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Iran: Wissenschaftliche Exzellenz trotz Kontrolle  
  Entgegen dem weit verbreiteten Bild verfügt der Iran über ein teilweise exzellentes Universitätssystem, das sich in den letzten Jahrzehnten eines immer stärker werdenden Zulaufs erfreut. Aus Anlass der Präsidentschaftswahlen am 17. Juni sprach science.ORF.at mit Bert Fragner, Leiter des Instituts für Iranistik an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, über das iranische Wissenschaftssystem und seine Paradoxien: vom hohen Frauenanteil bis zu Universitäten nach US-Vorbild, deren Struktur auch von den Mullahs nicht geändert wurde.  
Hohe Alphabetisierung ...
Betrachtet man den Iran durch die "Bildungslinse", stellt man schnell fest, dass er sich in zwei grundlegenden Parametern von den meisten Ländern seiner Region unterscheidet: Erstens können über 80 Prozent der Iraner lesen und schreiben (im Vergleich zu etwa Indien mit nur 39 Prozent).

Und zweitens gilt Bildung generell als hoher Wert, weil es den einzigen Weg zu einer persönlichen Emanzipation darstellt.
... und gutes Bildungssystem
Dass Bildung gesellschaftlich so weit oben rangiert, resultiert nicht zuletzt aus einem traditionsreichen Schul- und Universitätssystem: Die älteste Universität des Landes wurde in den 1930er Jahren in Teheran gegründet.

Die Universität Teheran, die aufgrund der traditionell engen Kontakte zwischen dem Iran und Frankreich nach dem Vorbild der französischen Elite-Universitäten gegründet wurde, gilt noch heute als renommierteste Einrichtung.
->   Universität Teheran
Zweitwichtigste Uni arbeitet nach US-Vorbild
Die zweitwichtigste Universität befindet sich ebenfalls in Teheran und war als Gegenmodell zur als konservativ geltenden Uni Teheran gedacht.

In den 1960er Jahren baute man mit Geld der USA die damals "Nationaluniversität" genannte Einrichtung auf, deren Struktur jener von US-Universitäten entspricht. Nach der islamischen Revolution wurde sie zwar in Beheshti-Universität umbenannt, der US-Aufbau blieb aber erhalten.
->   Beheshti-Universität
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Universitätssystem
Generell besteht das iranische Universitätssystem aus zwei Teilen: aus staatlich Universitäten und privaten Hochschulen, die sich großteils über Studiengebühren finanzieren.

Der Abschluss kann in drei Stufen gemacht werden: Bakkalaureat, Magisterium und Doktorat.
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Polytechnika: Bildung für breite Bevölkerung
Noch wichtiger als die Universitäten waren aber die polytechnischen Schulen, um Bildung in breite Schichten der Bevölkerung zu tragen, erklärt Iranist Bert Fragner im science.ORF.at-Interview.

Schon in den 1850er Jahren wurden zahlreiche Polytechnika gegründet, an denen von Beginn an auch medizinisches Wissen auf hohem Niveau vermittelt wurde.
Lehre und Forschung
Eigentlich haben die Universitäten im Iran nur die Aufgabe zu lehren, tatsächlich betreiben sie aber auch intensive Forschung. Einzelne Fächer brauchen den internationalen Vergleich nicht zu scheuen, erklärt der Wiener Iranistik-Professor, der selbst mehrere Jahre im Iran studiert und geforscht hat.

Wissenschaftliche Exzellenz ortet Fragner vor allem in den Geisteswissenschaften, weil die Beschäftigung mit dem eigenen Land, seinen Sprachen und seiner Literatur etwa an der Universität Teheran seit ihrer Gründung ein zentraler Aspekt war.
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Atomforschung
Ein weiteres traditionelles Arbeitsgebiet von iranischen Wissenschaftlern ist die Atomforschung. Der Aufbau von Fachwissen zur Kernspaltung war schon dem bis 1979 regierenden Schah Mohammad Reza Pahlavi ein staatlich gefördertes Anliegen. Nach der islamischen Revolution 1979 und der Ausrufung der bis heute bestehenden Islamischen Iranischen Republik setzten die regierenden Mullahs diesen - im internationalen Kräftemessen wichtigen - Forschungszweig fort.

