News
Neues aus der Welt der Wissenschaft
 
ORF ON Science :  News :  Gesellschaft 
 
Kulturelles Erbe: Vom nationalen zum transnationalen Blick  
  Was gehört alles zum nationalen Kulturerbe? In Österreich mit Sicherheit Mozart und die Lippizaner - zuletzt sorgte auch der Versuch, den "Wiener Charme" in die Liste zu reklamieren, für Aufsehen. Dem Thema des kulturellen Erbes widmet sich Astrid Swenson, Historikerin und derzeit als Junior Visiting Fellow am Institut für die Wissenschaften vom Menschen (IWM) in Wien. In ihrem Gastbeitrag beleuchtet sie die Entstehungsgeschichte dieses häufig national definierten Konzepts aus transnationaler Perspektive - die im Zuge der europäischen Integration immer wichtiger wird.  
Schutz des kulturellen Erbe - ein weltweites Prinzip

Von Astrid Swenson

Der Glaube an die identitätsstiftende Rolle des kulturellen Erbes ist ein fester Bestandteil moderner Gesellschaften. Eine Vielzahl lokaler, nationaler und internationaler Initiativen widmet sich seinem Schutz und leistet Öffentlichkeitsarbeit.

Auch im europäischen Einigungsprozess kommt dem Kulturerbe eine wichtige Rolle zu: Schutz und Förderung des Kulturerbes sind Teil des Europäischen Rahmenprogramms zur Kultur. Die jährlich mehr als 20 Millionen Besucher der 1991 vom Europarat eingerichteten Europäischen Tage des Kulturerbes bezeugen das öffentliche Interesse.
->   Botschaft des UNESCO-Generaldirektors zum Jahr des Kulturerbes
->   Europäische Tage des Kulturerbes
...
Seminar am IWM: Mittwoch, 27. April
Astrid Swenson stellt ihre Forschungsergebnisse am 27. April um 14.30 Uhr in einem Junior Visiting Fellows' Seminar unter dem Titel "National Heritage from a Transnational Perspective" zur Diskussion. Interessierte sind herzlich eingeladen.

Ort: IWM, Spittelauer Lände 3, 1090 Wien.
->   Institut für die Wissenschaften vom Menschen (IWM)
...
Kulturelles Erbe als Argument
In der öffentlichen Diskussion etwas zum "kulturellen Erbe" zu erklären, heißt es unantastbar zu machen.

Mit dem Verweis auf das kulturelle Erbe können verschiedenste Ziele verteidigt werden. Von der Restaurierung des "Steffl" bis zur Beibehaltung der Fuchsjagd in England. Es kann benutzt werden, um nationale Eigenheiten und Abschottung zu legitimieren oder Völkerverständigung zu fordern und fördern.
Universeller Grundsatz oder historisches Konstrukt?
Was meist als eine Art universeller Grundsatz dargestellt wird, ist hingegen eine relativ neue Idee. Die Französische Revolution, ihr Vandalismus und die Transformierung des Besitzes von Krone, Adel und Klerus in nationalen Besitz regte die Reflexion zu diesem Thema in Europa an.

Im Prozess der Nationenbildung und des Nationalismus spielte die Suche nach dem eigenen Erbe und die Schaffung von Institutionen und Vereinen zu seinem Schutz eine entscheidende Rolle.
Von Kathedralen zu Graffiti
Dabei entwickelte und erweiterte sich das, was als "kulturelles Erbe" angesehen wurde, aufgrund von Perspektivwechseln des nationalen Bewusstseins, des Geschichtsbildes und des Gegenwartsverständnisses.

Anfänglich begrenzt auf herausragende Denkmäler wie Kathedralen und Schlösser, weitete sich im Laufe der Jahre die Definition - und umfasst heute materielle und immaterielle Güter jeden Ursprungs.
Nationale Erklärungsversuche
Während in der öffentlichen Diskussion kulturelles Erbe als universelle Kategorie benutzt wird, hat paradoxerweise die historische Forschung die Ursprünge der Idee meist nur in nationalem Rahmen gesucht.

