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Die Ursachen der aktuellen Finanzkrise  
  Die weltweite Finanzkrise ist nach Expertenmeinung noch lange nicht ausgestanden. Im Zentrum der Erklärungen standen bisher vor allem unverantwortliche Kreditvergaben und die Unterschätzung von Anlagerisiken. Der Volkswirt Gunther Tichy von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften betont hingegen die Änderungen der Finanzinstitutionen der vergangenen Jahre. Weltweit wird zu viel gespart, auf hohe Renditen spekuliert und zu wenig investiert, schreibt er in einem Gastbeitrag.  
Spart die Welt zu viel?
Von Gunther Tichy

An der Oberfläche mag die amerikanische subprime crisis und ihre inzwischen weltweiten Auswirkungen nach einer Mischung von unverantwortlicher Kreditvergabe und drastischer Unterschätzung von Anlagerisiken durch die Finanzinstitutionen aussehen: "Kredithaie" verführten "unbedarfte Bürger" zu unüberlegten Immobilienkäufen auf Kredit, die "Gier" in den Chefetagen der Finanzriesen erfand die Finanzinnovation des "bundling" um diese hochriskanten Kredite an "Ahnungslose" zu verkaufen.

Diese Einschätzung ist keineswegs falsch, aber dennoch nicht ungefährlich, weil sie den Eindruck erweckt, "anständigeres" Verhalten der Banken hätte die Krise vermeiden können.

Sie übersieht die enormen institutionellen Änderungen, die alle Beteiligten mit der Unvermeidlichkeit einer griechischen Tragödie in die Krise schlittern ließen.
Finanzkapital sucht Anlagemöglichkeiten
Die öffentliche Diskussion, die sich Sorgen um die Finanzierbarkeit von Investitionen macht, übersieht, dass zumindest auf den Finanzmärkten seit Längerem ein Überangebot besteht: Die Banken sind in einen "Anlagenotstand" geraten, weil sie mehr Ersparnisse erhalten als sie sicher und ertragreich veranlagen können.

In Europa ist die erste Erbengeneration herangewachsen, nach der Vernichtung der Vermögen durch zwei Kriege und die tiefe Krise der dreißiger Jahre, in den USA werden die Reichen immer reicher.
Schwellenländer wurden zu Kreditgebern
Das Überangebot von Ersparnissen der neuen Vermögenden in den Industriestaaten wird auf dem Weltfinanzmarkt dadurch verschärft, dass auch in Russland, in Südost-Asien, vor allem in China, und selbst in Lateinamerika in den letzten Jahren erheblich mehr gespart als investiert wurde.

Teils ist das Folge der explodierenden Einkommen aus den hohen Rohstoff- und Agrarpreisen, teils Folge der ungleichen Einkommensverteilung, teils Folge merkantilistischer, exportzentrierter Politik.

Statt Kreditnehmer sind die emerging economies Kreditgeber geworden. Anders als nach (ver)einfach(t)er ökonomischer Logik fließt Kapital von den emerging economies in die Industriestaaten.
Anlagemöglichkeiten schrumpfen
Die Anlagemöglichkeiten der Banken schrumpfen zusehends: Wer kreditfähig wäre, braucht oder will kein Geld, wer Finanzmittel sucht, birgt ein hohes Schuldner-Risiko. Auch die europäischen Regierungen, vor Maastricht gute - und sichere - Kunden der Banken, sind als Kreditnehmer weitgehend ausgefallen.

Die neuen Vermögensbesitzer begnügen sich zwangsläufig nicht mehr mit der Anlage auf Sparbuch, teils wegen der Höhe der Vermögen, teils weil die Sparbuch-Zinsen infolge des Überangebots an Ersparnissen kaum noch die Geldentwertung abdecken.

Sie drängen auf höher verzinste, "höherwertige" Anlageformen, und beauftragen diejenigen Finanzinstitutionen, die solche anbieten.
Höhere Renditen haben höheres Risiko
Dass gerade die höchsten Renditen mit dem höchsten Risiko verbunden sind, wird selbst von gebildeten, beruflich erfolgreichen Menschen weitestgehend ignoriert, außer vielleicht - hysterisch überschießend - in ernsten Krisen.

Dass diese Risiko-Ignoranz von unsoliden Finanzinstitutionen ausgenutzt wurde (und auch in Zukunft ausgenutzt werden wird) steht außer Zweifel, aber die Folgen davon gehen weit über das Strafrecht hinaus.

