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Noten und Neuronen  
  Wo Musik im Hirn verarbeitet wird, ist bereits teilweise erforscht. Wie und warum Musik im Hirn wirkt - also die Neurobiologie des Musikhörens - ist jedoch noch unklar. Dieser Effekt wird inzwischen von Neurobiologen, Physikern und Musikpädagogen heftig diskutiert.  
Den entscheidenden Anstoß dazu lieferte eine umstrittene Studie aus dem Jahr 1993, die unter dem Schlagwort "Mozart-Effekt" bekannt wurde. In diesen Untersuchungen stellten zwei US-Forscher einen Zusammenhang zwischen einer Mozart-Sonate und höheren kognitiven Leistungen her.
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Der "Mozart-Effekt"
Der Physiker Gordon Shaw und die Pädagogin Frances Rauscher hatten an der Universität von Irvine in Kalifornien bei einem bestimmten Intelligenztest eine interessante Beobachtung gemacht: Die Studenten, denen sie vor dem Test die Mozart-Sonate Kv 448 vorspielten, erbrachten bessere kognitive Leistungen. Ihr räumliches Vorstellungsvermögen war gegenüber der Kontrollgruppe ohne Musik deutlich gesteigert.

Don Campbell, ein findiger Psychologe, ließ den Begriff "Mozart-Effekt" patentieren. Das Geschäft mit der "heilsamen und intelligenzfördernden" Wirkung der Musik begann zu blühen.
->   Mehr zum "Mozart-Effekt" in science.ORF.at
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Vernetzungen und ...
Parallel dazu mehrten sich jedoch kritische Stimmen. Der Hauptvorwurf lautete: die Untersuchungen über die Wirkung der Musik seien wissenschaftlich nicht exakt. Deshalb arbeiten nun weltweit Musikwissenschaftler, Musikpädagogen und Neurobiologen an harten Fakten.

Neueste Forschungen belegen tatsächlich einen statistischen Zusammenhang zwischen aktiver Beschäftigung mit Musik und einer dichteren Vernetzung der Neuronen.
... schnelles Gedächtnis
Dieser Effekt gilt allerdings nur für die Beschäftigung mit "komplizierter" Musik: Klassische Musik eignet sich dafür, aber auch moderne anspruchsvolle Musik. Ein gut vernetztes Gehirn bedeutet kognitive Schnelligkeit.

Der Grund für die vernetzungsfördernde Wirkung der Musik liegt darin, dass beim Musizieren alle Sinne sowie die Emotionen angesprochen werden. Auch andere Tätigkeiten, die diese Komponenten umfassen, fördern die Vernetzung der Nervenzellen im Gehirn.
Negativ-Effekte bei "harten Beats"
Das rein passive Konsumieren von Musik hat jedoch keine positiven Langzeiteffekte. Das haben Studien des Tübinger Verhaltensneurobiologen Nils Birbaumer ergeben. Das lange Anhören von rein rhythmischer Musik reduziert sogar die Vernetzungsdichte.

Zur aktiven Beschäftigung mit Musik ist es übrigens nie zu spät: Lange galt das Dogma, dass spätestens mit der Pubertät das Gehirn nach dem Motto "Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr" völlig ausgereift sei. Das ist von der neuesten Hirnforschung inzwischen eindeutig widerlegt.
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"Mental Speed" als Vorraussetzung?
Auch der Freiburger Musikpädagoge Wilfried Gruhn forscht am Zusammenhang zwischen musikalischer Tätigkeit und einer besseren Vernetzung im Gehirn.

Belege für eine ursächliche Beziehung zwischen musikalischer Förderung und kognitiver Schnelligkeit gibt es bisher aber nicht, sagt Wilfried Gruhn. Er vermutet, dass möglicherweise "mental speed" die Grundvoraussetzung für die Beschäftigung mit Musik ist.
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Musik für die Gemeinschaft
Für bildungspolitischen Diskussionsstoff sorgte eine Langzeitstudie des Frankfurter Musikpädagogen Günther Bastian. Er hatte zwischen 1992 und 1998 in Berlin Volksschulkinder untersucht und kam zu dem Ergebnis, dass Musik die soziale Integration von Kindern fördert.

