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Neues aus der Welt der Wissenschaft
 
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Wenn Wissenschaftler ihre Meinung ändern  
  "Flip-Flops" werden im Englischen verächtlich Menschen genannt, die plötzlich ihre Meinung ändern. Was bei Politikern oft als ein Zeichen von Opportunismus interpretiert wird, gehört in der Wissenschaft zum Wesen. Dennoch ist es auch unter Forschern und Forscherinnen nicht üblich, sich öffentlich zu einem Sinneswandel zu bekennen.  
Genau das haben sie aber nun gemacht. Bereits zum elften Mal hat der New Yorker Literaturagent John Brockman namhaften Wissenschaftlern zum Jahreswechsel knifflige Fragen gestellt. Diesmal lauten sie "Wobei haben Sie Ihre Meinung geändert? Und warum?"

Die Antworten von insgesamt 165 Forschern und Expertinnen sind unterschiedlich und oft amüsant: Der Biologe Richard Dawkins erklärt, warum Meinungswandel kein evolutionärer Nachteil sind; die Philosophin Helena Cronin zeigt, dass es unter Männer zwar mehr Nobelpreisträger gibt, aber auch mehr Trottel; und Anton Zeilinger erzählt von seinem Irrtum, die Quantenphysik einst für "nutzlos" gehalten zu haben.
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John Brockman - Zukunftsfragen seit elf Jahren
John Brockman hat in seinem 1995 erschienenen Buch "Die Dritte Kultur" einen Ausdruck von C.P. Snow aus den 1950er Jahren übernommen und popularisiert, der eine Synthese von der "ersten Kultur" der Geisteswissenschaft und einer "zweiten" der Naturwissenschaft propagierte. Seit 1998 stellt er auf seiner Homepage "Edge" Weggenossen seine Zukunftsfragen.
->   Die Dritte Kultur (Edge)
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Meinungsänderung kein (evolutionärer) Nachteil
Der Evolutionsbiologe Richard Dawkins findet in seiner Antwort, dass "Flip-Flops" keine Nachteile sein bzw. haben sollten. Er freut sich, dass Politik und Wissenschaften verschieden sind. "In der Wissenschaft gewinnt man an Ansehen, wenn man die Ansichten ändert. Wenn ein Wissenschaftler das nicht tut, ist er engstirnig, unflexibel und dogmatisch."

Als persönliches Beispiel führt er seine Meinungsänderung gegenüber dem sogenannten Handicap-Prinzip an. Während er die These noch in der ersten Auflage seines erfolgreichen Buchs "Das egoistische Gen" ablehnte, ist er heute ein Anhänger von ihr.

Die These des Zoologen Amotz Zahavi besagt, dass scheinbare evolutionäre Nachteile von Lebewesen - etwa die berühmten Schwanzfedern männlicher Pfaue - Zeichen besonderer genetischer Fitness sein können.
->   Richard Dawkins: A flip-flop should be no handicap
Menschen sind verschieden
Der Psychologe Mark Pagel hat sich in der Frage geirrt, wie stark sich die Menschen voneinander unterscheiden. Er beklagt die "Zensur der Sozialwissenschaften der vergangenen vierzig Jahre", wonach es keine Rassen gebe und alle Menschen gleich seien. Moderne Studien hätten aber gezeigt, dass zumindest ein halbes Prozent unseres Erbgutes variabel sei.

"Ob man will oder nicht, es mag Genunterschiede geben, die Gruppen - auch Rassen - anpassungsfähiger an bestimmte Umweltbedingungen macht als andere. Was nicht heißt, dass eine dieser Gruppen anderen überlegen wäre."

Der Evolutionspsychologe Steven Pinker setzt seinen Irrtum früher an. Er hält den Moment für gekommen, von dem Glauben abzurücken, dass die Evolution des Menschen durch das Aufkommen der Landwirtschaft zu seinem Ende gekommen sei.

"Im Gegenteil, vielleicht hat sich die natürliche Selektion in den vergangenen tausenden Jahren sogar noch beschleunigt.
->   Mark Pagel: We Differ More Than We Thought
->   Steven Pinker: Have Humans Stopped Evolving?
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Die komplette Frage 2008
Wenn Denken Ihre Meinung verändert, dann ist das Philosophie. Wenn Gott Ihre Meinung verändert, dann ist das Glaube. Wenn Fakten Ihre Meinung verändern, dann ist das Wissenschaft. "Wobei haben Sie Ihre Meinung geändert? Und warum?"
->   Die Edge-Frage 2008
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Geschlechterdifferenz: Natur und Umgebung
Einige Antworten kreisen um die Frage der Geschlechterdifferenz. Die Psychologin und "Feministin" Diane Halpern glaubte früher, dass Unterschiede zwischen Frauen und Männern durch Erfahrungen bedingt sind.

Mittlerweile ist sie zur Überzeugung gelangt, dass es "reale, manchmal messbare Unterschiede in den kognitiven Fähigkeiten" gibt. Das sei aber kein Grund für Diskriminierungen oder Festhalten am Status Quo - etwa was die geringe Zahl von Frauen in akademischen Führungspositionen betrifft.

