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Kinder: Durch Gesten sprechen lernen  
  Eltern kommen sich oder anderen mitunter blöd vor, wenn sie ihrem noch sprachlosen und scheinbar unverständigen Kind die Welt bis ins Kleinste erklären. Doch das, was wie endlose Selbstgespräche aussieht, ist für die Sprachentwicklung genau richtig. Kinder entwickeln so langfristig einen größeren Wortschatz und bilden komplexere Sätze. Dasselbe gilt laut einer aktuellen Studie auch für Gesten. Demnach haben bereits Kleinstkinder, deren Eltern vielfältige Gesten verwenden, einen größeren "Gestenschatz". Später entwickeln sie einen größeren Wortschatz und sind besser in der Schule.  
Das Traurige daran: Laut den US-amerikanischen Psychologen sind Kinder mit niedrigen sozialen Status dabei wie so oft im Nachteil.
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Die Studie "Differences in Early Gesture Explain SES Disparities in Child Vocabulary Size at School Entry" von Meredith L.Rowe and Susan Goldin-Meadow ist in der aktuellen Ausgabe von "Science"(Bd. 323, 13. Februar 2009, DOI: 10.1126/science.1167025) erschienen.
->   Zum Abstract der Studie
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Gesten vor Worten
Bevor ein Kind die ersten Worte spricht, schreit es, um seine Bedürfnisse zu auszudrücken, oder produziert unverständliche Lautketten zum Training des Sprechapparats. Dennoch kann es, schon deutlich bevor es sich sprachlich artikuliert, durchaus auch Inhalte mitteilen, in erster Linie durch Gesten wie Zeigen - ungefähr ab dem zehnten Lebensmonat.

Gestik ist eine Möglichkeit, Bedeutung zu verpacken und so gesehen für die Sprachentwicklung sehr wichtig. Immerhin gehen manche Sprachursprungstheorien sogar davon aus, dass sich unsere Verbalsprache aus Gesten entwickelt hat.
Alltägliche Kommunikation
Für ihre Langzeitstudie beobachteten die Forscher vom Department of Psychologie der University of Chicago 50 Familien mit unterschiedlichem sozialökonomischen Hintergrund.

Alle vier Monate besuchten sie deren Kind und dessen Erstversorger, das erste Mal im Alter 14, das letzte Mal mit 54 Monaten. Währenddessen wurden sie 90 Minuten bei alltäglichen Aktivitäten gefilmt, wie sie spielen, essen oder ein Buch anschauen. Für die Analyse wurden alle verwendeten Worte und Gesten transkribiert. Am Ende wurde zusätzlich ein Sprachverständnistest durchgeführt.
Frühe soziale Unterschiede
Laut den Wissenschaftlern hatten jene Viereinhalbjährigen, die mit einem Jahr mehr unterscheidbare Bedeutungen durch Gesten ausgedrückt hatten, einen viel größeren Wortschatz. Zudem stellten die Forscher fest, dass auch deren Eltern deutlich mehr Gesten verwendeten.

Die wortgewandten Kinder stammen mehrheitlich aus sozioökonomisch besser gestellten und gebildeteren Familien. "Soziale Unterschiede bei der Verwendung von Gesten sind bereits messbar, lange bevor man sie in der gesprochenen Sprache feststellen kann", so die Studienautorin Meredith Rowe.

Laut den Forschern ist die geringere Ausdrucksmöglichkeit oft ein Grund für späteres Versagen in der Schule. Das Scheitern wird den Kindern sozusagen mit in die Wiege gelegt.
Kommunikation fördern
Dafür, warum Kinder mit mehr Gesten später einen größeren Wortschatz entwickeln, haben die Forscher zwei mögliche Erklärungen. Sie könnten eine indirekte Rolle spielen: "Wenn ein Kind auf eine Puppe zeigt, antwortet die Mutter mit 'Ja, das ist eine Puppe.' So erhält das Objekt eine Bezeichnung. Monate später wird das Wort dann Teil des kindlichen Vokabulars", so Rowe.

Es könnte aber auch einen direkteren Zusammenhang geben. Die Gesten ermöglichen dem Kind, mit Hilfe der Hände etwas auszudrücken, wofür sie noch keine Worte finden.

Unabhängig vom darunterliegenden Mechanismus, sollte man laut den Forschern, die Kommunikation zwischen Eltern und Kindern fördern - verbal und gestisch. Bei Kindern aus "besserem Haus" ist das ohnehin mehrheitlich der Fall. Sozial schwächere Familien haben leider oft andere Sorgen.

Eva Obermüller, science.ORF.at, 13.2.09
->   Meredith Rowe
->   www.babyzeichensprache.com
Mehr dazu in science.ORF.at:
->   Grammatik der Gebärden ist universal (1.7.08)
->   Studie: Vorzeitiger Bildungsabbruch ist "erblich" (10.4.08)
->   Ursprung der Sprache: Wau-wau, aua oder da-da? (8.6.05)
 
 
 
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