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Victor Gruens Transformation der Stadt  
  Shopping-Malls gelten nicht gerade als Inbegriff städtebaulicher Kunstfertigkeit. In ihrer ursprünglichen Konzeption sollten sie aber nicht nur dem Kommerz, sondern auch der Zivilgesellschaft dienen. Die Idee stammt von dem Wiener Emigranten Victor Gruen, der sich stark von seiner Heimatstadt inspirieren ließ. Wie stark sich die Realität der Einkausfszentren von ihrer ursprünglichen Idee unterscheidet, beschreibt die Soziologin Anette Baldauf in einem Gastbeitrag.  
Wien. Shopping Mall. Welt.
Von Anette Baldauf

Victor Gruen zählt zu den einflussreichsten westlichen Stadtplanern, er gilt als der Vater der Shopping-Mall. Im Zuge seines bewegten Lebens baute er ca. fünfzehn Millionen Quadratmeter Shoppingfläche.

In der Architektur beschreibt daher der Gruen-Effekt jenen Sog, der Einkaufende mit Hilfe verführerisch gestalteter Verkaufsräume dazu bringt, zielstrebiges Einkaufen aufzugeben und sich im Shopping zu verlieren.

Mit der sukzessiven Übertragung der Prinzipien der Shopping-Mall auf die Innenstadt kritisiert das Konzept heute die Stadt als Ort der Inszenierung von Lifestyle, Distinktion und Event; es beschreibt die Hervorbringung einer Innenstadt, die den Göttern der Warenwelt huldigt und Konsum als oberstes Prinzipien der Stadtplanung definiert.
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Vortrag in Wien
Anette Baldauf hält am Montag, 3.11. 2008, 18 Uhr c.t. den Vortrag "Ringstraße, Shopping Mall, Welt. Victor Gruens Transformationen der Stadt".
Ort: IFK Internationales Forschungszentrum Kulturwissenschaften, Reichsratsstraße 17, 1010 Wien
->   Mehr über den Vortrag (IFK)
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Schaufenster und Glasflächen
Victor Gruen, geboren 1903 in Wien als Viktor David Grünbaum, erregte noch im Wien der Zwischenkriegsjahre durch den Umbau von Geschäften Aufsehen: Gruen setzte ausgedehnte Schaufenster und dramatische Glasfronten ein, die kleine Boutiquen in phantasmagorische Ausstellungsflächen und Bühne des urbanen Lebens verwandelten.

Drei Monate nach dem "Anschluss" Österreichs gelang Gruen mithilfe eines als Angehöriger der SA verkleideten Freundes die Flucht in die USA. Mit Verweis auf die florierenden europäischen Städte argumentierte er dort bereits Anfang der vierziger Jahre, dass das Fundament einer funktionierenden Stadt auf eine solide Kombination aus kommerziellem und zivilgesellschaftlichem Raum zu bauen sei.
Kommerz plus Zivilgesellschaft
Zur Stärkung des zivilgesellschaftlichen Lebens in den öden US-amerikanischen Vorstadtgebieten schlug Gruen gemeinsam mit seiner zweiten Frau, Elsie Krummeck vor, diese strukturlosen Ausdehnungen mit "Shopping Towns" zu versetzen.

Als ein Mann der großen Visionen propagierte er den Bau gigantischer Projekte, die kommerzielle und zivilgesellschaftliche Aktivitäten in sich vereinen und isolierten Hausfrauen, Pensionisten und Teenagern einen Ort zum Verweilen boten.
Konsumismus wurde treibende Kraft
Bild: EPA
Luxus-Mall im chinesischen Macao, 2008
Es war nicht einfach, Sponsoren für Projekte dieser Größenordnung zu finden. Gruen musste seine Ideen vermarkten. Er nützte die Angst im Kalten Krieg und bewarb die Shopping-Mall als Bunker- und Evakuationszone im Falle eines kriegerischen Angriffs, obwohl er im Vorkriegs-Wien als engagierter Sozialist aktiv gewesen war. Und er versprach die Materialisierung von Konsumträumen, obwohl er selbst das Einkaufen hasste.

