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Fremde werden in Millisekunden-Schnelle beurteilt  
  Einer US-Studie zufolge brauchen wir lediglich eine Zehntelsekunde, um die Vertrauenswürdigkeit und Attraktivität eines Unbekannten zu bewerten. Dabei bestimmt die Intuition das Urteil, der Verstand bleibt auf Grund der Schnelligkeit außen vor.  
Das Blitzurteil über die Charakterzüge wird auch in den folgenden Sekunden nicht weiter revidiert, im Gegenteil: Das Vertrauen in den eigenen "Schiedsspruch" steigt beim Betrachter.

Das ergab eine Studie mit 117 Probanden, denen Janine Willis und Alexander Todorov von der Princeton University Fotografien von Gesichtern vorlegten. Die Teilnehmer sollten - quasi aus dem Bauch heraus - über die Eigenschaften der Personen entscheiden.
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Der Artikel "First Impressions: Making Up Your Mind After a 100-Ms Exposure to a Face" ist in der Fachzeitschrift "Psychological Science" (Bd. 17, Nr. 7, S. 592, Juli 2006) erschienen.
->   Abstract
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Schnappschuss der Sinne
Der erste Eindruck zählt, heißt es im Volksmund - ein Leitspruch, der etwa gerne bei der ersten Verabredung oder dem ersten Bewerbungsgespräch mit auf den Weg gegeben wird. Und: Er dürfte sich zu bewahrheiten - allerdings mit der bitteren Erkenntnis, dass dieser erste Eindruck nicht selbst beeinflusst werden kann. Vielmehr scheinen die Gesichtszüge die entscheidende Rolle zu spielen.
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Gesichter von Politikern und Wahlerfolge
Dass die Beurteilung von Politikern und ihrer Kompetenzen nicht unbedingt eine Verstandssache ist, sondern eine Frage der Intuition, hat der Psychologe Todorov bereits in einer vorhergehenden Studie gezeigt. Offenbar entscheidet der Blick ins Gesicht in Sekundenschnelle über die Fähigkeit des Politikers - und damit über den Wahlerfolg. Zumindest konnte der Forscher letzteren bei Kandidaten für den US-Kongress im Jahr 2005 vorhersagen.
->   Mehr dazu in science.ORF.at
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Fünf Eigenschaften abgefragt
Für ihre Untersuchung befragten Willis und Todorov 117 Personen: Sie legten ihnen Fotografien von unterschiedlichen Gesichtern vor, die es zu beurteilen galt. Dabei ließen sie den Teilnehmern 100 Millisekunden, 500 Millisekunden oder eine volle Sekunde Zeit.

Fünf Eigenschaften wurden abgefragt - von jeweils einer Gruppe: Attraktivität, Sympathie, Vertrauenswürdigkeit, Kompetenz und Aggressivität. Anschließend sollten die Teilnehmer mitteilen, wie viel Vertrauen sie in ihr Urteil hätten.
Erstem Eindruck treu geblieben
Das Ergebnis: Nach einer Zehntel Sekunde war das Urteil gefällt, welches sich bei einem längerem Betrachtungszeitraum (eine halbe Sekunde, eine Sekunde) nicht maßgeblich änderte.

Allerdings führte mehr Zeit auch zu einer differenzierteren Beurteilung der Person. Und: Je länger der Betrachtungszeitraum, desto größer war das Vertrauen der Teilnehmer in ihr Urteil.

Die Entscheidung über die Vertrauenswürdigkeit des Gegenübers wurde übrigens am schnellsten getroffen - noch schneller als die Bewertung, ob das Gegenüber attraktiv ist.
Grundlagen für Blitz-Urteile noch offen
Warum und wie das Hirn Blitz-Urteile fällt, ist für die Wissenschaftler noch nicht vollständig geklärt. Doch insbesondere bei der Entscheidung über die Vertrauenswürdigkeit gehen die Forscher davon aus, dass das Angst-Zentrum im Gehirn involviert ist.

"Die Angst-Antwort involviert die Amygdala, einen Teil des Gehirns, der bereits bei Tieren vor Millionen von Jahren und noch vor der Entwicklung des präfrontalen Cortex, wo rationale Entscheidungen gefällt werden, existiert hat", sagt Todorov in einer Aussendung.

Ebenfalls noch ungewiss ist, welche Aspekte bzw. physischen Eigenschaften des Gesichts zu den Urteilen inspirieren. Es wäre zwar bekannt, was ein Gesicht im Allgemeinen attraktiv erscheinen lässt, so etwa symmetrische Züge und Proportionen. Es sei aber ungewiss, was einen Kompetenz im Gesicht des anderen erkennen lässt.
->   Amygdala - Wikipedia
Besseres Kennenlernen - runderes Bild
Todorov will allerdings nicht ausschließen, dass der erste schnelle Eindruck nicht durch rationalere Überlegungen beeinflusst werden kann: "Wenn Zeit vergeht und man Personen besser kennenlernt, dann erhält man natürlich ein runderes Konzept von ihnen", so der Psychologe. Doch zunächst zählen Bruchteile von Sekunden.

Die von den US-Psychologen ermittelte Rekordzeit übertrafen jedoch kanadische Forscher, die die Wahrnehmung von Websiten und Qualitätsurteile zeitlich stoppten. Ihr Ergebnis: Internet-Surfer bilden gerade einmal in 50 Millisekunden eine Meinung, ob ihnen eine Website gefällt - oder nicht.

[science.ORF.at, 24.8.06]
->   Alexander Todorov
Beitrag zum Thema in futurezone.ORF.at:
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->   Gesichtererkennung: Eine Neuronengruppe für jedes Geschlecht (5.9.05)
->   Wie das Gehirn Objekte als Gesichter erkennt (1.4.04)
 
 
 
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