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Die Topografie der "Sportstadt Wien"  
  Die Ausbreitung des Sports ist ein Phänomen der Moderne, die Lage und Nutzung von Sportstätten in Großstädten ein Gradmesser ihrer Urbanität. Der Kulturwissenschaftler und IFK Research Fellow Matthias Marschik geht der besonderen Topografie des Sports in Wien nach - und zeigt, dass die Vorstädte hier traditionell gegenüber dem Zentrum bevorzugt wurden. Sport, so seine These, findet in Wien vor allem in der Peripherie "Stadt".  
Stadien: Zentrale Orte moderner urbaner Riten ...
Von Matthias Marschik

Wer von topografischen Zusammenhängen zwischen Stadt und Sport spricht, kommt an den Analysen John Bales nicht vorbei. In seinem Buch 'Sport, Space and the City' definiert er die Fußball-Stadien als "folk cathedrals of modern Britain", die den zentralen Ort moderner urbaner Riten markieren. Ihre Flutlichtmasten und nicht mehr Kirchtürme ragen in den Zentren englischer Städte als "urban landmarks and points of reference" in den Himmel.
... aber nicht in Wien
Wer dagegen nach Wien kommt, sieht zwar bei der Anreise vom Westen die Silhouette des Hanappi-Stadions und vom Süden her lässt sich im Dunst der industrialisierten Randgemeinden das Südstadt-Stadion erkennen. Doch der Großteil der Sportanlagen duckt sich in die Hochhäuser der Vorstadt, in die Wälder der Praterauen oder die Hänge des Wienerwaldes. Im Zentrum der Stadt tritt uns kein architektonisches Signal des Sports entgegen.
->   John Bale: Sport, Space and the City
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Der Vortrag
Am 2. Juni 2003 um 18.00 Uhr sprach Matthias Marschik zum Thema "'Heimspiel': Sport, Politik und Ökonomie im urbanen Raum" am IFK Internationales Forschungszentrum Kulturwissenschaften, Reichsratsstraße 17, A-1010 Wien.
->   IFK
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Vorstädtischer Sport traditionell vorherrschend
Diese Trennung besitzt eine lange Tradition: Zwar schrieb sich der Sport schon um 1520 ins Wiener Stadtbild ein, als das aus Spanien importierte 'Jeu de paume' zur Errichtung von acht Hofballhäusern führte, die als urbaner Gegenpol gegen die ruralen Sportpraxen, von den volkstümlichen Bauernspielen bis zu den Ritterturnieren, galten.

Doch wurde das Jeu de paume im 17. Jhdt. vom Fechten abgelöst, was eine Einschränkung auf Männer und eine Ausweitung auf das Bürgertum bedeutete - und auch ein Verschwinden des urbanen Sportes, während der vorstädtische Sport (Pferderennen, Sport-Spektakeln auf Kirtagen) öffentlich war und zahlreiches Publikum anzog.
Urbaner Sport in den Hinterzimmern
Das änderte sich auch mit der modernen Sportbewegung ab den 1870er Jahren kaum: Der urbane Sport, von den Turn- und Gymnastikvereinen bis zu den Schwerathleten zog sich meist in Hinterzimmer von Gasthäusern zurück, während der öffentlich ausgetragene Sport, vom Fußball und Schwimmen bis zum Rodeln und Eislaufen, der Ressourcen der Vorstädte bedurfte.

Als Raum für öffentliche Spiele galten die Praterauen mit ihren Tennis- und Fußballplätzen, der Trab- und Galopprennbahn.
Auch "Sport-Moderne" hinterließ kaum Spuren
Um 1900 expandierte das Sportgeschehen in Wien gewaltig, als die gesellschaftliche und technische "Transgression" in die Moderne den Sport und die Anfänge der Freizeitkultur nach Wien brachte. Sport wurde rasch zu einem Element von Urbanität, doch hinterließ er weiterhin kaum Spuren im Stadtbild. Insofern ist Roman Horak und Kollegen zum Teil rechtzugeben, wenn sie formulieren, dass sich der Sport nicht "als Einfallsstelle der modernen Alltagsmythen und als Experimentierfeld für neue soziale Codes behaupten" konnte, weil er an politische Ordnungen gebunden blieb.