"Natur und Umgebung interagieren nicht nur miteinander, sie verändern sich auch grundlegend."
->   Diane Halpern: From A Simple Truth To "It All Depends"
Männer: Mehr Nobelpreisträger und mehr Trottel
Eine Meinungsänderung in gleicher Sache erfuhr die Philosophin Helena Cronin. Während sie sich früher Geschlechterunterschiede durch die Differenz der Talente, Temperamente und Geschmäcker erklärte, glaubt sie nun auch an deren statistische Verteilung.

Frauen, schreibt sie, "sind ziemlich dasselbe, befinden sich eher bei den Mittelwerten. Bei Männern können die Unterschiede zwischen den besten und den schlechtesten riesig sein".

Mit anderen Worten: "Unter Männern gibt es mehr Nobelpreisträger, aber auch mehr Trottel."
->   Helena Cronin: More dumbbells but more Nobels: Why men are at the top
Eheversprechen macht Liebe stärker
Auf andere Weise trägt der Psychologe Daniel Gilbert zum Geschlechterverhältnis bei. Er hat seine Meinung zur Meinungsänderung geändert. "Sinneswandel ist ein Zeichen von Intelligenz, aber die Freiheit dazu hat auch seinen Preis."

Vor sechs Jahren entdeckte er mit einer Kollegin, dass Menschen dann mit Entscheidungen glücklicher sind, wenn sie endgültig sind. Denn bei endgültigen Urteilen konzentrieren sie sich eher auf die positiven Aspekte, bei umkehrbaren ist dies weniger der Fall.

Dies wirke sich auch auf die Institution der Ehe aus, die die Liebe antreiben kann. Deshalb hat er auch seine Freundin gefragt, ob sie ihn heiraten wolle. "Sie sagte ja. Und in der Tat: Ich liebe meine Frau mehr als ich meine Freundin geliebt habe."
->   Daniel Gilbert: The Benefit of Being Able to Change My Mind
Internet: Selbstkontrolle wichtiger als Datenschutz
Die Web-Vordenkerin Esther Dyson hat sich wiederum bei der Frage nach dem Schutz privater Daten im Internet geirrt. Statt zu versuchen, die Privatheit effektiv zu schützen, sind den meisten entgegen ihren Annahmen diese Dinge gar nicht wichtig: "Den meisten Benutzern der [zuletzt wegen der Ankündigung, private Daten weiterzugeben, heftig umstrittenen] Networking-Plattform Facebook geht es darum, dass möglichste viele Menschen ihr Profil sehen."

Die Frage sei nicht mehr, wie man Datenschutz betreibt, sondern wie man den Usern bessere Werkzeuge gibt, um ihre Daten selbst zu kontrollieren, schreibt Dyson.
->   Antwort von Esther Dyson
Zeilinger: Quantenphysik ist nicht nutzlos
In eine andere Kerbe schlägt Österreichs alljährlicher Beitrag zur Frage von "Edge": Anton Zeilinger schreibt, wie er vor 20 Jahren Journalisten von der Nutzlosigkeit seiner Quantenphysik "stolz" berichtete.

Ähnlich wie eine Beethoven-Symphonie liege der Zweck der Forschung in sich selbst - dachte er damals. Heute sei alles ganz anders: Mit Quantenkryptographie, Quantencomputer und Quantenteleportation haben sich ganz neue Forschungsfelder aufgetan, die anwendungsorientiert sind.

"Man soll daher nie sagen, dass die eigene Forschung 'nutzlos' ist", lautet die Einsicht von Zeilinger.
->   Anton Zeilinger: I used to think what I am doing is "useless"
Paranormales, Maoismus und Falsifizierbarkeit
Weitere interessante Meinungswandel: Die Neuropsychologin Susan Blackmore hat sich früher auch persönlich mit paranormalen Phänomen beschäftigt und sie danach empirisch Stück für Stück widerlegt.

Der Musiker Brian Eno war früher bekennender Maoist, hält dies mittlerweile für monströs und glaubt heute mehr an die Evolution als an die Revolution.

Craig Venter, der Entschlüssler der menschlichen DNA, hat nunmehr gelernt, dass die Erde das von Menschen produzierte CO2 nicht mehr länger wird aufnehmen können und fordert schnelle Gegenmaßnahmen.

Und die Philosophin Rebecca Goldstein geht ans Eingemachte: Sie hält die Theorie der Falsifizierbarkeit, wie sie Karl Popper aufgestellt hat, heute nicht mehr für einen verlässlichen Indikator der Wissenschaftlichkeit.

Lukas Wieselberg, science.ORF.at, 9.1.08
->   Susan Blackmore: The Paranormal
->   Brian Eno: From Revolutionary to Evolutionary
->   Craig Venter: The importance of doing something now about the environment
->   Rebecca Goldstein: Falsifiability
Mehr zu den Zukunftsfragen von John Brockman:
->   Was Wissenschaftler optimistisch macht (5.1.07)
->   Wer drückt der Wissenschaft seinen Stempel auf? (13.1.04)
->   Die "wichtigsten Zukunftsfragen der Wissenschaft" (20.1.03)
 
 
 
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