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Gefährlich gesund: Wenn Rohkost und Co krank machen  
  Rohkost, Vollkorn und Milch gelten gemeinhin als besonders gesunde Kost - doch sie können auch krank machen. Wer diese Nahrungsmittel nicht verträgt, bei dem rebelliert die Verdauung. Die vermeintlich gesunde Ernährung wird zum Stoffwechselproblem. So kann etwa auch die so genannte "functional food" die Verdauung ruinieren und Süßstoff gar Depressionen auslösen.  
Essen Sie bloß kein Müsli mit frischer Milch und einem knackigen Apfel zum Frühstück. Diese bunte Mischung aus vollem Korn, Vitaminen, Mineral- und Ballaststoffen könnte Ihre Gesundheit gefährden.
Wenn das Verdauungssystem rebelliert
Sodbrennen, Bauchkrämpfe, Blähungen und Durchfall sind die Folgen, aber auch permanente Müdigkeit, Migräne, Akne oder Arthritis. Sogar Menstruationsbeschwerden und Depressionen können mit dieser vermeintlich gesunden Ernährung zusammenhängen.

Zumindest, wenn Sie zu jenen Menschen gehören, die diese Nahrungsmittel nicht vertragen. Denn Ihr Verdauungssystem hat ein gewaltiges Problem mit den Inhaltsstoffen dieser Kost: Es kann diese schlichtweg nicht verwerten.

"Was der eine verträgt, kann der andere nicht verdauen", weiß der Internist Maximilian Ledochowski. Der Innsbrucker Mediziner beschäftigt sich seit mehr als 15 Jahren mit den Zusammenhängen zwischen dem Konsum bestimmter Nahrungsmittel, Störungen im Verdauungstrakt und den verschiedenen damit assoziierten Erkrankungen.
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Ein Fünftel der Bevölkerung betroffen
"Bereits ein Fünftel der Bevölkerung leidet unter diesen so genannten Nahrungsmittelunverträglichkeiten und den daraus resultierenden Leiden - und die Tendenz ist steigend", führt der Experte aus. "Die Dunkelziffer wird weitaus höher eingeschätzt, weil die meisten der Betroffenen nicht einmal wissen, dass der Ursprung vieler ihrer chronischen Leiden wie beispielsweise des Klassikers 'Reizdarm' in einer Intoleranz gegenüber bestimmten Nahrungsmitteln liegt."
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Nicht zu verwechseln mit Nahrungsmittelallergien
Nicht zu verwechseln sind diese mit den Nahrungsmittelallergien: "Während es sich bei der Unverträglichkeit um eine Stoffwechselstörung handelt, ist die Allergie eine Folge der Überreaktion unseres Immunsystems auf die Nahrung", so Ledochowski.
Verdauung erzeugt Körperenergie
Der hochkomplexe und sehr sensible Verdauungsapparat ist für einen lebenswichtigen Vorgang im Organismus zuständig - für die Bereitstellung von Energie. Alles, was der Körper den ganzen Tag lang leistet, braucht Energie.

Diese beziehen wir zu einem Großteil aus unserer Nahrung: vorwiegend aus Kohlenhydraten - also Zucker und Stärke -, Eiweißen, Fetten, aber auch aus Ballaststoffen, Vitaminen und Mineralstoffen.

"Beim Verdauungsvorgang werden die komplizierten Molekülketten der verschiedenen Substanzen in einfachere Bestandteile zerlegt, denn nur so kann der Körper auch die Inhaltsstoffe aufnehmen", erklärt Ledochowski.
Hochkomplex - und anfällig für Probleme
So komplex der Verdauungsapparat ist, so anfällig ist er für Probleme. Spielt ein Rad im Triebwerk verrückt, wird die Nahrung nicht richtig verwertet: Eine unvollständige Verdauung vergeudet nicht nur Energie, diese Nahrungsrückstände belasten den Körper auf Dauer schwer.
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Ratgeber "Gesund essen, trotzdem krank"
Die Erkenntnisse seiner jahrelangen Arbeit hat Ledochowski nun in dem Ratgeber "Gesund essen, trotzdem krank" (Verlagshaus der Ärzte, 160 Seiten, EUR 14,90) zusammengefasst: Neben allgemeinen Informationen zu Ernährung und Verdauung erklärt der Mediziner die häufigsten Stoffwechselstörungen und beleuchtet, ob die so genannten "gesunden" Nahrungsmittel auch wirklich immer gesund sind - oder welche Risiken sich in Fertiggerichten verbergen. Seine gewagte Schlussfolgerung: "Eine große Zahl chronischer Zivilisationskrankheiten lassen sich auf ein Verdauungsproblem zurückführen."
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Weit verbreitete Milchunverträglichkeit
Ledochowski interessiert sich vor allem für Stoffwechselstörungen, deren Ursache im Darm liegen. "Im Dünndarm sollen unter anderem Fructose, also Fruchtzucker, und Laktose, Milchzucker, verarbeitet und resorbiert werden", so der Mediziner.