Auch meiner Sicht würde ich formulieren, dass der bürgerliche Sport zwar politisch war, sich aber nachhaltig als unpolitisch inszenierte. Insofern verbarg sich die Schaffung neuer sozialer Codes hinter vorgeblicher Unparteilichkeit. Gerade deshalb schrieb sich der Sport - im Gegensatz etwa zu den Kinos - nicht der Stadt ein.
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Büros in der Stadt, Sport in der Vorstadt
Selbst die Cityklubs, oft ein Synonym für die enge Verbindung von Sport und Boheme im Wiener Fin de Siecle, besaßen zwar Büros in der City, doch ging der Spielbetrieb weit außerhalb und oft nicht einmal mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar, vor sich.
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1920er: Der Sport kommt zu den Massen
In den 20er Jahren, im sozialdemokratischen 'Roten Wien' wurde der Sport zum popularen Massenphänomen - und deshalb eine wesentliche Erweiterung der Stadien, aber auch eine Segregierung des Publikums notwendig. Dabei traf sich die bürgerliche Idee des unpolitischen Sportes mit dem sozialdemokratischen Ideal des aktiven statt rezeptiven Sports.

So kam der Sport zu den Massen, er siedelte sich in den Leerräumen der Vorstadt, im unbebauten Gebiet zwischen Zinskasernen und Industrieanlagen an, wobei bürgerliche Klubs ihre Stadien im bürgerlichen Hietzing oder Döbling, Arbeiterklubs in proletarisch geprägten Bezirken wie Floridsdorf, Simmering oder Favoriten errichteten.
Stadionbau: Eine Chance auf Urbanität
Das Stadion der 1920er Jahre repräsentierte die zeitgenössische Bedeutung des Sportes zwar in seiner internen Dimension und Architektur, aber nicht in seiner externen Wirkung. Die Stichworte zum Stadionbau in den 20er Jahren hießen Naturarena und Holztribüne. Jacques Le Goff wies darauf hin, wie sehr die Ersetzung hölzerner durch steinerne Gebäude ein Zeichen von Urbanität darstellte.

So lässt sich umgekehrt schließen, dass der Wiener Sport kein urbanes Phänomen darstellen wollte, und zwar weder der Arbeiter- noch der bürgerliche Sport. Wenn der Sport in die City kam, dann nur als kurzes Aufflackern, als Radrennen rund ums Rathaus oder als Schwimmkonkurrenz im Donaukanal.
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Subtile politische Signale
Die politischen Signale des Sportes waren subtiler, wie das Beispiel des Stadions 'Hohe Warte demonstriert: Die Sozialdemokratie hatte zwischen dem Bahnhof Heiligenstadt und dem Stadion den größten sozialen Wohnbau Wiens, den Karl Marx-Hof, placiert und damit dem bürgerlichen Bezirk Döbling zu einer sozialdemokratischen Mehrheit verholfen. Wenn nun bei einem Spiel der bürgerlichen Vienna die Zuschauer zum Stadion gingen, mussten sie - als Symbol sozialdemokratischer Macht - die Triumphtore des Karl Marx-Hofes passieren, dagegen mussten bei einem Länderspiel die meist aus der Arbeiterschaft stammenden Besucher ins bürgerliche Stadion marschieren, wobei sich im Gegenzug wiederum Döblinger Villenbewohner über die lautstarke Störung beschwerten.
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Stadion im Juli 1931 fertiggestellt
Der Bau eines öffentlichen zentralen Stadions wurde schon 1915 ventiliert. Doch die prunkvollen Entwürfe, etwa ein Bau beim Schloss Schönbrunn mit monumentaler Fassade oder ein Stadion mit Schwimmbad und Autorennbahn am Fasangarten wurden nicht realisiert.

