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Auch Tiere reflektieren ihre geistigen Fähigkeiten  
  Sie gilt als rein menschliche Fähigkeit: die Reflexion über das eigene Denken - etwa in Form von Einschätzungen der eigenen kognitiven Leistung. So kann es vorkommen, dass ein Mensch Zweifel oder Unsicherheit angesichts besonders komplexer Aufgaben verspürt. Doch nun stellen US-Forscher diese Annahme in Frage. Sie wollen Anzeichen für jene Metakogniton getaufte Fähigkeit auch bei Tieren beobachtet haben.  
Ein Forscherteam um John David Smith vom Center for Cognitive Science der University at Buffalo im US-Bundesstaat New York hat in drei parallelen Studien an Mensch, Affe und Delphin untersucht, ob sich metakognitive Muster auch im tierischen Verhalten nachweisen lassen.

Wie die Wissenschaftler nun berichten, ist der Mensch auf diesem Gebiet zumindest nicht allen Tierarten so überlegen, wie man bislang geglaubt hat.
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Der Artikel "The Comparative Psychology of Uncertainty Monitoring and Metacognition" von John David Smith, Wendy E. Shields (University of Montana) und David A. Washburn (Georgia State University) wird im Fachjournal "The Behavioral and Brain Sciences" veröffentlicht, wie die University at Buffalo in einer Aussendung mitteilte.
->   "The Behavioral and Brain Sciences"
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Zweifel als Zeichen der Metakognition
Jeder hat wohl schon einmal an sich selbst bzw. den eigenen Fähigkeiten gezweifelt. Das ist an sich nichts schlechtes - denn Wissenschaftlern gilt diese so genannte "Metakognition" - das kognitive Selbst-Bewusstsein - als eine der höchst entwickelten menschlichen Geisteskräfte.

Der Begriff Metakognition besagt dabei kurz gesagt, dass ein Individuum in der Lage ist das eigene Denken zu reflektieren. Es handelt sich um das Wissen um die bzw. die Auseinandersetzung mit den eigenen kognitiven Fähigkeiten. Der Terminus wird heute vor allem im Rahmen der Lernpsychologie diskutiert.
->   Mehr Information zur Metakognition (TU Darmstadt)
Findet sich Metakognition auch bei Tieren?
Eine bislang offene Frage: Ist Metakognition eine rein menschliche Fähigkeit, oder findet sie sich etwa auch bei Tieren?

Das offensichtliche Problem bei der Untersuchung dieses Sachverhaltes liegt darin begründet, dass man Tiere nur sehr schwer fragen kann, ob sie sich angesichts einer Aufgabenstellung unsicher fühlen oder an ihren Fähigkeiten zu deren Bewältigung "zweifeln".
Verschiedene Tests sollten Aufschluss geben
Das Forscherteam um John David Smith musste sich also etwas anderes einfallen lassen: Die Wissenschaftler führten drei verschiedene Verhaltensstudien durch - an Menschen, einer Gruppe von Rhesusaffen sowie an einem Delphin.

Dabei wurde jeweils eine Reihe von - leichten und schwereren - Wahrnehmungs- und Gedächtnistests angeboten: Wurden die Versuche erfolgreich, also korrekt, abgeschlossen, gab es eine Belohnung. Erbrachten Mensch oder Tier aber ein fehlerhaftes Ergebnis, so folgte die Bestrafung in Form von Spielausschluss.

Die Tiere konnten also ebenso wie ihre menschlichen Versuchskollegen einen Test auch abbrechen, falls sie die Bestrafung vermeiden wollten. Zumindest aber, so meinten die Forscher, könnten sich Anzeichen für Zweifel beobachten lassen, wenn Affen oder Delphin sich nicht ganz sicher waren, ob sie die gestellte Aufgabe auch korrekt bewältigen würden.
Deutliches Muster an Unsicherheit bei den Tieren
Die Ergebnisse der Forscher: Sowohl die Rhesusaffen, als auch der Delphin zeigten in ihren Reaktionen ganz deutlich eine Form von Unsicherheit - sie zögerten wiederholt vor oder während schwierigerer Aufgaben. Dieses Muster aber war exakt das gleiche, dass auch die menschlichen Probanden zeigten.

"Die Muster der Ergebnisse von Menschen und Tieren zeigen einige der engsten Mensch-Tier-Ähnlichkeiten, die jemals in der komparativen Literatur berichtet wurden", kommentiert Studienleiter John David Smith die Ergebnisse in einer Aussendung der University at Buffalo.
Affen und Delphin reflektieren ihre Fähigkeiten
Die Ergebnisse legen laut Smith nahe, dass einige Tiere durchaus Parallelen zur bewussten Metakognition beim Menschen zeigen. "Sie wissen offensichtlich, wenn sie etwas wissen, und wenn sie etwas nicht wissen."

Mit anderen Worten: Die Forscher glauben, dass sowohl die Rhesusaffen als auch der Delphin gelernt haben, ihre eigenen kognitiven Fähigkeiten einzuschätzen bzw. diese bewusst zu reflektieren.
Weitere Studien für eine "Evolutionskarte" ...
Das Forscherteam hofft nun auf weitere Studien nach dem gleichen Schema - denn, so meinen die Wissenschaftler, über die Ergebnisse aus Tests an einer großen Bandbreite von Tierarten könnte sich eine Karte zeichnen lassen, aus der sich die Evolution der Metakognition ablesen lässt.
->   University at Buffalo Center for Cognitive Science
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01.01.2010