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Kein "Zwutschkerl": Bairische Mundarten in Österreich  
  Auch wenn es manche überraschen mag: Man spricht "bairisch" in Österreich - das "alemannische Vorarlberg" einmal ausgenommen. Im Duden sucht man aber den Wortschatz der bairischen Mundarten in Österreich immer noch vergeblich. Seiner Dokumentation hat sich, seit immerhin schon neunzig Jahren, ein großangelegtes Wörterbuch-Projekt der Akademie der Wissenschaften verschrieben, wie Hubert Bergmann (ÖAW) in der Reihe "Young Science" berichtet.  
Das Wörterbuch der bairischen Mundarten in Österreich - ein Jahrhundertprojekt
Von Hubert Bergmann, ÖAW

Alles begann 1911, als an der damals noch Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften in Wien im Verein mit ihrer bayerischen Schwesterinstitution beschlossen wurde, eine "Kommission für das Bairisch-Österreichische Wörterbuch" einzurichten.

Damit sollte eine möglichst vollständige Dokumentation des Wortschatzes des bairischsprachigen Altösterreichs und Bayerns geschaffen werden, in Anknüpfung an Johann Schmellers Bayerisches Wörterbuch aus dem 19. Jahrhundert. Das Wort "bairisch", welches das Wörterbuch auch heute noch im Titel führt, sorgt dabei häufig für Missverständnisse
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Österreich: Man spricht "bairisch"
Die Mundarten des Deutschen fasst man zu dialektalen Großlandschaften zusammen. Der Süden des deutschen Sprachraums zerfällt dabei ins Alemannische im Westen, das z.B. in der Schweiz, in Baden-Württemberg und Schwaben gesprochen wird, und in das Bairische im Osten.

Mit Ausnahme der in Vorarlberg gesprochenen Mundarten, die allesamt zum Alemannischen gezählt werden, spricht man somit in ganz Österreich einschließlich Südtirol bairisch. Dieses bairisch wird mit "ai" geschrieben, um es vom Eigenschaftswort bayrisch, das sich auf den Freistaat Bayern bezieht, zu unterscheiden.
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Ein ehrgeiziges Projekt
Doch kehren wir zu unserem ehrgeizigen Wörterbuchprojekt zurück, das durch den Zusammenbruch der Donaumonarchie zwar einen Rückschlag erlitt, aber dennoch nicht aufgegeben wurde.

Jahrzehntelang wurde über ein weit verzweigtes Netz von Sammlern mundartlicher Wortschatz erhoben. Daneben wurden Exzerpte aus dialektologischer Fachliteratur, von Laien angelegten Sammlungen sowie aus in Mundart abgefassten literarischen Werken angefertigt.
Frucht dieser Sammeltätigkeit ist eine mehrere Millionen Einzelbelege umfassende Zettelkartei, der so genannte "Hauptkatalog", der in der Wiener Postgasse am Institut für Österreichische Dialekt- und Namenlexika der Österreichischen Akademie der Wissenschaften aufbewahrt wird und dessen Digitalisierung eifrig voranschreitet.
->   Hauptkatalog am Institut für Österreichische Dialekt- und Namenlexika
Biher umfangreichste Darstellung des Wortschatzes
Auf der Basis dieser unikalen Sammlung erscheint seit 1963 das Wörterbuch der bairischen Mundarten in Österreich (im Folgenden kurz WBÖ genannt).

Dabei handelt es sich um die bisher ausführlichste Darstellung des Wortschatzes der Dialekte und Umgangssprachen in Österreich (mit Ausnahme des alemannischsprachigen Vorarlbergs) und einigen im Süden, Osten und Norden anschließenden Gebieten bzw. vorgelagerten so genannten deutschen "Sprachinseln".
Der "Hauptkatalog"
 


Der mehrere Millionen Einzelbelege umfassende so genannte Hauptkatalog bildet das Herzstück der WBÖ-Redaktion.
Mehr als bloß ein Wörterbuch
Der WBÖ-Benützer findet zu jedem behandelten Stichwort umfassende und detaillierte Hintergrundinformationen: eingegangen wird auf Bedeutung(en) und Verbreitung des betreffenden Mundartausdruckes bzw. seiner einzelnen lautlichen Varianten und seine sprachgeschichtliche Herkunft ebenso, wie etwa auf mit dem jeweiligen Wort gebildete Redensarten, Sprichwörter oder Wetterregeln.
"Entlehntes Wortgut" wird berücksichtigt
Auch Belege aus historischem Schrifttum, literarischen Werken und der Tagespresse werden eingearbeitet. Von besonderem Interesse ist das Wörterbuch für alle, die sich mit Sprachkontakt beschäftigen.

