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Erdbeben-Zentrum in Mitteleuropa  
  In der Nähe von Basel "zittert" die Erde nach Forscherauskunft auch noch 645 Jahre nach dem schwersten Erdbeben in der Geschichte Mitteleuropas. Wann sich die Erde im Rheingebiet bewegen wird ist jetzt erstmals absehbar.  
Für Chemiekonzerne und Kernkraftanlagen an dieser aktiven Bruchzone sollte daher über kurz oder lang ein Notfallverfahren abgestimmt werden, schreiben Forscher aus der Schweiz und Frankreich im US-Fachjournal "Science" (Bd. 293, S. 2070) vom Freitag. Die neue Studie bestätigt Vorhersagen von Experten der ETH Zürich aus dem Jahr 1995.
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Mittelalterliches Epizentrum aufgespürt
Sie hatten das Epizentrum des Basler Bebens von 1356 unter den Vorstädten und Wäldern unmittelbar südlich der Stadt entdeckt und einen möglichen Zeitrahmen für die nächsten Beben in der Bruchzone berechnet. Demnach treten derartige Beben etwa alle 1.500 bis 2.500 Jahre auf.
Dutzende Burgen eingestürzt
Am Abend des 13. Oktober 1356 legte ein gewaltiger Erdstoß Basel in Trümmer. Noch acht Tage später wütete die Feuersbrunst, Dutzende von Burgen der Umgebung stürzten ein. Vom Berner Münster soll eine Säule gefallen sein und selbst im 300 Kilometer entfernten Burgund nahmen Stadtmauern noch Schaden.

Was in Basel als mittelalterliche Reminiszenz die Geschichtsbücher füllt, ist das stärkste Erdbeben nördlich der Alpen seit Menschengedenken und auch heute latente Gefahr: Laut Dieter Mayer-Rosa vom schweizerischen Erdbebendienst an der ETH Zürich, entspricht das Beben einer Stärke, die "maximal im Verlauf von etwa 800 Jahren auftritt".
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Erdbeben - Ursachen und Kategorien
Erdbeben sind natürliche Erschütterungen der Erdoberfläche mit tiefem Ausgangspunkt (Hypozentrum). Man kennt Erdbeben durch Einsturz von Hohlräumen (Einsturzbeben) und durch Vulkanismus (Ausbruchsbeben), vor allem aber tektonische Beben (Dislokationsbeben) durch Faltungsvorgänge in der Erdkruste und durch Verschiebungen großer Bruchschollen der Erdkruste. Ein Erdbeben wird am stärksten empfunden im Epizentrum (senkrecht über dem Hypozentrum). Nach der Entfernung vom Erdbebenherd unterscheidet man Orts-, Nah- und Fernbeben.
->   Die schwersten Erdbeben der letzten Jahre
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Bedrohung durch Atomkraftwerke?
Die Stadt werde in diesem Jahrhundert zwar möglicherweise kein weiteres massives Beben erleben, meint Peter Huggenberger von der Universität Basel, einer der Mitautoren der Studie.
Milliarden Euro Schaden
Ein weiteres Beben der Größenordnung von 1356 würde nach Angaben von Mitautor Domenico Giardini von der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich "Schäden von schätzungsweise 30 bis 50 Milliarden US-Dollar (26 bis 43 Millionen Euro) verursachen".

Es sei Zeit, Vorsorgemaßnahmen zu ergreifen. In mehreren Beben habe sich die Erde bei Basel in den vergangenen 8.500 Jahren um 1,8 Meter gehoben.
Wahrscheinlichkeit im 'mittleren Bereich'
Schon 1995 stufte der Seismologe Dieter Mayer-Rosa vom Schweizerischen Erdbebendienst die Wahrscheinlichkeit eines starken Erdbebens in der Region Basel global "eher im mittleren Bereich" ein. Ganz anders aber beurteilt er das Risikopotential: "Da zählt Basel weltweit zu den zehn Städten mit dem höchsten Risiko. Man wird hier Basel und San Francisco in einem Atemzug nennen können."

Im Gegensatz zu San Francisco gibt es im Raum Basel - von einigen Bemühungen der Industrie abgesehen - weder generelle bauliche Vorkehrungen noch eine breite Verhaltensschulung der Öffentlichkeit.
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Erdbeben - die Folgen
Erdbeben haben zahlreiche Nebenwirkungen: Spaltenbildung, Gas-, Wasser- und Schlammausbrüche, Bergstürze und Flutwellen (Tsunamis). Die Erdbebenforschung (Seismologie) wird in Erdbebenwarten mit Hilfe von Seismographen betrieben. Die Bebenstärke wird nach der Mercalli-Skala (Intensität) oder der Richterskala beschrieben. Ausgeprägte Erdbebenzonen sind die Ränder des Pazifischen Ozeans, die Zone junger Faltengebirge von Indonesien über den Himalaya bis in den Mittelmeerraum, und das System der ozeanischen Rücken (Riftzonen).
->   Allgemeines über Erdbeben
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Kaum vorstellbare Katastrophe
Einig sind sich die Fachleute darin, dass ein Erdbeben der Intensität von 1356 heute zu einer kaum vorstellbaren Katastrophe führen würde.

Gefahr droht im hochindustrialisierten Dreiländereck mit mehr als einer halben Million Einwohnern überall: Lagerhäuser und Chemiewerke sind genauso Risikopotentiale wie die Rheinhäfen in Basel, Birsfelden und Muttenz mit ihren Treibstofftanks, Verkehrswege genauso wie die Strahlengefahr aus umliegenden Atomkraftwerken und das explosionsgefährdete städtische Gasnetz.
Flutwellen am Rhein?
Zusätzliches Unheil könnten nach Ansicht der Fachleute auch die zahlreichen Wehre am Hochrhein und der Staudamm des Schluchsees im benachbarten Schwarzwald anrichten: Wenn sie bersten, könnte es zu einer Flutwelle kommen, die ganze Hafenanlagen, Benzintanklager oder Pharmafirmen wegspült und letzte Fluchtwege abschneidet.

Zudem käme es zu verheerenden Sekundärwirkungen auf die andern Rheinanliegerstaaten, wie Erdbeben-Kenner Mayer-Rosa glaubt: "Wenn beispielsweise der Sandoz(Chemie-Multi; Anm.) wegschwimmt, dann ist in Amsterdam der Teufel los."

(red)
->   Institut of Geophysics, ETH Zürich
->   Schweizerischen Erdbebendienst, ETH Zürich
 
 
 
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01.01.2010