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Stroop-Effekt: Hypnose hilft Gehirn bei Konfliktlösung  
  Wenn man das Wort "Rot" in grüner Farbe geschrieben sieht, braucht das Gehirn einen kurzen Moment, um den Konflikt zwischen Inhalt und Gestalt aufzulösen und die Schriftfarbe benennen zu können. Erst wenn eine Bewusstseinsebene weggeschaltet wird, gelingt das Unmögliche: Unter Hypnose haben Versuchspersonen keine Probleme mit dem Widerspruch zwischen Farbe und Bedeutung.  
Amir Raz und Kollegen von der Cornell University in New York haben 16 Personen unter Hypnose die Aufgabe gestellt, die Inhalte der auf einem Bildschirm erscheinenden Wörter zu ignorieren und sich nur auf die Farbe zu konzentrieren.

Durch Magnetresonanztomografie konnten sie beweisen, dass der Bereich im Gehirn, der bei Menschen mit vollem Bewusstsein den Konflikt verarbeiten muss, bei den hypnotisierten Personen weniger aktiviert wurde.
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Die Studie "Hypnotic suggestion reduces conflict in the human brain" von Amir Raz, Jin Fan und Michael Posner erscheint zwischen 27. Juni und 1. Juli 2005 in den "Proceedings of the National Academy of Sciences" (DOI: 10.1073_pnas.0503064102).
->   Zur Studie (erst nach Erscheinen online)
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Stroop-Effekt: Gehirn in Wahrnehmungs-Schwierigkeiten
Der "Stroop-Effekt" bezeichnet die Tatsache, dass das Gehirn in größte Nöte gerät, sobald Inhalt und Aussehen von Wörtern einander grundlegend widersprechen. Er kommt bei Menschen, die lesen können, immer zum Tragen, weil sie sich nicht entscheiden können, nicht zu lesen.

Den Selbsttest kann man machen, indem man versucht, die Farbe der folgenden Wörter schnell zu benennen:
Selbsttest
 
Ruhr-Universität Bochum

Der Grund für die spürbare Verwirrung: Lesen läuft, sobald man es einmal kann, automatisiert ab. Dadurch ist "falsche" Bedeutung schon im Kopf vorhanden, bevor man die "richtige" Farbe nennen kann.
Hypnose: Sinnlose Buchstabenreihen
Um den Konflikt zu lösen und sich auf die wichtige Aussage zu konzentrieren, braucht man Zeit - außer man befindet sich unter Hypnose. Das behaupten zumindest New Yorker Psychologen, die 16 Personen folgendem Versuch unterzogen:

Acht Personen wurden stark hypnotisiert, acht leicht. Allen wurde - in bereits hypnotisiertem Zustand - gesagt, dass demnächst am Computerbildschirm sinnlose Buchstabenreihen auftauchen würden, deren Farbe sie benennen sollen.
Farbe konnte sofort identifiziert werden
Das Experiment gelang: Bei den stark hypnotisierten Personen kam der Stroop-Effekt nicht zum Tragen, sie konnten die Farbe sofort identifizieren. Bei den nur leicht entrückten Menschen konnten zwar Auswirkungen des Effekts festgestellt werden, allerdings nur beschränkt: Sie waren zirka zehn Prozent langsamer als die vollhypnotisierten Vergleichspersonen.

Die Bilder auf der Magnetresonanztomografie liefern den neurologischen Beweis für die Verhaltensänderung: Die Forscher konnten eine deutlich geringere Aktivität im Anterior Cingulate Cortex (ACC) am oberen Ende des Frontallappens feststellen.
Rückschlüsse auf Wirkung von Placebos?
Über den speziellen Testfall hinaus erhoffen sich die Wissenschaftler aus ihrer Arbeit Rückschlüsse auf die Wirkung von Placebo-Medikamenten.

Denn letztlich hätten die Versuchspersonen bewiesen, dass Vorgaben ("Die Buchstabenreihen ergeben keinen Sinn") die kognitive Wahrnehmung steuern können, d.h. im konkreten Fall nur die Farbe "gesehen" wurde.

Ähnlich könnten auch Placebos wirken: Allein die Vermutung einer Wirkung könnte zu neurologischen Veränderungen führen, die nur mehr die erwünschte Wahrnehmung ermöglichen.

[science.ORF.at, 28.6.05]
->   Cornell University (New York)
Mehr über visuelle Wahrnehmung in science.ORF.at:
->   Forscher entdecken "Jennifer-Aniston-Neuron" (23.6.05)
->   Die Gedankenlesemaschine (26.4.05)
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