zeitungsbericht.

Die Universität begründete ihre Entscheidung mit den zahlreichen spektakulären Manipulationen Schöns in seiner Zeit bei den Bell-Laboratorien in Murray Hill (US-Bundesstaat New Jersey).
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Fälschung als historisches Phänomen
Ein schwacher Trost ist für Schön wohl der Hinweis, dass er sich als Datenmanipulator bzw. -fälscher in illustrer Gesellschaft befindet. Wie etwa der italienische Historiker Federico Di Trocchio hinweist, sei Fälschung so alt wie die Wissenschaft selbst. Die Liste jener, die es mit der Wahrheit nicht ganz so genau nahmen, liest sich wie das "Who is who" der Wissenschaft. So haben etwa schon Ptolemäus, Galilei oder Gregor Mendel Daten veröffentlicht, deren Validität heute angezweifelt wird.
->   Forschungsfälschungen: So alt wie die Wissenschaft (1.11.02)
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Datenmanipulation in 16 Fällen
"Der Fall Schön ist der größte Fälschungsskandal in der Physik der letzten 50 Jahre oder wahrscheinlich darüber hinaus", sagte der Fachbereichssprecher Physik und Vorsitzende des Promotionsausschusses, Wolfgang Dieterich.

Der bereits als Nobelpreis-Kandidat gehandelte Schön hatte aus den US-amerikanischen Labors heraus von 1998 bis 2001 laufend sensationelle Ergebnisse veröffentlicht. Eine Kommission des Labors hatte ihm 2002 schließlich in 16 Fällen Manipulation von Daten nachgewiesen.
Keine Stellungnahme des Betroffenen
Der heute 33-jährige Schön hat sich seit Bekanntwerden der Vorwürfe vor zwei Jahren nicht mehr öffentlich geäußert und war auch am Freitag nicht für eine Stellungnahme zu erreichen. "Von der Möglichkeit, sich im Ausschuss mündlich zu äußern, hat Schön keinen Gebrauch gemacht", berichtete Dieterich.

Bei der Forschung besonders in den Naturwissenschaften ist nach Dieterichs Meinung eine solide Vertrauensbasis unabdingbar. "Die Forschung würde zusammenbrechen, wenn man anfinge, alle Ergebnisse, die publiziert werden, nachprüfen zu wollen", meinte er.

"Wenn das Vertrauen in dieser Weise untergraben wird, ist das mit der Doktorwürde nicht verträglich."
Titelentzug auf Grund "unwürdigen Verhaltens"
Der junge Naturwissenschaftler hatte von 1988 bis 1993 in Konstanz studiert und 1998 mit einer Arbeit über Solarzellen den Doktortitel erlangt.

Die Universität bezog sich bei ihrer Entscheidung nicht direkt auf die Dissertation, sondern auf das baden-württembergische Universitätsgesetz, das einen Titelentzug auch auf Grund späteren unwürdigen Verhaltens zulässt.
Promotion: Kein vorsätzliches Fehlverhalten
Eine Kommission der Hochschule hatte 2003 erklärt, schon in Konstanz habe Schön bei der Promotion schlampig gearbeitet. Vorsätzliches Fehlverhalten hielt sie jedoch für nicht nachweisbar.
->   Fachbereich Physik der Universität Konstanz
->   Die Ergebnisse der Bell-Untersuchungskommission
Mehr dazu im science.ORF.at-Archiv:
->   Top-Physiker zieht acht "Science"-Fachartikel zurück (1.11.02)
->   "Peer Review" im Kreuzfeuer der Kritik (4.10.02)
->   Nobelpreis-Anwärter als Fälscher entlarvt (27.9.02)
 
 
 
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