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Bestseller: Mundpropaganda hilft am besten  
  Wie man Bestseller schreibt, ist nach wie vor ein Rätsel. Beflügelnd auf den Verkauf von Büchern wirken sich aber mit Sicherheit zwei Dinge aus: gute Kritiken und Mundpropaganda. Gute Kritiken führen zu einem schnellen Anstieg, aber auch wieder Abschwellen des Verkaufs. Mundpropaganda wirkt später, aber nachhaltiger. Das haben Forscher nun statistisch bewiesen.  
Der Geophysiker Didier Sornette von der Universität von Kalifornien in Los Angeles (UCLA) und sein Team haben für ihre Forschungen die Bestsellerlisten des Online-Buchhändlers Amazon unter die Lupe genommen. Ihre Resultate stellen sie in den "Physical Review Letters" vor.
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Die Studie "Endogenous Versus Exogenous Shocks in Complex Networks: An Empirical Test Using Book Sale Rankings" ist in den "Physical Review Letters" (Bd. 93, S. 228701, Ausgabe vom 26.11.04) erschienen.
->   Original-Abstract in den "Physical Review Letters"
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Komplexes System des Buchkaufs
Normalerweise beschäftigt sich das Team aus Netzwerkforschern und Statistikern mit anderen komplexen Systemen: etwa mit der Frage, wie viele Nachbeben einem schweren Erdstoß folgen. Oder mit den Entwicklungen von Börsenkursen und möglichen Vorhersagen.

Diesmal sind sie jedoch einem anderen Phänomen nachgegangen: dem komplexen System des Buchkaufs. Zu diesem Zwecke untersuchten sie das Kaufverhalten bei Amazon, das stündlich eine aktualisierte Bestsellerliste veröffentlicht.
Die Top 50 von Amazon untersucht
Um unter die Top 100 zu gelangen, müssen mindestens 30 Exemplare eines Buchs über die virtuellen Ladetische gehen, für die Top Ten müssen es schon 100 Exemplare sein.

Aus hunderten von Büchern, die mindestens ein Jahr im Bestseller-Ranking verblieben waren, wählten die Forscher jene aus, die die Top 50 erreicht hatten.
Exogene und endogene Schocks
Auf- und Abstieg ihres Verkaufs korrelierten sie dann mit so genannten exogenen bzw. endogenen Schocks. Dabei handelt es sich um Einflüsse auf ein komplexes System, das entweder von außen oder von ihnen einwirkt.

Mit exogenen Schocks sind beim Buchhandel etwa positive Kritiken gemeint. Logischerweise führt dies zu einem starken Anstieg des Verkaufs. Dieser ist aber relativ kurzfristig, der darauf folgende Abstieg der Verkaufszahlen folgt einem mathematischen Potenzgesetz.
->   Potenzgesetze (Wikipedia)
Mundpropaganda: Ist langsamer, wirkt länger
Die Wirkung von endogenen Schocks - Erschütterungen also innerhalb des Systems der Buchkäufer - ist langsamer, aber von längerer Dauer. Das von den Forscher dafür herangezogene Phänomen: Mundpropaganda.

Ein bestimmtes untersuchtes Buch ("The Divine Secrets of the Ya-Ya Sisterhood") gelangte erst zwei Jahre nach der Veröffentlichung in die Bestsellerlisten - ohne größere Marketingmaßnahmen und v.a. auf Grund zahlreicher Lese-Zirkel, die sich gebildet hatten.

Im Gegensatz zu den durch Kritiken empor gelobten Büchern hielt sich dieses Buch länger in der Bestsellerliste.
Endogen nachhaltiger als exogen
Der Schluss der Forscher: Endogene Schocks im komplexen Sozialsystem der Buchkäufer wirken sich nachhaltiger aus auf den Buchverkauf als die besten Kritiken in den angesehensten Magazinen.

[science.ORF.at, 24.11.04]
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Die komplette Studie befindet sich auf der Homepage von Thomas Gilbert von der Haas School of Business, einer der Forscher.
->   Die Studie (pdf-Datei)
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->   Didier Sornette (UCLA)
->   Amazon Bestseller
 
 
 
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01.01.2010