Als Gruen in den fünfziger Jahren seine architektonischen Träume realisieren konnte, versinnbildlichte die Shopping Mall bald etwas weit Größeres als von ihm selbst in seinen Konzepten vorgesehen.

Zwischen Gruens erstem Entwurf aus dem Jahr 1943 und dem Boom von Einkaufszentren eineinhalb Jahrzehnte später hatte sich die Rolle des Konsumismus in den USA grundlegend verändert: Konsumismus war nicht mehr eine, sondern die treibende Kraft im Nachkriegsamerika.
Mall als architektonischer Prototyp
Innerhalb von zehn Jahren wurden die in Einkaufszentren eingeschriebenen zivilgesellschaftlichen Räume von kommerziellen Räumen verdrängt; aus der Shopping Mall wurde eine gigantische Kommerzmaschine.

Und dennoch - in den sechziger Jahren, als die amerikanischen Innenstädte mit dem Verlust ökonomischer Ressourcen und der Abwanderung der weißen Mittelschicht kämpfte, hielt Gruen am Modell des alten, europäischen Stadtzentrums als jenem Ort fest, der seiner Erfahrung nach Kommerz, soziale Interaktion und Urbanität produktiv in sich vereinte.

Er übertrug den suburbanen Bautyp der Shopping-Mall auf den innerstädtischen Bereich und führte die urbane Mall als architektonischen Prototypen ein.
Gedanken von Wien geprägt
Die Stadt Wien, in der Gruen geboren wurde, seine Kindheit und Jugend verbrachte und in die er im Alter zurückkehrte, prägte Gruens Verständnis von Stadt und Urbanität grundlegend. Zwischen 1926 und 1938 renovierte Gruen untertags Wohnungen und kleine Geschäftslokale im Bekanntenkreis; seine Abende verbrachte er auf der Bühne des 1927 gegründeten Politischen Kabaretts.

Als leidenschaftlicher Conferencier übte sich Gruen in der Verfeinerung einer anderen Inszenierungskunst: Er schrieb Gedichte, Volksstücke und Pamphlete, moderierte Abendvorstellungen und parodierte mit theatralen Gesten und performativen Sprechakten die Paradoxien des städtischen Alltags.

Nachdem ihn beispielsweise ein Polizeibeamter gewarnt hatte, er solle in Zukunft seine Worte auf die Waagschale legen, stand Gruen am nächsten Abend mit einer Marktwaage auf der Bühne und parodierte die Zensurbestrebung.
Repräsentation der Ringstraße
So lehrte das Wien der Zwischenkriegszeit Gruen die Kunst des dramaturgischen Bühnenmanagements, und es setzte Gruen - intellektuell und körperlich - der schmerzlichen Diskrepanz zwischen Bild und Alltag aus.

Die pompös gestaltete Ringstraße, die nach 1857 im Zuge des europaweiten Trends zur haussmannschen Umstrukturierung der Stadt eingeführt worden war, bietet der Analyse der Stadt als Bühne eine konkrete Referenz und vielschichtige Metapher.

Im Gegensatz zu anderen Boulevards dieser Zeit bildete die "via triumphalis" eine kreisförmig geschlossene Flaniermeile ab: Auf diesem 6,5 Kilometer langen Zirkel spiegelten Prunkbauten und Palais das Repräsentationsbedürfnis des finanzkräftigen Wiener Großbürgertums.
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Film zum Thema
Der Dokumentarfilm "Der Gruen Effekt" von Anette Baldauf und Katharina Weingartner wird bis Mitte 2009 fertiggestellt, im ORF ausgestrahlt und in Folge als DVD erhältlich sein.
->   Produktionsfirma pooldoks
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Liberale Raumfigur, tödliche Realität
Bild: WienTourismus
Wiener Ringstraße, Blick aufs Parlament
Bereichert wurden diese von einem Set an öffentlichen Bauten, das mit seinem historistisch-eklektizistischen Stilmix Welt und Weltgeschichte bildhaft in sich vereinte. Eindrücklich beschreiben HistorikerInnen die Ringstraße als eine Raumfigur des Wiener Liberalismus, des Diktums der visuellen Erscheinung.

