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Über die Aktualität einer Totenmaske  
  Bis in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg war sie ein beliebter Wandschmuck: Die Totenmaske der "Unbekannten aus der Seine", einer jungen Frau, die sich vor über 100 Jahren in Paris das Leben genommen haben soll. Der Theaterwissenschaftler Richard Weihe vom IFK in Wien hält sie in der Kulturgeschichte der Masken für beispielhaft - und gerade im heutigen Medienzeitalter für erstaunlich aktuell, schreibt er in einem Gastbeitrag.  
Die Unbekannte aus der Seine: Gesicht und Maske
Bild: IFK
Von Richard Weihe

"Die Unbekannte aus der Seine" bezeichnet eigentlich keine Person, sondern eine Totenmaske. Im Pariser Leichenschauhaus wurden unidentifizierte Leichen öffentlich zur Schau gestellt, in der Hoffnung, dass sie von jemandem erkannt würden.

Der Legende nach gelangte Ende des 19. Jahrhunderts die Leiche einer unbekannten Selbstmörderin ins Schauhaus, deren Gesicht so reizvoll war, dass ein Gerichtsmediziner eine Totenmaske herstellen ließ.
Entstehen eines Modeartikels

Es blieb nicht bei diesem Einzelstück. Die Totenmaske wurde vielfach reproduziert, weil viele ein Exemplar besitzen wollten. Bald erschien sie als Dekoration in Künstlerateliers und als Quasi-Ikone an Schlafzimmerwänden.

In den 1960er Jahren wurde in Frankreich gar eine Erste-Hilfe-Übungspuppe mit ihrem Gesicht ausgestattet.

Der Name "Die Unbekannte aus der Seine" entstammt einem der vielen literarischen Texte, die seit 1898 die enigmatische Totenmaske thematisierten. Die AutorInnen dichteten ihr eine Biografie an, gaben der "Unbekannten" eine Identität und suchten sogar nach Begründungen für ihren Selbstmord.
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Vortrag am IFK
Richard Weihe hält am 16. Oktober 2006, 18.00 c. t. am Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften einen Vortrag mit dem Titel "Die 'Unbekannte aus der Seine': Der Moment als Monument".
Ort: IFK, Reichsratsstraße 17, 1010 Wien
->   IFK
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Darstellung eines "schönen Todes"
Es lassen sich verschiedene Gründe denken, warum diese Totenmaske fasziniert. In der Gestalt eines Mädchens, das selig lächelt, erscheint der Tod als etwas Jugendliches und Süßes.

Die Plastik ist gleichsam die allegorische Darstellung eines "schönen Todes". Durch das Lächeln fühlt sich der Betrachter unmittelbar angesprochen.

Die Feststellung, dass es sich um eine Ertrunkene handelt, situiert die Plastik in einem wohlbekannten literarischen Umfeld: Undine, Sirenen, Ophelia.
Eine Unbekannte bekannt machen
Dass sie "unbekannt" ist, wirft zudem die Frage nach ihrer Identität auf. Die starke Wirkung, die von der Maske ausgeht, verlockt den Betrachter dazu, mit der "Unbekannten" in Beziehung zu treten und sie zu einer "Bekannten" zu machen.

Dadurch tritt er in ein Wechselspiel von Nähe und Ferne, Anziehung und Abstoßung ein. Ihren Nimbus gewinnt die Totenmaske dadurch, dass sie die einzige "Unbekannte" unter Totenmasken von lauter prominenten Persönlichkeiten ist.
Abbild oder Vorbild?
Die verschiedenen Formen und Stufen der Reproduktion (Negativform, Positivform, Fotografie der Totenmaske) schaffen zudem eine Aura des Authentischen. Die Faszination rührt wohl auch von der Ambivalenz zwischen Vorbild und Abbild her.

Der Maskenhersteller gibt vor, ein Abbild von der Natur geschaffen zu haben, aber es ist womöglich ein Vorbild, nämlich ein künstliches, präpariertes Bild eines Gesichtsausdrucks.

Dass eine Wasserleiche ein solches Lächeln trägt, ist höchst unwahrscheinlich; das weiß jeder, der einmal eine gerichtsmedizinische Vorlesung besucht hat.
Lebendmaske eines lächelnden Modells
Viel wahrscheinlicher ist, dass es sich um die Lebendmaske eines lächelnden Modells oder die frei geschaffene Plastik eines unbekannten Bildhauers handelt, die, ausgestattet mit einer kolportierten Entstehungsgeschichte, aus kommerziellen Absichten in Umlauf gebracht wurde.

Die Totenmaske bannt den Zeitpunkt des Todes; sie macht aus dem Moment des Todes der Person ein Monument für deren Leben.

