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Kinder finden Dicke dumm, faul und unattraktiv  
  Übergewichtige Menschen haben in unserer Gesellschaft mit vielen Vorurteilen zu kämpfen. Schon Kinder finden ihre dicken Mitschüler weniger intelligent, weniger attraktiv und unsympathischer als Normalgewichtige, fand eine deutsche Studie heraus.  
Rund die Hälfte der Erwachsenen und knapp ein Fünftel der Kinder und Jugendlichen in Österreich sind zu dick. Obwohl die Übergewichtigen immer zahlreicher werden, fallen sie immer mehr aus dem gesellschaftlichen Rahmen.
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Die Studie "Stigmatisierung adipöser Kinder und Jugendliche durch ihre Altersgenossen" wurde von Ansgar Thiel, Manuela Alizadeh und Stephan Zipfel von der Universität Tübingen durchgeführt.
->   Universität Tübingen (D)
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Stigma XXL
Zahlreiche Studien belegen, dass dicke Menschen mit Vorurteilen kämpfen müssen. Es existieren in unserer Gesellschaft zahlreiche Stereotype, die Übergewichtigen anhaften: faul, träge, willensschwach und dumm.

Schon im Kindesalter scheint Übergewicht ein Stigma zu sein, haben deutsche Soziologen nun herausgefunden.

Dicke Menschen fallen aus dem Rahmen: Vor allem durch ihre Körperfülle, häufig aber auch durch ihre Bewegungseinschränkungen. "Das macht sie generell weniger attraktiv, weniger intelligent und weniger leistungsbereit", so Studienleiter Ansgar Thiel von der Universität Tübingen in einer Presseaussendung.
Schulbefragung
Wie Kinder dicke Mitschüler wahrnehmen, dazu befragten die Wissenschaftler 224 Schüler und 230 Schülerinnen zwischen zehn und 15 Jahren. Die Forscher konzentrierten sich auf die fünf Stereotype Attraktivität, Intelligenz, Leistungsbereitschaft, Spielpartnerpräferenz und Sympathie.

Den rund 450 Hauptschülern und Gymnasiasten wurden Fotos von normalgewichtigen und adipösen Burschen und Mädchen sowie normalgewichtigen Kindern im Rollstuhl gezeigt.
Dicke sind unsympathischer
Die adipösen Kinder wurden als "am wenigsten sympathisch" angesehen und am seltensten als Spielkamerad ausgesucht. "Als am wenigsten hübsch stuften 87,1 Prozent der Befragten die adipösen Kinder ein, allein 69,5 Prozent den Jungen", so Thiel. Zwei Drittel der Kinder waren auch der Meinung, dass der adipöse Bub "am wenigsten intelligent" sei und fast alle trafen das Urteil "am faulsten" für die übergewichtigen Kinder auf den Fotos.

Das normalgewichtige Mädchen stellte für die Befragten das sympathischste Kind dar. Die Werte der körperbehinderten Kinder lagen in etwa der gleichen Höhe wie die des normalgewichtigen Burschen. Mädchen kritisierten die adipösen Kinder stärker als Burschen.
Oh du dickes Österreich ...
Rund ein Drittel der österreichischen Frauen bringt zu viele Kilos auf die Waage. Bei den Männern ist es sogar die Hälfte, geht aus dem "Ersten österreichischen Adipositas-Bericht" aus dem Jahr 2006 hervor.

Auch Kinder und Jugendliche haben in den letzten Jahren bedenklich zugelegt: Mehr als ein Viertel der zehn bis 15-Jährigen ist übergewichtig. Hauptschüler sind doppelt so häufig dick wie ihre Altersgenossen im Gymnasium.
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Die Studie "Erster österreichischer Adipositas-Bericht 2006" des Instituts für Sozialmedizin (Uni Wien) und der Österreichischen Adipositasgesellschaft ist online abrufbar.
->   Bericht (pdf-Datei)
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... und Europa
"Mit einem Anteil von rund 25 Prozent an übergewichtigen Kindern liegt Österreich im internationalen Vergleich eher im oberen Bereich", erklärt Sabine Dietrich vom Allgemeinen Krankenhaus Wien. Schätzungen zufolge sind knapp 22 Millionen Kinder in der EU übergewichtig. Drei Millionen Schulkinder seien regelrecht adipös.
Schönheits-Wandel
War in den 1950er-Jahren eine korpulente Körperfülle ein Indiz für "Erfolg", so hat sich das in den letzten 30 Jahren stark gewandelt.

"Jetzt heißt das Schlagwort Fitness - und das ist Arbeit an sich selbst. Adipösen wird eine mangelnde Bereitschaft unterstellt, an sich zu arbeiten. In diesem Sinne gelten sie als faul", erklärt Thiel den Weg der Stigmatisierung dicker Menschen. Heute assoziieren viele Menschen Übergewichtige mit Faulheit, Trägheit, Unintelligenz, Unsauberkeit und Willensschwäche.
Lieber tot als fett
Nicht nur Kinder sind grausam, wenn es um die Beurteilung dicker Mitmenschen geht. In einer Online-Umfrage der Yale-Universität vom Mai 2006 gaben rund 4.000 Personen ihre Meinung zum Thema "Übergewicht" ab.

15 bis 30 Prozent der Befragten würden eher ihren Ehepartner und die Möglichkeit, Kinder zu bekommen, aufgeben, sowie Depressionen oder eine Alkoholsucht in Kauf nehmen, als "fett" zu werden. Fünf Prozent gäben sogar ihre Sehkraft auf.

Karin Jirku, science.ORF.at, 21.9.07
->   Ansgar Thiel, Universität Tübingen (D)
->   Stefan Zipfel, Medizinische Universität Tübingen (D)
->   Wiener Initiative gegen Essstörungen
Mehr dazu in science.ORF.at:
->   Ein Fünftel der österreichischen Kinder ist zu dick (7.9.07)
->   Studie: Dickleibigkeit ist "sozial ansteckend" (26.7.07)
 
 
 
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01.01.2010