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Das ungelöste Problem Atomendlager  
  Es gibt rund 440 Atomkraftwerke weltweit - und kein einziges Endlager für den hochradioaktiven Müll. Zahlreiche Länder arbeiten zwar an Endlager-Konzepten, das Problem der Atommüll-Entsorgung wurde aber bisher weder politisch noch technisch gelöst.  
So will etwa eine Gruppe von Ländern die Brennelemente so wie sie sind endlagern. Die andere Gruppe wiederum möchte die Brennelemente aufarbeiten lassen und die wertvollen Rohstoffe zurückgewinnen. Dazu gehören Japan und Frankreich.
La Hague: Hochradioaktiver Müll wird verglast
Japan zum Beispiel schickt die abgebrannten Elemente regelmäßig mit Spezialbooten ins französische La Hague, wo die Stoffe Resturan und Plutonium recycelt werden. Der hochradioaktive Müll wird "verglast", diese Glasblöcke sollen als Konzentrat gelagert werden.

Für diese hochaktiven Spaltproduktkonzentrate gibt es in Frankreich bereits ein Lager, allerdings ist dies noch kein Endlager; denn es muss erst Erfahrung gesammelt werden, wie sich Glas unter der intensiven Bestrahlung und Wärmeentwicklung verhält.
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Futuristische Ideen zur Entsorgung
Manche Ideen zur Entsorgung von Atommüll muten reichlich bizarr an. So wurde etwa das Konzept entwickelt, den Abfall an die Ränder der Kontinentalplatten zu lagern und ihn den Erdkräften zu überlassen. Im Lauf der Jahrtausende sollte der Müll dann ins Erdinnere gezogen werden.

Andere Forscher wiederum wollen den Atommüll auf "Mission Eternity" schicken, mit Raketen ins Weltall. Bei diesem Szenario spielt allerdings auch die Angst mit, dass die Rakete beim Start explodieren und eine nukleare Katastrophe anrichten könnte.

In den 1970er Jahren wurde einer Idee durch Verbote der Riegel vorgeschoben: die Endlagerung von Atommüll im Meeresgrund.
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Forschung an "geologischen Endlagern"
Ein Endlager ist per definitionem ein Lager, das nach Befüllung verschlossen wird und über etliche 1.000 Jahre unbeobachtet bleiben kann. Deshalb konzentriert sich die Forschung mittlerweile auf geologische Endlager, Lager in Tausenden Metern Tiefe im Gebirgsformationen.
Vielversprechendes Salzgestein
In Deutschland untersucht die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe in Hannover im Auftrag des Bundesamtes für Strahlenschutz die Eignung von Gesteinen für die Endlagerung.

Die deutschen Forscher konzentrieren sich in erster Linie auf Salzgestein, dabei vor allem auf das Endlagerprojekt Gorleben. Obwohl für Gorleben ein Moratorium für die Erkundungsarbeit für die nächsten drei bis zehn Jahre beschlossen wurde, gibt es dennoch ausreichend Material für die Forschung.
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Bisher keine Befunde gegen Salzgestein
"Wir beschränken uns auf die bisher ermittelten Daten. Diese genau zu bewerten dauert ein bis drei Jahre", sagt Volkmar Bräuer von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe in Hannover. "Was sich jetzt schon als Ergebnis festhalten lässt, ist, dass sich die von uns erstellte Prognose aus den 1980er Jahren bestätigt: Bisher sprechen keine Befunde gegen Salzstock als Endlagerstandort."
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Salz hält dicht ...
Steinsalz hat positive Eigenschaften, schildert Bräuer. Im Gegensatz zu kristallinem Gestein wie Granit oder Gneis - beide sind mit Klüften durchzogen, in denen Wasser, die größte Gefahr, falls Radionukleide austreten, fließen kann - schließt es den Abfall vollkommen ein.