Zum einen berücksichtigt das WBÖ natürlich nicht nur den so genannten deutschen Erbwortschatz, sondern darüber hinaus auch zu unterschiedlichen Zeiten aus anderen Sprachen entlehntes Wortgut.
Spurensuche mit Funden aus der Volkskunde
Auch der Übernahme von Wörtern aus dem Bairisch-Österreichischen in die benachbarten slawischen und romanischen Sprachen sowie ins Ungarische wird nachgegangen.

Volkskundlich Interessierte kommen auf ihre Rechnung: Im Bedeutungsteil der einzelnen Wörterbuchartikel finden sich etwa Angaben zu den unterschiedlichsten Bereichen der Lebens- und Arbeitswelt der Bauern und Handwerker ebenso wie zu Brauchtum und Volksmedizin.
Richtlinien für einen riesigen Wortschatz
Um sich einen Überblick über Fülle und Mannigfaltigkeit des dialektalen Wortschatzes zu verschaffen, wurden komplexe Richtlinien ausgearbeitet, nach denen der Ansatz für die einzelnen Stichwörter des WBÖ erfolgt.
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Zahlreiche Verweise
Zu einem großen Prozentsatz mundartlicher Wortformen gibt es keine Entsprechung in der Hochsprache. Dieser Stichwortansatz ist im Wesentlichen historisch-etymologisch, d.h. er trägt der Laut- und Wortgeschichte Rechnung und orientiert sich nur teilweise an der Rechtschreibung des Schriftdeutschen.

So wird beispielsweise bei Fremdwörtern das Stichwort streng "phonetisch" angesetzt, d.h. man geht von der lautlichen Realisierung und nicht von der Schreibform aus. Um jedoch das Auffinden mundartlicher Entsprechungen schriftdeutscher Wörter zu erleichtern, werden zahlreiche Verweise gesetzt. So wird man etwa unter "Têller"auf "Täller", unter "Trotz" auf "Trutz" und bei "Christian" auf "Kristian" verwiesen.
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"Schmähtandler" findet man unter "Tandler"
Ein wesentlicher Punkt, in dem sich das WBÖ vom Aufbau her von einem konventionellen Wörterbuch, etwa dem Duden, unterscheidet, ist die Behandlung von zusammengesetzten Wörtern oder Komposita.

In diesen Fällen wird nämlich stets vom Grundwort ausgegangen. Das heißt konkret etwa, dass man den "Schmähtandler" nicht unter "S", sondern unter "Tändler" suchen muss. Ungewohnt mag für den, der das WBÖ zum ersten Mal in die Hand bekommt, auch die Tatsache sein, dass aus lauthistorischen Gründen b und p sowie d und t im Anlaut jeweils gemeinsam behandelt werden.
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Umfassende Dokumentation
Wie bereits angedeutet, hat es sich das WBÖ zum Ziel gesetzt, den dialektalen Wortschatz möglichst umfassend zu dokumentieren. So werden z.B. Tierlockrufe ebenso verzeichnet wie Schimpfwörter und typische Austriazismen aus dem Bereich der Verwaltungssprache.

Auch unterschiedliche Kategorien von Namen (Tauf-, Haus-, Flur-, Familiennamen, Eigennamen von Haustieren etc.) finden bis zu einem gewissen Grad Berücksichtigung.
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Das Wörterbuch der bairischen Mundarten in Österreich (WBÖ) - die bisher ausführlichste Darstellung des Wortschatzes unserer Mundarten.
Ein lexikografisches Großprojekt: Kein "Zwutschkerl"
Das WBÖ erscheint in Einzellieferungen, die zu Bänden zusammengefasst werden und über den Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften zu beziehen sind. Bisher liegen vier vollständige Bände vor, demnächst erscheint die dritte Lieferung des fünften Bandes, die voraussichtlich bis "Tropf" reichen wird.

Angelegt ist das lexikografische Großprojekt auf zehn Bände, von denen der letzte im Jahre 2020 abgeschlossen sein soll. Dann wird eines der umfangreichsten Regionalwörterbücher des deutschen Sprachraumes vorliegen, das alles andere sein wird, als das, was das voraussichtlich letzte Stichwort des letzten Bandes benennt: ein Zwutschkerl.
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YOUNG SCIENCE
YOUNG SCIENCE ist eine Kooperation zwischen der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und science.ORF.at. Junge Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen stellen ihre Arbeiten und Projekte in Originalbeiträgen vor.

Zum Autor: Mag. Hubert Bergmann, geb. 1972 in Lienz, ist seit Dezember 2000 Mitarbeiter an dem vom Institut für Österreichische Dialekt- und Namenlexika der ÖAW
herausgegebenen "Wörterbuch der bairischen Mundarten in Österreich".
E-Mail: hubert.bergmann@oeaw.ac.at
->   YOUNG SCIENCE auf der Homepage der ÖAW
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->   Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften
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