Die Totenmaske ist insofern eine Maske, als sie wie diese starr und unveränderlich ist. Hingegen unterscheidet sich die Totenmaske hinsichtlich anderer Aspekte von der Maske, die meines Erachtens für die Definition der Maske gerade die wesentlichen sind:
Drei wesentliche Merkmale: Erstens - die Maske als Differenz
Die Maske wird auf das Gesicht aufgesetzt. Sie ist eine Hülle, die nicht mit dem Inhalt identisch ist oder anders gesagt, die gerade durch die Differenz zu ihrem Inhalt bestimmt wird.

Von dieser Differenz zwischen einem Äußeren und einem Inneren leitet sich auch die heute geläufige metaphorische Verwendung des Begriffes Maske im Sinne von "Verstellung" oder "Täuschung" ab.
Zweitens: Die Maske als sehendes und sprechendes Bild
Die "tote" Maske wird von den Augen des Maskenträgers "durchschaut" und von seiner Stimme "durchtönt". [Einer hartnäckig sich haltenden, wenn auch sehr einleuchtenden Fehletymologie zufolge leitet sich der lateinische Begriff für Maske - persona - vom Verb personare (hindurchtönen) ab.]

Wenn wir die gegenständliche, vom Gesicht losgelöste Maske als Bild verstehen, so lässt sich die aufgesetzte Maske als sehendes und sprechendes Bild definieren.

Die Maske ist von sich aus sozusagen in einem defizitären Zustand. Die Maske funktioniert erst, wenn sie aufgesetzt wird, in der Ergänzung mit dem darunter liegenden Gesicht.
Drittens: Die Maske als "Form des ersten Blicks"
Wenn im griechischen Theater ein Schauspieler die Maske eines tragischen Protagonisten trägt, vermittelt sie den Zuschauern die wesentlichen Eigenschaften der Figur visuell: Geschlecht, Alter und Stand der Figur, und durch den entsetzten Ausdruck auch deren Gefühlslage.

Die Maske ist auf schnelle und eindeutige Erkennbarkeit angelegt; dagegen ist die Tragödie selbst das Resultat einer Handlung, einer Entwicklung also, die den von Anfang an sichtbaren Gefühlsausdruck der Figur erst am Schluss begründet. Die Maske muss gleichsam auf den ersten Blick verständlich sein.

Daher könnte ich die Maske auch als "Form des ersten Blicks" beschreiben: Das System der antiken Theatermasken ist ein Lösungsversuch des theaterpraktischen Problems, welche Informationen auf den ersten Blick über Figuren vermittelt werden können.
Eine ambivalente und paradoxe Verbindung
Dadurch, dass der Totenmaske die Differenz von Gesicht und Maske fehlt, lassen sich die wesentlichen Definitionselemente der Maske nicht auf sie anwenden. Aber gerade das macht sie theoretisch interessant, denn sie ist eine ambivalente Verbindung von Gesicht und Maske.

Sie ist "Gesicht" eines Individuums und zugleich "Maske" einer Toten. Dadurch bietet sich die Totenmaske als ideales Anschauungsobjekt für den altgriechischen Begriff prósopon in der Doppelbedeutung von Gesicht und Maske an - ein Begriff, der aus unserer Sicht eine paradoxe Einheit des Unterschiedenen behauptet.
Aktuell im heutigen Medienzeitalter?
Mit der Aufhebung der Grundunterscheidung zwischen Gesicht und Maske werden weitere, auf dieser Grundunterscheidung beruhende Unterscheidungen wie Wesen und Erscheinung, Natürlichkeit und Künstlichkeit, Innen und Außen, Wahrheit und Falschheit, Aufführung und Bild, mithin die Unterscheidung von Leben und Tod selbst, aufgeweicht oder gar aufgelöst.

Wo das Gesicht zugleich die Maske ist, ist das Lebendige auch das Tote, das Natürliche auch das Künstliche, das Dynamische auch das Statische usw. Stets ist das eine zugleich dessen Gegenteil.

Es stellt sich die Frage, ob das Menschenbild, das die Semantik von prósopon vermittelt, als ambivalentes Zusammenspiel von Gesicht und Maske, von natürlichen und künstlichen Anteilen nicht im heutigen Medienzeitalter wieder brisant geworden ist und aktualisiert werden könnte.

[16.10.06]
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Über den Autor
Richard Weihe, PD Dr. phil., ist Privatdozent an der Fakultät für das Studium fundamentale der Privaten Universität Witten/Herdecke und Lehrbeauftragter der Universität Zürich. Er studierte an der Schauspiel-Akademie Zürich, absolvierte eine Gesangsausbildung und studierte Literaturwissenschaft und Ideengeschichte in Zürich, Oxford, Bonn und Cambridge; Promotion und Habilitation im Bereich Philosophie/Theater.
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01.01.2010