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Drittel der Jugendlichen spricht nicht über Nazi-Zeit  
  60 Jahre nach dem Ende des Nationalsozialismus spricht rund ein Drittel der österreichischen Jugendlichen im Freundeskreis oder mit der Familie nicht über diese Zeitgeschichte. Und wenn, dann oft in der Sprache der Täter.  
Neues Buch und neue Studie
Wie sich die Verbrechen des Nationalsozialismus heute Jugendlichen vermitteln lassen, ist das Thema eines neu erschienen Buches junger Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen.

Teil des Sammelbandes ist eine Studie zum Umgang von Jugendlichen mit Nationalsozialismus, deren Ergebnisse Mittwochabend in Wien präsentiert wurden.
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Literaturhinweis
Das Buch "In einer Wehrmachtsausstellung. Erfahrungen mit Geschichtsvermittlung", hg. v. Büro trafo.K/ Renate Höllwart/ Charlotte Martinz-Turek/ Nora Sternfeld/ Alexander Pollak, erschien beim Verlag Turia+Kant. 223 Seiten.
->   Zum Buch bei Turia+Kant
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Geschichte vermitteln
Das Kulturvermittlungs-Büro trafo.K hat in Wien 4.000 Schülerinnen und Schüler durch die Ausstellung "Verbrechen der Wehrmacht. Dimensionen des Vernichtungskrieges 1941 bis 1944" begleitet und mit ihnen diskutiert.

Ziel dabei war nicht, Faktenwissen zu vermitteln, sondern den Jugendlichen Klischees bewusst zu machen.
Schwierig, die richtigen Worte zu finden
Wie sprechen Jugendliche 60 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges über Holocaust und Verbrechen des Nationalsozialismus?

Dazu meinte die Historikerin Charlotte Martinz-Turek im ORF-Radio: "Was für sie sehr schwierig ist: Sie wissen, dass über den Nationalsozialismus und die Verbrechen der Wehrmacht zu sprechen, ein sehr wichtiger Diskurs ist und sehr bedeutungsschwanger ist. Sie sind unsicher und wissen nicht, welche Begriffe sie verwenden sollen."
"Sprache der Täter"
Die Sprache der Jugendlichen sei großteils die Sprache der Täter, so die Historikerin - Stichwort "Völkermord" oder "Ausmerzen" - jedoch sei es den Jugendlichen nicht bewusst, so Martinz-Turek vom Büro trafo.K:

"Wir haben mit den Schülerinnen und Schüler darüber diskutiert, dass diese Vokabeln eine Sprache der Täter sind, woher diese Sprache kommt und warum es diese Sprache ist, die verwendet wird."
Familien sprechen selten über NS
Wenn überhaupt über die Zeit des Nationalsozialismus gesprochen wird: Denn die begleitende Studie anhand von 920 Fragebögen hat ergeben, dass ein Viertel bis ein Drittel der Jugendlichen nicht in Familie oder Freundeskreis über den Nationalsozialismus spricht, betonte die Psychologin Ines Garnitschnig im ORF-Radio.
Hypothetische Fragen an Großeltern
Ein weiteres Ergebnis der Studie: Auf der einen Seite verteidigen viele Jugendliche ihre Großeltern - z.B. mit den Worten "die konnten ja nicht anders" - auf der anderen Seite würden sie ihren Angehörigen gerne kritische Fragen stellen, so Garnitschnig:

"Eine 15jährige Schülerin würde z.B. gerne fragen: Warum sie Hitler gewählt haben, obwohl sie wussten, was er mit den Juden vorhatte? Warum sie nichts unternommen haben, als sie merkten, was wirklich geschah? Und ein 17jähriger Schüler hat im Fragebogen formuliert: Hey Uropa, warum warst Du auch so ein Scheiß-Nazi?"

Fragen der Jugendlichen, die allerdings hypothetisch an ihre Vorfahren adressiert wurden.

Barbara Daser, Ö1-Wissenschaft, 25.11.04
->   Das Stichwort Nationalsozialismus im science.ORF.at-Archiv
 
 
 
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01.01.2010