Erst auf Drängen des Arbeitersportverbandes ASKÖ, der 1927 den Zuschlag zur Ausrichtung der II. Arbeiterolympiade erhalten hatte, entschloss sich die Gemeinde zu Bau eines Stadions, das im Juli 1931 fertiggestellt war.
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"Burg der Zivilisation"
Der Betonbau mit 48.000 Steh- und 12.000 Sitzplätzen repräsentierte die fortschrittliche Konzeption des Austromarxismus, doch wurde er kein Zentralstadion. Nachdem Pläne zur städtebaulichen Umgestaltung des Umlandes nicht realisiert wurden, blieb das Stadion laut ¿Arbeiter-Zeitung¿ eine "Burg der Zivilisation inmitten blühender Urwaldromantik". Es wurde zum steinernen Monument der Naturbeherrschung und letztlich eine Erneuerung des Biologismus sozialdemokratischer Körperkultur.
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Austrofaschismus verband Natur und Spitzenleistung
Der Austrofaschismus beförderte ab 1934 ein christlich-deutsches Sportideal und vertrat eine romantizierende Sportauffassung, auch wenn Höchstleistungen im Dienste der Nation erstmals an Bedeutung gewannen. Das Bauwerk, das diese Ideologie präsentieren sollte, stand daher nicht in Wien, sondern war die Ausgestaltung des Schlosses Schielleiten zu einer Bundessportschule, sodass sich Naturverbundenheit auf die Erzielung internationaler Spitzenleistungen reimte.

Auch der Nationalsozialismus sah im Sport eher eine Chance, Wien auch alltagskulturell zur Provinzstadt zu degradieren.
Stadthalle: Letzte Chance der Urbanität
Die letzte Chance, im urbanen Bereich sportarchitektonische Marker zu setzen, hätte das bombengeschädigte Wien nach 1945 geboten, doch wurde nur ein singuläres Signal gesetzt. Im Jahr 1953 wurde beim Gürtel mit dem Bau der multifunktionalen, primär für sportliche Nutzung gedachten Stadthalle begonnen, des einzigen Bauwerks, das dem Massencharakter des Sportes an zentraler Stelle Rechnung trug. 1958 wurde sie mit einer Sportparade eröffnet.

Die Stadthalle wurde so zum Exempel restitutiver Planlosigkeit, die durch einzelne anspruchsvolle Projekte, zu denen mit dem Strandbad Gänsehäufel noch ein weiteres sportkonnotiertes Gebäude zählt, übertüncht werden sollte.
Ab 1960: Sekundäre Nutzung vorhandener Ressourcen
Seit den 1960er Jahren geschah auf sportarchitektonischem Terrain in Wien gar nichts mehr. Wenn der Sport sich ins Stadtbild einschrieb, dann als Nutzung vorhandener Ressourcen, vom Wien-Marathon bis zur Donauinsel, die als sekundär sportlich nutzbarer Hochwasserschutz ein Paradigma der Wiener Sportpolitik darstellt, die den Sport zwar fördert, ihm aber kein stabiles, also etwa architektonisches Gewicht verleiht.

Erst um die Jahrtausendwende kann eine Veränderung im Konnex von Stadt und Sport konstatiert werden: Wie 100 Jahre zuvor befindet sich Wien in einer Phase der Transgression und muss sich im Konzert der 'global cities' als mitteleuropäischer Knoten von Finanzdiensten, Hochtechnologie und lokalen Dienstleistungen neu verorten.
Neues Signal der Umgestaltung: Das Sport-Event
Dabei steht die Topografie des Sportes und seiner Baulichkeiten erneut zur Disposition. Ein Signal der Umgestaltung findet sich im sportlichen Event, der im Zentrum kurzlebige Sportlandschaften schafft: Der Stephansplatz wurde 1999 zur Langlaufloipe, im Folgejahr zum Slalomhang umgestaltet; der Praterstern wird zu Silvester zur Freestyle-Anlage, der Platz vor der Votivkirche zur Freiluftarena mit Großbildleinwand; der Rathausplatz wurde als "Wiener Eistraum" zur urbanen Massenattraktion.
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Über den Autor
Matthias Marschik, freier Kultur- und Sozialwissenschaftler in Wien. Lehrbeauftragter am Institut für Psychologie der Universität Wien, am Institut für Medienkommunikation der Universität Klagenfurt und an der Universität für künstlerische und industrielle Gestaltung Linz. 2003 IFK_Research Fellow mit dem Projekt "Stadt - Sport - Raum. Sportpraxen und -mythen als soziale Texte urbaner Erfahrungen".

Publikationen u. a.: Frauenfußball und Maskulinität. Geschichte - Gegenwart -Perspektiven (Münster 2003); "Flieger, grüss mir die Sonne". Eine kleine Kulturgeschichte der Luftfahrt (Wien 2000); Vom Idealismus zur Identität. Der Beitrag des Sportes zum Nationsbewusstsein Österreichs (1945-1950) (Wien 1999).
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->   Weitere Gastbeiträge des IFK
 
 
 
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01.01.2010