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Materieller und geistiger Wiederaufbau Österreichs  
  Nachdem der vom "Dritten Reich" ausgelöste Zweite Weltkrieg halb Europa verwüstet hatte, wurde wieder aufgebaut. Eine zentrale Rolle dabei spielte im Westen der Marshall-Plan, dem sich ab Donnerstag eine Ausstellung im Wiener Technischen Museum widmet. Dabei geht es nicht nur um die materielle Wiederaufbau-Hilfe, sondern auch um das Bemühen der Amerikaner, die "Herzen und Köpfe" der Österreicher zu gewinnen.  
Die Ausstellung "Österreich baut auf. Wieder-Aufbau & Marshall-Plan", die vom 17. März bis 2. Oktober 2005 gezeigt wird, ist der Beitrag des Technischen Museums Wien zum Jubiläumsjahr 2005.
->   Technisches Museum
Auslöser des Wirtschaftswunders
Es wird in Zeiten von mehr oder minder latentem Antiamerikanismus gerne vergessen: Das österreichische Wirtschaftswunder der 1960er Jahre wurde maßgeblich von den amerikanischen Hilfsprogrammen nach dem Zweiten Weltkrieg ausgelöst und beschleunigt.

Wie der Historiker Günter Bischof im Hauptbeitrag des Katalogs zur Ausstellung schreibt, beruhte Österreichs wirtschaftliche Lebensfähigkeit auf einer Kombination aus Modernisierung der Industrie während des Nationalsozialismus, dem Marshall-Plan und der Arbeit der Österreicher.
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Günter Bischof unterrichtet amerikanische Geschichte an der Universität von New Orleans und ist Direktor des dortigen CenterAustria.
->   Homepage Günter Bischof (University of New Orleans)
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13 Milliarden Dollar für 16 Länder
Bild: Technisches Museum Wien
ERP-Plakatwettbewerb 1950
Unmittelbar nach dem Krieg sicherten massive Lebensmittellieferungen das Überleben, danach sorgten Überbrückungshilfe-Programme des amerikanischen Kongresses und dann von 1948 bis 1952 der Marshall-Plan für den wirtschaftlichen Wiederaufbau.

Im Rahmen des von Außenminister George C. Marshall ersonnenen European Recovery Program (ERP) stellten die USA 16 Ländern insgesamt 13 Milliarden Dollar zur Verfügung.

Der Staat Österreich bekam Waren im Wert von rund einer Milliarde Dollar geschenkt - die Verkaufserlöse wurden auf ein "Gegenwert-Sonderkonto" gelegt, aus dem niedrig verzinste ERP-Kredite für Wiederaufbauprojekte vergeben wurden.
Sechsmal mehr Geld als nach Erstem Weltkrieg
Die Taktik der Amerikaner war ganz anders als nach dem Ersten Weltkrieg: Damals erhielt Österreich Völkerbund-Anleihen mit einem Zinssatz von elf Prozent und hatte unter strenger Kontrolle eine strikt anti-inflationistische Politik zu betreiben.

Auch quantitativ gab es Unterschiede: Die Marshall-Plan-Hilfe war sechsmal so hoch wie der Ertrag der Genfer Anleihe, rechnet Bischof in seinem Beitrag vor.
Auch geistige Wiederaufbauhilfe
Bild: Verbundarchiv
Bücherkoffer 1953
Damit wurde aber nicht nur materielle, sondern auch geistige Wiederaufbauhilfe betrieben: Fünf Prozent der Gelder des Marshall-Plans waren für Information und Propaganda reserviert, um den Schutt des Nationalsozialismus in den Köpfen der Menschen zu beseitigen.

Ziele und Erfolge des ERP wurden durch Ausstellungen, Plakate, Preisausschreiben, Briefmarken, Radiobeiträge und Filme popularisiert - ein eigenes ERP-Logo entworfen.

Bücherkoffer, Bibliotheken, ganze Amerika-Häuser brachten die Vorzüge der Demokratie näher, Ziel war eine "re-orientation" der Werte. Eine Bücherwand in der Ausstellung zeigt eindrucksvoll die Zusammensetzung von Werken, die zu diesen Zwecken angeboten wurden - darunter auch solche einer Reihe von Österreichern, die vor den Nazis flüchten mussten.
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Westintegration - für 80 Dollar pro US-Bürger
Neben dem Wiederaufbau war vor allem die Westintegration Österreichs Hauptziel und wichtigstes Ergebnis des ERP. Auf Druck der USA begann Westeuropa durch neue Organisationsstrukturen zusammenzuwachsen (OECC, dann OECD, Montanunion). Innenpolitisch musste in den USA gekämpft werden, um dem Steuerzahler die Sinnhaftigkeit des ERP zu erklären - immerhin investierte der im Schnitt 80 Dollar dafür.
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Kennenlernen des American Way of Life
Austauschprogramme für Studierende, Politiker und Wirtschaftstreibende ließen Tausende Österreicher erstmals in die USA fahren. Wovon die österreichische Babyboom-Generation fasziniert war: "Jazz und Rock'n Roll, Jeans und Coca Cola, Hollywood und Hemingway."

"War die Populärkultur eine Metapher für ... Reichtum, stellte der Marshall-Plan den realen Transmissionsriemen des Wohlstandstransfers nach Europa dar, der darauf abzielte, eine solide Mittelklasse aufzubauen," schreibt Günter Bischof.

In der Zeit des Kalten Kriegs änderte sich dann die Schlagrichtung: Verstärkt wurde etwa der Kampf von Intellektuellen gegen den "internationalen Kommunismus" finanziert - in Österreich u.a. Friedrich Torberg und seine kulturpolitische Zeitschrift "Forum".
ERP-Fonds weniger bekannt
Die Bedeutung des Marshall-Plans für Österreich ist in der Öffentlichkeit heute bekannt, sie wird aber auch unterschätzt, meint Bischof. Oft gänzlich unbekannt hingegen ist der ERP-Fonds, der 1962 unter Bundeskanzler Julius Raab (ÖVP) eingerichtet wurde.

Bis 1998 erhielt die österreichische Wirtschaft aus diesem Fonds knapp 90 Mrd. Schilling an zinsgünstigen Krediten, so Bischof.

Seit 2002 ist der Fonds an die Austria Wirtschaftsservice GmbH angebunden - und somit höchst lebendige Gegenwart eines wesentlichen Beitrags zum materiellen wie geistigen Wiederaufbau Österreichs.

Lukas Wieselberg, science.ORF.at, 16.3.05
->   Marshall-Plan (AEIOU)
->   50. Jahrestag des Marshall-Plans 1997
->   ERP-Fonds
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