Weite Teile der iranischen Bevölkerung seien heute jedenfalls stolz auf das Fachwissen ihrer Atomwissenschaftler, erklärt Fragner. Sie hätten den Eindruck, dass der Druck der USA auf den Iran, seine Atomforschung zu verringern bzw. einzustellen, nur deshalb ausgeübt werde, weil sie sich vor der iranischen Konkurrenz fürchten.
->   Mehr über den Iran bei Wikipedia.de
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Paradoxon 1: Frauenmehrheit unter den Studierenden
Möchte man die heutige Universitätslandschaft des Iran mit einem Wort beschreiben, müsste man wohl zu "paradox" greifen. So sind die Studentenzahlen in den vergangenen Jahren explodiert, was auch mit der Demografie des Landes - über 70 Prozent der Bevölkerung sind jünger als 30 - zu tun hat.

Besonders stark gestiegen ist der Frauenanteil: Mehr als 60 Prozent der Studierenden sind heute weiblich, und auch unter dem Universitätspersonal nimmt die Zahl der Frauen immer stärker zu.

Fragner erklärt dieses scheinbar paradoxe Phänomen damit, dass Frauen die Restriktionen im öffentlichen Leben mit dem ihnen ohne Einschränkungen offen stehenden Studium wettmachen.
Paradoxon 2: Theologische Kontrolle, die unterlaufen wird
Das zweite Paradox ist, dass die Universitäten zwar als Nährboden für eine politische Opposition wahrgenommen werden - so waren sie die ersten drei Jahre nach der islamischen Revolution 1979 sogar geschlossen -, dass aber die ideologische Steuerung der Universitäten an der praktischen Undurchsetzbarkeit scheitert.

Die meisten Herrschenden seien heute realistisch genug zu wissen, was sie können bzw. nicht können, so Fragner. Von einer Freiheit der Forschung im "westlichen" Sinn könne zwar nicht gesprochen werden, aber das Kontrollsystem könne mit der Publikationsgeschwindigkeit und den Inhalten der Forscher nicht mithalten.
Brain Drain: Exzellentes Austausch-Netzwerk
Das dritte Paradox ist, dass der Brain Drain, also die Emigration bzw. Flucht hochqualifizierter Wissenschaftler in den Jahrzehnten seit 1979 zwar das Land geschwächt hat.

Gleichzeitig sorgt diese weltweite, exzellent ausgebildete Diaspora aber dafür, dass die meisten Wissenschaftler im Iran sich mit einer internationalen Community austauschen und von dort die neuesten Forschungsergebnisse beziehen können.
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Serie "Global Science"
science.ORF.at lädt mit der Serie "Global Science" zu einer wissenschaftlichen Weltreise. Im Mittelpunkt der unregelmäßig erscheinenden Beiträge stehen Länder und Regionen stehen, von deren Wissenschafts- und Forschungslandschaft man in Österreich nur selten liest.

Bisher erschienen:
Indien: Wissensmacht des 21. Jahrhunderts? (16.3.05)
Islam im Internet: Fatwa, Politik und Heiratsagenturen (14.4.05)
China: Mangelnde Ethik bei klinischen Versuchen (13.5.05)
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Probleme: Mangelnde Freiheit, "Brain Drain", wenig Geld
Neben der mangelnden Freiheit sehen internationale Publikationen wie "Nature" zwei Probleme für das Wissenschaftsland Iran: einerseits der anhaltende "Brain Drain" junger, gut qualifizierter Menschen, die mit einer abgeschlossenen Uni-Ausbildung keinen adäquaten Job finden; und die mangelnden finanziellen Ressourcen, die besonders Geräte intensive Wissenschaftsfächer wie die Molekularbiologie stagnieren lassen.
->   Mehr über den Iran im Wissenschaftsmagazin "Nature"
Wenig Hoffnung für die Wahlen
Die Wahlen werden voraussichtlich keine Verbesserung für die Wissenschaftslandschaft bringen. Der als liberal geltende Immunologe Mustafa Moein darf nach anfänglichem Verbot doch kandidieren und setzt seine Hoffnungen nun auf die Studenten und deren Familien. Ihm werden aber keine realistischen Chancen zugebilligt.

Elke Ziegler, science.ORF.at, 17.6.05
->   Institut für Iranistik (Österreichische Akademie der Wissenschaften)
->   Mehr über die Wahlen im Iran in ORF.at
Mehr zum Thema in science.ORF.at:
->   Islam: "Renaissance des Wissens" braucht Freiheit (29.11.04)
->   oe1.ORF.at: Frauenstudien im Iran: Wissenschaft im Tschador? (20.4.05)
 
 
 
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