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Nicht zu unterschätzen: Nebenwirkungen von Arzneien  
  Arzneien greifen in teilweise hochkomplizierte Regelkreise des menschlichen Körpers ein. Dabei bleiben Fehlsteuerungen nicht aus. Das Spektrum möglicher Nebenwirkungen von Medikamenten reicht von relativ harmlosen Begleiterscheinungen, wie z. B. Müdigkeit, bis hin zu Wirkungen, deren Schaden den Nutzeffekt des Medikamentes übersteigt. Dass man die unerwünschten Wirkungen von Medikamenten nicht unterschätzen soll, zeigt eine US-amerikanische Statistik, die Nebenwirkungen von Medikamenten an vierter Stelle der Todesursachen reiht. Der Ö1-Radiodoktor beschäftigte sich mit den oft unterschätzten Risiken von Arzneimitteln.  
Unerwünschte Wirkungen können tödlich sein
Medikamente können nicht nur heilen, sondern auch krank machen. Ein bekannter Fall eines solchen Medikamentes aus der jüngeren Vergangenheit ist das Cholesterin senkende Mittel Lipobay. In Kombination mit einer bestimmten anderen Substanz eingenommen führte dieses Medikament sogar zu Todesfällen.

Ein anderes Beispiel aus den 60er Jahren ist das Schlaf- und Beruhigungsmittel Contergan, dessen Einnahme während der Schwangerschaft Missbildungen des Embryonen zur Folge hatte.
Nebenwirkungen als Ursache für Krankenhausaufenthalt
"Man kann sagen, dass 6,7 Prozent der Todesursachen in einer Verbindung zu einem Arzneimittel stehen", sagt der Vorstand des Institutes für Pharmakologie der Uni Wien Michael Freissmuth. "Nebenwirkungen sind generell ein wichtiger Grund für Krankenhausaufenthalte. Dies ist teilweise damit zu begründen, dass ganz einfach zuviel Arzneimittel genommen werden, besonders bei banalen Erkrankungen."
Viele Arzneistoffe - viele Nebenwirkungen
So viele verschiedene Arzneistoffe es gibt, so viele Nebenwirkungserscheinungen gibt es auch. Sie reichen von einfachen Störungen im Magen-Darm-Bereich, etwa nach der Antibiotika-Einnahme, über Organschäden an Leber und Niere bis hin zur Auslösung von Krebs.

Wenn man den Wirkungsmechanismus eines Arzneistoffes kennt, kann man häufig auch die unerwünschten Nebenwirkungen vorhersagen. Die meisten sind dosisabhängig, manche allergisch bedingt.

Die Kunst des Arztes besteht dann darin, die Dosis für den Patienten zu finden, bei der die erwünschte Wirkung maximal, die Nebenwirkungen aber minimal oder noch gar nicht auftreten.
Die richtige Dosierung
Die Dosierung eines Medikamentes hängt von vielen Faktoren ab. Eine wesentliche Rolle nimmt dabei die so genannte therapeutische Breite der Arznei ein. So wird die Größe des Abstandes zwischen erwünschten und unerwünschten Wirkungen bezeichnet.

Ein weiterer Faktor ist das Körpergewicht, da bei der Dosierung berücksichtigt werden muss, in welchem Volumen die Substanz aufgenommen wird. Und natürlich hängt die Dosierung auch von der Effektivität der Arznei ab. Substanzen, die an ihren Zielstrukturen sehr gut binden, können geringer dosiert werden als Substanzen, die schlechtere Bindungsfähigkeiten haben.
Faktor Alter
Neben Begleitmedikationen ist auch das Alter der Patienten ein wesentlicher Faktor für die Dosierung einer Arznei. So werden Medikamente im Körper älterer Menschen auf Grund eines verlangsamten Stoffwechsels langsamer abgebaut. D.h. sie befinden sich länger im Körper und haben daher auch eine längere Wirkungsdauer als bei jüngeren Menschen.

Laut dem Pharmakologen Michael Freissmuth sollte die Medikamentdosis bei älteren Menschen generell niedriger angesetzt werden, da die meisten von ihnen unter einer verminderten Nierenfunktion leiden.
Kinder und Medikamente
"Kinder haben einen beschleunigten Metabolismus, daher sollte die Dosierung des Medikamentes auch höher sein als man vom Körpergewicht her annehmen sollte", meint Freissmuth.

Dies gilt aber erst ab dem erreichten ersten Lebensjahr. Vorher müssen Medikamente geringer dosiert werden, da Kinder bis dahin einen langsameren Stoffwechsel haben.
Nicht alle Nebenwirkungen treten sofort auf
Manche Nebenwirkungen, wie z. B. Erbrechen, Schwindel, Durchfall, Fieber, Schmerzen etc., treten sehr schnell und intensiv auf, so dass das Medikament für den betreffenden Patienten nicht geeignet ist und abgesetzt werden muss. Andere Nebenwirkungen machen sich langsam bemerkbar.

Dies trifft oft auf Medikamente zu, die über sehr lange Zeit eingenommen werden müssen. Bei schleichend auftretenden Nebenwirkungen kann der Patient den Zusammenhang zwischen der Medikament-Einnahme und der Nebenwirkung oft nicht mehr erkennen.

Um Komplikationen zu vermeiden, sollte man daher bei einem Arztbesuch auf jeden Fall alle Medikamente nennen, die man in letzter Zeit eingenommen hat.
Unbekannte Langzeitwirkungen
Die ständige Einnahme von Medikamenten über einen längeren Zeitpunkt hinweg kann auch zu unvorhersehbaren Langzeitwirkungen führen. So wurden in Amerika in den 60er Jahren Frauen, die zu Fehlgeburten neigten, mit künstlich hergestelltem Östrogen behandelt. Damals glaubte man noch, dass Fehlgeburten mit einer Störung des Hormonhaushaltes zusammenhängen.

"Nach einigen Jahren hat man dann festgestellt, dass die Töchter dieser Mütter in der Pubertät im oberen Scheidendrittel ein Karzinom entwickelt haben", erzählt der Pharmakologe Freissmuth. "Der Zusammenhang war relativ leicht herstellbar, da es sich um eine sehr seltene Krebsart handelte, die sonst nicht so gehäuft auftritt."
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Eine kostenlose Infomappe zur Sendung vom 30.6.03 kann bestellt werden unter: ORF Redaktion Radiodoktor, Postfach 1000, Kennwort Nebenwirkungen, 1040 Wien oder E-Mail: radiodoktor@orf.at
->   Österreich 1
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Auch pflanzliche Mittel haben Nebenwirkungen
Häufig haben pflanzliche Mittel, die ohne Rezept erhältlich sind, gefährliche Nebenwirkungen. Dazu zählt u. a. Kava-Kava, ein Mittel, das Angst und Stress mildern soll. Wissenschaftler haben festgestellt, dass Kava-Kava Parkinson auslösen kann und die Leber nachhaltig schädigt. Daher muss unbedingt der Nutzen und das Risiko bei der Einnahme eines solchen Mittels abgewogen werden.

Viele der pflanzlichen Mittel (u. a. Ginkgo, St. John's Worth, Ginseng, Echinacea) haben Nebenwirkungen auf den Organismus, wobei diese bis zum heutigen Tag noch nicht restlos analysiert sind. Hinzu kommen mögliche gefährliche Interaktionen der pflanzlichen Mittel mit verschriebenen Medikamenten.

Walter Gerischer-Landrock, Ö1-Radiodoktor
->   Institut für Pharmakologie
->   Mehr über die Wirkung von Medikamenten in science.ORF.at
 
 
 
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01.01.2010