So rekonstruiert beispielsweise Carl Schorske die Einführung der Ringstraße als ein Projekt, das nicht auf Nutzen, sondern auf die symbolische Funktion der Repräsentation ausgerichtet war.

Vielleicht ist es eben dieser Kontext, der Moment der schmerzlichen Diskrepanz zwischen Bild und Alltagsleben, zwischen drapiertem Bühnenset und einer dem Verfall überlassenen Hinterbühne, der das Konzept der Stadt als Bühne in seiner grundlegenden Komplexität erfasst: Während Gruen darüber nachdachte, wie er die Stadt in eine von Scheinwerfern beleuchtete und Glas gespiegelte Schaubühne der performativen Inszenierung verwandeln könnte, zerfiel das soziale Gewebe der Stadt in Ruinen, Denunziation und Mord.
Bei Rückkehr Streit mit Architektenkammer
Allen politischen Ereignissen zum Trotz blieb die Stadt Wien Gruens Modell- und Lebensstadt. Ende der sechziger Jahre, als US-amerikanische Städte in Flammen aufgingen, zog Gruen nach Wien zurück.

In einer Geste, die kaum symbolischer hätte sein können, erkannte die Wiener Architektenkammer Gruen den Berufstitel "Architekt" ab, da er als verfolgter Jude im national-sozialistischen Wien es verabsäumt hatte, sein Studium abzuschließen.

Letztendlich gewann Gruen den Prozess mit der Waffe Humor; die Kammer bestand aber darauf, dass Gruen seinen Titel mit "c" - wie "architect" - führte.
Eine Ironie zum Schluss
Gruen selbst konzentrierte seine Aufmerksamkeit auf Konzepte der Stadt der kleinen Wege. Er gründete das "Zentrum für Umweltfragen" (1973) und veröffentlichte die "Charta von Wien", die als Gegenentwurf zu Le Corbusiers "Charta von Athen" die Prinzipien einer menschengerechten Stadt in höchster Kompaktheit und größtmöglicher Verflechtung verfolgte.

In seinem Wiener Büro arbeitete er an einem Modell zu Revitalisierung des Wiener Stadtkerns. Als Umweltoase sollte der erste Wiener Gemeindebezirk verkehrsberuhigt und mit zusätzlichen öffentlichen Verkehrsmitteln sowie Parkplätzen ausgestattet werden. "Alle Maßnahmen, die ich vorschlug, stießen bei der Stadtverwaltung auf offenen Widerstand. Die Planungsbürokratie bestand aus Spezialisten, die unfähig waren, universell zu denken und an 'Autoneurosis' litten", kommentierte Gruen Ende der siebziger Jahre.

Kärntnerstraße und Graben wurden in der Folge verkehrsberuhigt, und am Stadtrand Wiens entstand Europas erste Shopping-Mall. Gruen stellt sich der Ironie seines Lebens: Während er versucht hatte, das alte, europäische Stadtzentrum auf die US-amerikanische Vorstadt zu übertragen, war die Shopping Mall in die europäischen Städte vorgedrungen und drohte nun sein Modell des urbanen Lebens zu zerstören.

[31.10.08]
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Über die Autorin
Anette Baldauf studierte Erziehungswissenschaften an der Universität Wien sowie Soziologie an der New School University in New York. Sie forscht zu postindustriellen Stadtformationen, Pop- und Alltagskultur, sozialen Bewegungen und kritischer Kunst. In ihrer Kooperation mit KünstlerInnen interessiert sie sich für eine stärkere Anbindung sozialwissenschaftlicher Forschung an künstlerische Praktiken. Derzeit ist sie Research Fellow am IFK Internationales Forschungszentrum.
->   Anette Baldauf, IFK
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->   Anette Baldauf: Shopping Town USA (Eurozine)
 
 
 
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