"Dazu braucht es einerseits den 'Glucose-5-Transporter', der die Aufnahme von Fruchtzucker über die Schleimhaut erst möglich macht." Dieser Mechanismus ist aber bei mindestens einem Drittel der Bevölkerung gestört: Fructose kann nicht ausreichend oder gar nicht aufgenommen werden und gerät so in den Dickdarm, wo sie nicht hingehört und nun bakteriell abgebaut werden muss.

Bei Laktoseunverträglichkeit treten die gleichen Beschwerden ein. Nur besteht hier kein Transportdefekt, sondern ein Mangel an dem Enzym Laktase. Während Säuglinge und Kleinkinder reichlich von dem Enzym haben, um die Laktose der Muttermilch abbauen zu können, verschwindet Laktase mit dem Alter zusehends. "Eine Milch-Unverträglichkeit ist daher weiter verbreitet als man glaubt", so Ledochowski.
Blähungen durch Bakterien
Während gut die Hälfte der Betroffenen an keinerlei Beschwerden leidet, weil ihre Dickdarmflora mit unverdauten Zucker-, Eiweiß- und Fettmolekülen zurecht kommt, beginnen bei den anderen zirka zwei Stunden nach der Nahrungsaufnahme die ersten Probleme.

Die körpereigenen Darmbakterien zersetzen die Nahrungsverbindungen in Wasserstoff, kurzkettige Fettsäuren, Kohlendioxid, Methan und Alkohole. Die Folge: Das CO2 verursacht massive Blähungen, die Fettsäuren sorgen für Durchfall und die Alkohole belasten Leber und Gehirn.
Depressionen und Migräne durch falsches Essen
Auch Migräne kann verdauungsbedingt sein: Die Bakterien im Dünndarm lösen aus den Aminosäuren kleine, biologisch aktive Stücke heraus, die dem bekannten Histamin ähneln. Menschen, die unter Histaminunverträglichkeit leiden und diese Substanz nicht abbauen können - übrigens ebenfalls eine Stoffwechselstörung - reagieren mit Durchfall, allergischen Reaktionen und Migräne.

Auch psychische Leiden können Resultat einer Stoffwechselerkrankung sein: "Depressionen sind unter anderem die Folge einer verminderten Resorption der essenziellen Aminosäure Tryptophan", erklärt der Internist. "Durch den Mangel an Tryptophan im Blut wird das 'Glückshormon' Serotonin nicht mehr in ausreichender Menge erzeugt."
Wenn "functional food" krank macht
Gar nicht gut für die Verdauung ist laut dem Mediziner "functional food": "Diese von der Lebensmittelindustrie hergestellten Produkte machen den Körper ganz im Gegenteil zu ihrer propagierten Wirkung oft krank", so Ledochowski.

Joghurt mit vermeintlich verdauungsfördernden Bakterienkulturen beispielsweise landet im Dünndarm, wo die Mikroorganismen meist Schaden anrichten. Kalorienarme Müsliriegel, Kaugummi und Diabetikerprodukte enthalten sehr oft den künstlich hergestellten Süßstoff Sorbit als Zuckerersatz.

80 Prozent der Bevölkerung können diesen Süßstoff aber nicht verwerten. Im besten Fall verlässt Sorbit den Körper, ohne Schaden anzurichten. Bei größeren Mengen verschlechtert dieser aber die Aufnahme von Fruchtzucker - mit ein Grund, warum auf den Verpackungen darauf hingewiesen wird, das der erhöhte Konsum von Sorbit zu Blähungen und Durchfall führen kann.
Beste Hilfe: Ernährungsumstellung
Die beste Hilfe bei Verdauungsstörungen beziehungsweise Nahrungsmittelintoleranzen ist eine Ernährungsumstellung. Jene Substanzen, die Probleme bereiten, müssen konsequent vom Speiseplan gestrichen werden.

Eine einheitliche, für alle Menschen gesunde Ernährungsform gibt es ohnehin nicht. "Kein Mensch ist wie der andere, ebenso wenig lässt sich die Verdauung schematisieren", so der Experte.
"Hören Sie auf Ihren Körper"
Der Ratschlag des Mediziners: "Hören Sie auf Ihren Körper, der ihnen letztlich klar vermittelt, welche Nahrung gut für Sie ist. Die wenigsten Menschen vertragen Vollwert- und Rohkost - gegarte und verkochte Speisen sind allemal besser."

Wenn Sie also eher der Typ für ein Spiegelei mit Speck statt für Müsli zum Frühstück sind, brauchen Sie künftig kein schlechtes Gewissen mehr haben: Gesunde Ernährung ist relativ.

Eva-Maria Gruber, Universum Magazin
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Den vollständigen Artikel "Gefährlich gesund" von Eva-Maria Gruber Mehr lesen Sie in der aktuellen Ausgabe des Universum Magazins (7.4.04).
->   Universum Magazin
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->   Homepage Maximilian Ledochowski (www.lactose.at)
->   Selbsthilfegruppe für Fructose-Unverträglichkeit
Mehr zum Thema Ernährung in science.ORF.at:
->   Essstörung: Immer mehr "krankhafte Gesundesser" (29.1.04)
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01.01.2010