Allerdings führt der komplette Einschluss durch das Steinsalz dazu, dass - falls es zu einer Gasentwicklung kommt - dieses Gas großen Druck aufbauen und es zu Rissen in den Lagerbehältnissen kommen kann.
Kritiker bemängeln die vielen Transporte
Deutschland arbeitet jetzt auf ein Endlager hin, das sowohl schwach- und mittelradioaktiven Müll als auch hochradioaktiven Müll ansammelt. Das schließt allerdings auch ein, dass viele Transporte quer durch Deutschland nötig sein werden, meinen Kritiker.
Ein weltweites Atommüll-Lager?
Immer wieder taucht auch der Vorschlag auf, ein Atomendlager für den gesamten Müll aller Länder weltweit einzurichten. Schon vor 15 Jahren haben sich einige Staaten angeboten, kann sich Helmuth Böck vom Atominstitut der Österreichischen Universitäten erinnern.

Damals waren es allerdings "sensible" Staaten wie Lybien, China oder der Iran, die den Atommüll annehmen wollten.
Experte: "Finanziell sinnvoll"
"Es wäre finanziell sicher sinnvoll, ein internationales Lager zu finden. Ein Lager zu bauen kommt billiger als mehrere. Die politische Frage, in welchem Land, wird allerdings schwer zu lösen sein", meint Böck.
Kritik: Endlager in der Dritten Welt?
Ob das wirklich sinnvoll ist, fragt sich allerdings Antonia Wenisch vom Österreichischen Ökologie-Institut. Denn die Überlegung, möglichst wenig von diesem Müll herumzufahren, habe ihre Berechtigung.

Sie glaubt zudem, dass man sich die schwächsten Länder, nämlich in der Dritte Welt, für ein Endlager aussuchen und sie "in kolonialistischer Weise mit unserem Müll überschwemmen wird".
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Endlager in Österreich
Im österreichischen Seibersdorf gibt es ein Lager für schwachradioaktiven Atommüll. Dort entsorgen Industrie und in erster Linie alle Spitäler, die nuklearmedizinische Behandlungen anbieten, ihre Abfälle. Dazu kommt der Atommüll aus der Forschung. In einem oberirdischen Lager wird der Abfall in 200-Liter-Fässern mit Beton oder Bitumen eingegossen.

Diese Halle war schon Anfang der 1990er Jahre voll. Eine Arbeitsgruppe wurde damals mit der Feststellung eines geologischen Endlagerstandortes für mittel- und schwachradioaktiven Müll beauftragt. Ergebnis: Eine zweite Halle wurde in Seibersdorf gebaut. Mitte 2005 wird wieder eine Entscheidung fallen müssen, weil auch die zweite Halle voll sein wird.
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Überwachung über Tausende Generationen
"Ich denke, dass man die Option ins Auge fassen muss, über Tausende Generationen den Atommüll zu überwachen", sagt Wolfgang Kromp vom Institut für Risikoforschung der Universität Wien.

Kromp neigt nicht dem Fortschrittsglauben zu, dass die Technik immer besser wird. Er kann sich sogar das gegenteilige Szenario vorstellen.

"Künftige Generationen haben es möglicherweise schwerer unseren Atommüll zu bearbeiten oder wegzuräumen", meint er. Das Problem sollte deshalb nicht einfach so gelöst werden: "Ab in die Tiefe und Deckel zu."
Geht das Wissen um die Gefahr verloren?
Für die Forschung stellt sich vor allem eine Frage: Wie wird in Tausenden von Jahren kommuniziert? Wie kann man künftigen Generationen verständlich machen, dass dieser in der Erde gelagerte Müll lebensgefährlich ist?

In den USA wurde bereits eine Kommunkations-Studie angefertigt, sie kommt zum Schluss: Es gibt noch kein dauerhaftes Zeichensystem. Ein Totenkopf ist kein weltumspannendes Zeichen für Gefahr und wer wird später noch das Zeichen für Radioaktivität kennen?

Ulrike Schmitzer, Ö1 Wissenschaft
->   Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe in Hannover
->   Bundesamt für Strahlenschutz
->   Atominstitut der Österreichischen Universitäten
->   Österreichisches Ökologie-Insitut
->   Institut für Risikoforschung der Universität Wien
Mehr Artikel rund um Atomkraft in science.orf.at:
->   Auf der Suche nach den Spuren von Atomtests
->   Enrico Fermi, der "Vater des Atomreaktors", wird 100
->   Wie "terrorsicher" sind Atomkraftwerke?
 
 
 
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01.01.2010