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Je größer das Hirn, desto betrügerischer  
  Die Tatsache, dass der Mensch ein außerordentlich großes Denkorgan besitzt, beschäftigt Biologen schon seit Jahrhunderten. Eine Erklärung dafür ist die Hypothese der so genannten Machiavellistischen Intelligenz. Sie besagt, dass sich gewisse Hirnbereiche in Anpassung an das komplexe Leben in sozialen Gruppen vergrößert haben. Eine Untersuchung britischer Biologen scheint das nun zu bestätigen. Die Forscher fanden heraus, dass sich Affenarten mit größeren Hirnen häufiger sozialer Manipulationsmethoden bedienen. Kurz gesprochen: Sie betrügen ihre Artgenossen öfter.  
Wie Richard W. Byrne und Nadia Corp von der University of St. Andrews berichten, ist vor allem die Größe einer bestimmten Hirnregion - der so genannte Neocortex - ein robuster Anzeiger für die Verbreitung von Lug und Trug bei verschiedenen Affenarten.
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Die Studie "Neocortex size predicts deception rate in primates" von Richard W. Byrne und Nadia Corp erschien im Fachjournal "Proceedings of the Royal Society: Biological sciences" (DOI:10.1098/rspb.2004.2780).
->   Proceedings of the Royal Society: Biological sciences
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"Geistesriesen" im Tierreich
Das Gehirn des Menschen ist im Vergleich zu jemen anderer Tierarten ziemlich voluminös. Manche Autoren gingen sogar so weit, es als "Extremorgan" zu bezeichnen. Ein Begriff, der sonst etwa für den Hals der Giraffe oder das Geweih des ausgestorbenen Riesenhirschen verwendet wird.

Ganz alleine ist der Mensch mit seinem großen Denkorgan allerdings nicht, auch seine nächsten Verwandten aus der Gruppe der Primaten haben größere Gehirne als die restlichen Säugetiere. Die Herrentiere bilden also gewissermaßen die "Champions League" der Kopfarbeiter im Tierreich.

Fachleute weisen in diesem Zusammenhang jedoch darauf hin, dass bei den Primaten eigentlich nur zwei Bereiche besonders üppig dimensioniert sind: der so genannte Neocortex und das Striatum.
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Neocortex und Striatum
Der Neocortex ist ein Teil der Großhirnrinde und zeichnet sich durch einen typischen, aus sechs Schichten bestehenden histologischen Aufbau aus. Er wird für gewöhnlich als Sitz der höchsten integrativen Gehirnfunktionen angesehen. Das Striatum ist als Teil der so genannten Basalganglien an motorischen und handlungsbezogenen Vorgängen beteiligt.
->   Mehr zum Neocortex (wissenschaft-online.de)
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Wozu der Aufwand?
Stellt sich die Frage: Warum ist das eigentlich so? Welchen Vorteil verschafft die Anhäufung von Nervenzellen, die einen äußerst hohen Energieverbrauch aufweist und zudem relativ fragil ist?

Ein Erklärungsversuch dafür ist die Hypothese der Machiavellistischen Intelligenz, die kurz gefasst folgendes besagt: Das komplexe Gefüge in sozialen Kleingruppen erfordert ein Mehr an geistiger Potenz, weil das Individuum unter diesen Lebensbedingungen nur mit hohem Einsatz von Taktik und Manipulation zu seinem eigenen Vorteil kommt.

Das habe, so die Vertreter dieser Hypothese, zu einem kognitiven "Wettrüsten" und in weiterer Folge zur Bildung großer Gehirne geführt.
Daten unterstützen Machiavelli-Hypothese
Einige Daten scheinen für diese Vermutung zu sprechen: Erstens leben die meisten Affenarten in beständigen Sozialgefügen. Zum zweiten wurde bei einer Untergruppe der Primaten nachgewiesen, dass deren Hirnvolumen tatsächlich mit der Gruppengröße korreliert.
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Zu diesem Ergebnis kommt etwa die Studie "Neocortex size as a constraint on group size in primates" von R. I. M. Dunbar, veröffentlicht in der Fachzeitschrift "Journal of Human Evolution" (Band 20, S.469-93).
->   Journal of Human Evolution
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Betrug als Hinweis für kognitive Fähigkeiten
Richard W. Byrne und Nadia Corp haben die Hypothese nun etwas Spezifischer unter die Lupe genommen. Sie verwendeten Daten von bereits publizierten Studien und untersuchten, ob es einen Zusammenhang zwischen Gehirngröße und dem Hang zu betrügerischem Sozialverhalten gibt.

Letzteres wurde von den Autoren als Hinweis auf hochstehende kognitive Fähigkeiten gewertet.
Vermutung bestätigt: Großes Hirn schwindelt gerne
Die britischen Forscher wurden im Zuge ihrer Datensuche bei immerhin 18 verschiedenen Primatenarten fündig. Das Ergebnis war eindeutig: Je größer der Neocortex (sowohl absolut wie auch relativ zum restlichen Hirn) einer bestimmten Spezies, desto weiter ist auch Lug und Trug in der Affengesellschaft verbreitet.

Keinen solchen Zusammenhang fanden die Forscher dagegen beim gesamten Hirnvolumen sowie der Gruppengröße. "Diese Ergebnisse stimmen mit der Hypothese überein, dass die Vergrößerung des Neocortex durch soziale Herausforderungen bewirkt wurde", schreiben die Autoren in ihrer Publikation.

Damit bekommt auch ein berühmtes Wort jenes italienischen Machphilosophen eine neue Nebenbedeutung, dem die nun untersuchte Hypothese ihren Namen verdankt. Er schrieb: "Jeder sieht, was Du scheinst. Nur wenige fühlen, wie Du bist."
->   Website von Richard W. Byrne (University of St. Andrews)
Mehr zu diesem Thema in science.ORF.at
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01.01.2010