Denn die (uneinhaltbaren) Versprechungen lassen bei den Anlegern Renditevorstellungen und -erwartungen entstehen, die auch solide Finanzinstitutionen nicht völlig ignorieren können. Auch sie müssen hoch-rentierende, damit riskante Anlageformen anbieten, und deren Risiko aus Konkurrenzgründen kleinreden.
Konkurrenz führte zu höherem Risiko
Die gegenwärtige Finanzkrise resultiert somit letztlich aus der Kombination eines Überschusses Anlage-suchenden Kapitals mit dem Wahn aller Beteiligten, hohe Renditen, zumeist höhere zweistellige, erreichen zu müssen - eine ökonomisch perverse Situation, weil ein Sparüberschuss niedrige, nicht hohe Renditen impliziert.

Unter dem Druck der Konkurrenz konnten sich weder die Manager der Industriefirmen noch der Banken dem, durch die Finanzmarktinstitutionen verstärkten, Druck der Anleger auf höhere Renditen widersetzen.

Sie mussten nicht bloß hohe Renditen versprechen, sie bemühten sich auch diese tatsächlich zu erreichen. Dafür mussten sie natürlich hohe Risiken eingehen. Nun wäre es falsch zu behaupten, dass die Beteiligten der Risiken nicht bewusst gewesen wären, die im Ausnutzen der äußersten Grenzen der Gewinnmöglichkeiten liegen, ob bei Derivaten oder subprime-Krediten.

Aber die Konkurrenz ließ wenig Alternativen, und man versuchte das inhärente Risiko zu begrenzen: durch neue Instrumente des Risikomanagement, und bei den subprime-Krediten durch hypothekarische Besicherung, durch Bündelung der Risiko-Kredite und durch zusätzliche Versicherung.
Fehleinschätzungen: Optimismus der subprime-Kredite ...
Allerdings kam es zu zwei gröberen Fehleinschätzungen. Zunächst die für das Land des nahezu unbegrenzten Optimismus typische Konstruktion der subprime-Kredite: Sie sind zunächst sehr niedrig oder gar nicht verzinst, erst in der rosigen (!?) Zukunft steigen die Raten.

Dass diese steigende Belastung gerade diese, besonders schwachen Kreditnehmer in Jahren schlechter Konjunktur überfordern würde, bzw. dass sinkende Hauspreise die hypothekarische Absicherung obsolet machen könnten - diese Gefahr ignorierte man unter dem Druck der Rendite-Hoffnungen.

Es mangelte ja an alternativen hoch-rentierenden Anlageformen zur Befriedigung der Ansprüche der Anleger und Aktionäre.
... und ihre Versicherung
Die zweite Fehleinschätzung betraf die Versicherung der subprime-Kredite: Sie erfolgte bei spezialisierten monoline-Versicherern, die ein wenig gestreutes Portefeuille haben, und schon aus diesem Grund krisenanfällig sind.

Überdies mangelte es ihnen an Erfahrung, da die Versicherung von Wohnbaukrediten für sie vielfach ein neuer Geschäftszweig war; zuvor hatten sie Kommunalkredite versichert.

Demgemäß wurden sie von dem "Makro-Risiko" fallender Hauspreise und der Welle der Kreditausfälle überfordert, der berühmte Dominoeffekt begann zu wirken: Zahlungsunfähigkeit der Hauskäufer - Großausfälle und Zahlungsunfähigkeit der Versicherer - Großausfälle bei den Banken - Vertrauenskrise im Bereich der Gewährung von Zwischenbankkrediten.
Grundprobleme bleiben
Die Schlussfolgerungen, die aus der Finanzkrise gezogen werden müssen, sind somit komplexer als die übliche Diskussion vermuten lässt. Die Banken mögen aus der Erfahrung lernen und in Zukunft vorsichtiger sein, die Regulierung mag schärfer werden.

Aber das Grundproblem: Sparüberschüsse und überzogene Renditeerwartungen lässt sich damit nicht ohne weiteres aus der Welt schaffen.

[16.4.08]
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Über den Autor
Tichy Gunther, Univ.-Prof. i. R. Dr., Karl-Franzens Universität Graz, Österreichische Akademie der Wissenschaften
->   Gunther Tichy, ÖAW
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01.01.2010