"Mozart oder Molotow?" - auf diese Kurzformel wurden die Ergebnisse seiner Studie gebracht. Dagegen wehrt sich Günther Bastian inzwischen.
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Details der Studie
Bastian verglich Kinder an Modellschulen mit erweitertem Musikunterricht mit Kindern ohne oder mit wenig Musikunterricht. Getestet wurden Persönlichkeitsmerkmale wie Intelligenz, Kreativität, Leistungsmotivation, emotionale Stabilität und vor allem die soziale Komponente. Sein wichtigster Befund war, dass es in Klassen mit Musikschwerpunkten deutlich weniger Außenseiter gab.
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Probleme mit der Messung
Neurobiologen hingegen untersuchen die Wirkung der Musik auf die Neuronen mit verschiedenen Methoden, aber jede Methode hat Schwachstellen.

Einer der wichtigsten Gründe dafür ist, dass an Menschen Hirnfunktionen, die bei der Beschäftigung mit Musik ablaufen, schwierig zu testen sind. Invasive Verfahren sind jedoch nur am Tier möglich.

Die Erforschung dessen , was sich beim Musikhören oder Ausüben exakt im Hirn abspielt, steckt also noch in den Kinderschuhen.
Parallelen zwischen Optik und Akustik
Wolf Singer, Leiter des Max-Planck-Instituts für Hirnforschung in Frankfurt untersucht die visuelle Wahrnehmung. Die Abläufe beim Sehen im Gehirn sind weit besser erforscht als jene beim Hören.

Aus dem, was man über Hirnfunktionen heute weiß, kann man aber schließen, dass die akustische Wahrnehmung ähnlich organisiert ist wie die visuelle.

Die Verarbeitung ist stark parallel verteilt und nicht hierarchisch gesteuert. Für Hirnprozesse ist außerdem wichtig, dass Nervenzellen im gleichen Takt arbeiten.
Bekanntes und Unbekanntes
Einfach ist die Erklärung für die unmittelbar Wirkung der Musik bei den Musikstücken, die wir schon kennen, oder die uns an bestimmte Situationen erinnern. Diese Musikstücke werden im Gehirn wie reale Dinge abgespeichert, so Singer.

Viel komplizierter ist eine Erklärung dafür, warum Musik schon beim ersten Hören extrem stark wirken kann.

Singers These dazu lautet: Musik stimuliert im Gehirn genau die raumzeitlichen Muster, die bei der Entstehung von Emotionen auftreten, nur - Musik wirkt abstrakt, während sonst Emotionen immer an konkrete Dinge gebunden sind.
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Musik wirkt ohne "Blitzableiter"
Gerade weil wir in der Musik keinen Blitzableiter in die reale Welt haben, können wir uns nicht gegen sie wehren. Wenn wir einen Tiger sehen und uns fürchten, können wir uns damit trösten, dass er hinter Gittern ist und so können wir unsere Furcht eindämmen. Bei Musik sind wir den Emotionen ausgeliefert, so die Erklärung Singers.
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Des Menschen bester Rhythmus
Eine andere Erklärung dafür, warum eine bestimmte Musik auf bestimmte Menschen wirkt, bietet der Berliner Physiker und Chronobiologe Hans Ulrich Balzer.

Er hat die biologischen und biochemischen Rhythmen von Menschen untersucht und festgestellt, dass sich Menschen von der Musik angesprochen fühlen, die ihrem Rhythmus entspricht.

Maria Mayer-Flaschberger, Ö1-Wissenschaft

Mehr zum Thema "Die Neurobiologie des Musikhörens" erfahren Sie am Montag, den 11. März 2002 um 19.00 Uhr in der Sendung "Dimensionen - die Welt der Wissenschaft" in Radio Österreich 1.
->   Radio Österreich 1
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