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Stimmen Hören ist keine Krankheit  
  Bis zu zehn Prozent der Menschen hören im Laufe ihres Lebens Stimmen. Ob daraus eine Krankheit ensteht, hängt vom individuellen Leidensdruck ab und davon, wie die Betroffenen damit umgehen.  
"Stimmen Hören ist ein Symptom von vielen verschiedenen Krankheiten. Allerdings ist es auch ein Phänomen, das man aus Grenzerfahrungen kennt. Es tritt auch bei Müdigkeit, Stress oder beim Einschlafen auf", erklärte Univ.-Prof.Dr. Heinz Katschnig, Vorstand der Universitätsklinik für Psychiatrie an der Universität Wien anlässlich des Psychiatrie-Symposiums "Stimmenhören".
Innere Stimmen und schizophrene Psychose
Was die Angelegenheit so gefährlich macht: "Innere Stimmen" werden von Laien zumeist sofort mit dem Vorliegen von schizophrenen Psychosen in Verbindung gebracht. Katschnig: "Die Leute werden stigmatisiert und diskriminiert.

Dabei handelt es sich um ein Kontinuum. In unserem Leben gibt es immer Übergänge. Wir wissen alle, dass wir deprimiert sein können, wenn wir beispielsweise einen Job nicht bekommen. Depression ist das jedoch noch keine. Aber wenn jemand Stimmen hört, heißt es gleich, er ist verrückt."
Nur ein kleiner Teil der Betroffenen wird auch krank
Univ.-Prof. Dr. Marius Romme, Experte für Soziale Psychiatrie an der Universität Maastricht in Belgien, beschäftigt sich seit Jahren mit dem Phänomen und hat es in seinem Heimatland auch über eine Talkshow publik gemacht: "Etwa zehn Prozent der Menschen erfahren Halluzinationen mit Stimmen Hören, aber nur ein sehr kleiner Anteil davon wird krank."
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Stimmen hören ist kein Leitsymptom
Den zehn Prozent der Menschen, die im Laufe ihres Lebens diese Grenzerfahrungen machen, steht ein verschwindend geringer Anteil an schizophrenen Psychosen gegenüber. Nur 0,8 bis ein Prozent der Bevölkerung erkranken im Laufe ihres Lebens daran. Katschnig: "Als Symptome stehen bei dieser Erkrankung immer mehr kognitive Störungen (Denkstörungen) im Vordergrund." Stimmen Hören wird hingegen nicht mehr als Leitsymptom gesehen.
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Psychiatrie fördert Krankheitscharakter
Möglicherweise hat sich auch durch die historische Entwicklung die Sichtweise verändert. Niemand würde Sokrates, Hildegard von Bingen, Jeanne d'Arc, Pythagoras oder Luther mit ihren Leistungen als geisteskrank betrachten.

Dabei berichteten sie alle von solchen Halluzinationen. Erst mit dem Entstehen der Psychiatrie zu Zeiten der Französischen Revolution wurde den Halluzinationen immer mehr Krankheitscharakter beigemessen.
Lernen mit den Stimmen umzugehen
Menschen, die unter dem Stimmen Hören leiden, sollten lernen, mit dem Phänomen umzugehen. Univ.-Prof. Dr. Michaela Amering, Psychotherapeutin an der Universitätsklinik für Psychiatrie am Wiener AKH: "Auch 'imperative Stimmen' können sehr sinnvolle Befehle geben. Man braucht keine Angst vor Stimmen zu haben. Die medikamentöse Behandlung kann hilfreich sein".

Allerdings, gerade das Stimmen Hören wird durch Antipsychotika zumeist nur wenig beeinflusst. Nur ganz selten geben Stimmen Befehle, die auf Gewalt hingerichtet sind.
->   Initiative Psychiatrie-Erfahrener netzwerk-spinnen
->   Universität Maastricht
->   Universitätsklinik für Psychiatrie -Wien
 
 
 
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01.01.2010