Um es stereotyp auszudrücken: In Frankreich wurde das Konzept vom Staat erfunden, in England von einer an Einfluss verlierenden Aristokratie und in Deutschland diente es dem Legitimationsbedürfnis des Bürgertums.

Die Konzeptualisierung des "nationalen Erbes" fand jedoch nicht in isolierten nationalen Räumen, sondern durch intensiven Austausch mit anderen europäischen Gesellschaften statt.
Ein transnationales Phänomen
Zunächst war dieser Austausch vor allem informell, zum Beispiel durch persönliche Reisen und Korrespondenz von Gelehrten sowie diplomatische Berichte. Seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts veränderten sich Mittel und Wege internationalen Austausches durch die Weltausstellungen und internationale Kongresse.

Die meisten Europäischen Staaten verabschiedeten Denkmalschutzgesetze zwischen 1870 und 1914. In der öffentlichen Debatte diente der Verweis auf fremde Beispiele meist dazu, die Situation im eigenen Land zu kritisieren und persönliche Vorschläge durchzusetzen.

Die transnationale Perspektive zeigt zunächst einmal, dass in den verschiedenen Ländern ein Dialog zwischen privaten und staatlichen Aktivitäten stattfand und die Schichten, die das kulturelle Erbe "erschufen", sich wesentlich mehr ähneln als allgemein angenommen.
Europäische Identität als Nebenprodukt
Gleichzeitig zeigt sich, dass die Stimmung des zunehmenden internationalen Wettbewerbes vor dem Ersten Weltkrieg eine entscheidende Rolle spielte, Institutionen zum Schutz des kulturellen Erbes zu schaffen, da dieser mehr und mehr zum "Gradmesser für den Kulturzustand eines Volkes" erklärt wurde.

Bei aller nationalen Konkurrenz zwischen den Europäischen Staaten zementierte die Beschwörung der Denkmalpflege als Kulturbetätigung einen Begriff von Zivilisation, der die europäischen Staaten verband und Überlegenheit gegenüber den Kolonien und der Neuen Welt legitimierte.
Europäische Erinnerung
Meine Analyse möchte zu der zurzeit diskutierten Frage nach einer "europäischen Erinnerung" beitragen.

Es geht mir dabei nicht um die künstliche Konstruktion eines gemeinsamen europäischen Erbes, sondern darum, den gemeinsamen Prozess, der zur Herausbildung der modernen Erinnerungskultur führte, zu verstehen und zu analysieren, wie verschiedene Elemente, die den "Heritage-discourse" (z.B. Völkerverständigung, Identitätsbildung, etc.) ausmachen, entstanden, aber gleichzeitig auch auf konzeptuelle Unterschiede zu blicken und diese zu erklären.

Angesichts der Allgegenwart von "kulturellem Erbe" als Legitimationsmittel scheint es mir wichtig, die historische Natur von Begriffen und Diskursen - inklusive ihrer problematischen Seiten - zu kennen.

[26.4.05]
->   Europa Nostra (Vereinigung zum Schutz des Kulturerbes in Europa)
...
Informationen zur Autorin
Astrid Swenson ist Doktorandin in Geschichte am St. John's College der Universität Cambridge. Ihre Dissertation zum Thema "Conceptualising Heritage in Nineteenth Century France, Germany and England", untersucht die Genese des Konzeptes "kulturelles Erbe" als transnationale Geschichte - und Vergleich, Kulturtransfer sowie Histoire croisée .

Als Junior Visiting Fellow am Institut für die Wissenschaften vom Menschen forscht sie im Rahmen der von der Körber Stiftung unterstützten Fellowships zu "History and Memory in Europe".
->   Informationen zu den Körber Fellowships
...
 
 
 
ORF ON Science :  News :  Gesellschaft 
 

 
 Übersicht: Alle ORF-Angebote auf einen Blick
01.01.2010