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Kulturkampf um Comics in den 1950er Jahren  
  Bilderstreifen mit Superhelden und Verbrechern als Hauptfiguren. Sprechblasen mit einer reduzierten Sprache, die die Phantasie verdirbt. Dazu auch noch sexuelle Anspielungen zwischen den Zeilen und Bildern: Nicht nur konservative Menschen betrachteten im Österreich der Nachkriegszeit in diesem Sinne Comics als "Schmutz und Schund". Der Wiener Kunsthistoriker Georg Vasold zeichnet den "Abwehrkampf" des offiziellen Österreich gegen die amerikanische Comic-Kultur in einem jüngst erschienenen Buchbeitrag nach.  
Was aus heutiger Sicht kaum noch nachzuvollziehen ist, war im "kulturellen Vakuum" der 1950er Jahre ein höchst umstrittenes Terrain. Georg Vasold von der Universität Wien skizziert es pointiert in dem Reader "Randzone", der sich mit der Massenkultur der Nachkriegszeit in Wien beschäftigt.
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Der Beitrag "Zentralproblem Bild. Zur Geschichte des Comics in Österreich" ist in dem Buch "Randzone. Zur Theorie und Archäologie von Massenkultur in Wien 1950 - 1970" (Hg. Horak, Maderthaner, Mattl, Musner, Penz) erschienen.
->   Mehr über das Buch (Verlag Turia+Kant)
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Verkümmerte Sprache
An vorderster Front im Kampf gegen die neuen Bilder stand Richard Bamberger, Germanist und Generalsekretär des österreichischen Buchklubs der Jugend.

Er beklagte die "verkümmerte Sprache", aber auch die Inhalte der Bildstreifen. Handelten diese doch oft von "Supermenschen, Verbrechern und Weltraumfliegern" und boten sie doch ebenso oft "raffiniert versteckte Erotik".
Töten Geist und Phantasie
Während Bildgeschichten der Vergangenheit - etwa die Bibeln des Mittelalters - zur Erläuterung und Erhellung geistiger Begriffe dienten, würden Comics die Phantasie und den Geist töten.

Dies führe zu schwer wiegenden Folgen, u.a. wirkten Comics als "Anregung und Verführung zum Verbrechen", wie der besorgte Germanist in einem Vortrag prophezeite.
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Die vier Hauptsünden des Comics
Bei einer Brandrede im Süddeutschen Rundfunk verwies Bamberger auf eine Studie des amerikanischen Psychologen Frederic Wertham, der 1954 zu folgenden Wirkungen von Comics gekommen war:
- sie sind eine Quelle allgemeinen Analphabetentums,
- sie schaffen eine Atmosphäre der Grausamkeit und des Abwegigen
- sie vermitteln verbrecherische oder sexuell abnormale Ideen,
- sie schwächen die natürlichen Kräfte, ein anständiges Leben zu führen.
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Gleiche Argumentation in allen politischen Lagern
Die Argumentation von Bamberger ist laut Vasold exemplarisch für die 50er Jahre. Gleichgültig ob Buchklub, katholische Beratungsstellen oder die Kinderfreunde: "Aus allen politischen und ideologischen Lagern tönte die gleiche Klage."
Ideologische Positionierung des Landes
Die Diskussion über "Schmutz und Schund", so Vasold, bot eine willkommene Gelegenheit, das Land in der Nachkriegszeit ideologisch zu positionieren.

Die Bekämpfung von Comics und ihre vier Hauptmotive - radikale Sprache, Verknüpfung von Sexualität und Verbrechen, antiamerikanische Gesinnung sowie "Bilder als Bedrohung" - waren dafür ein probates Mittel.
Gegenmittel: Aufklärung und Gesetzesnovelle
Konkrete Mittel gegen die Gefahr der Sprechblasen aus Amerika wurden auch gefunden: auf der einen Seite "Aufklärung der Jugendlichen". Doch es gab auch handfeste politische Bemühungen:

So setzten sich Bamberger und seine Gesinnungsgenossen ab 1955 für eine Novellierung des Jugendschutzgesetzes ("Schmutz- und Schundgesetz") mit dem Ziel ein, den Verkauf von Comics an Personen unter 16 Jahren unter Strafe zu stellen und das Schutzalter auf 18 Jahre zu erhöhen.
Eine Million Unterschriften gegen Comics
Für dieses Ziel wurde eine bundesweite Unterschriftenaktion gestartet, die u.a. vom Unterrichtsminister Heinrich Drimmel (ÖVP) und Kardinal Theodor Innitzer - sowie einer Million weiterer Österreicher - unterschrieben wurde.

Dies zeigte Wirkung und tatsächlich wurde dem Nationalrat 1956 eine entsprechende Regierungsvorlage zur Novellierung des Gesetzes übermittelt.
Da "Zensur", doch kein neues Gesetz
Dass es zu keinem neuen Gesetz kam, liegt an mehreren Dingen, so Vasold. Zum einen arbeitete die Anwaltskanzlei des späteren Justizministers Christian Broda auf Wunsch des besonders betroffenen Walt-Disney-Konzerns ein Rechtsgutachten aus, das die Novelle als Zensur und als nicht verfassungskonform darstellte.

Zum anderen begann die öffentliche Meinung in den Jahren langsam zu kippen - nicht zuletzt, da sich eine Reihe von Zeitungen mit dem Thema kritisch auseinander setzten.

Schließlich schliefen die gesetzlichen Vorhaben in einer Unterkommission des Parlaments ein - und mit ihnen auch langsam ein relativ unbekanntes Kapitel der jüngeren Zeitgeschichte, das Georg Vasold sehr plastisch nachgezeichnet hat.

Lukas Wieselberg, science.ORF.at, 25.11.04
->   Institut für Kunstgeschichte, Uni Wien
->   science.ORF.at-Archiv zum Thema Comics
->   comics.ORF.at
 
 
 
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01.01.2010