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Die wachsende Bedeutung der "Alten" in der Politik  
  Ältere Menschen werden in Zukunft in der Politik wichtiger werden. Einerseits als "Thema" - Stichwort Gesundheitssystem -, andererseits als größer werdende Gruppe von Wahlberechtigten. Der deutsche Soziologe Harald Künemund geht dem Zukunftsszenario von "Politik und Alter" in einem Gastbeitrag nach.  
Die Politik und das Alter
Von Harald Künemund

Der Wandel politischer Einstellungen, der aktiven politischen Partizipation und des politischen Interesses im Alter sowie die Repräsentanz der Älteren sind gegenwärtig zentrale Themen im Bereich Alter und Politik.

Dies hängt vor allem mit dem Interesse zusammen, die zukünftige Entwicklung der politischen Präferenzen im Zusammenhang mit den anstehenden demographischen Veränderungen abschätzen zu können: Das "Altern der Gesellschaft" gibt den Älteren z.B. insgesamt ein stärkeres politisches Gewicht.
In 30 Jahren 40 Prozent der Wahlberechtigten
Die über 60jährigen werden in etwa 30 Jahren in Deutschland über 40 Prozent der Wahlberechtigten stellen, und sie werden damit in mehrfacher Hinsicht zu einer zentralen Zielgruppe der Politik, z.B. als "Kostenfaktor", als potentielle Wähler oder als ehrenamtliche Helfer. Zugleich sind auch qualitative Veränderungen erwartbar.
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Ringvorlesung: "Alter(n): Aufbruch in die Zukunft"
Um die Vielschichtigkeit der demographischen Veränderungen zu thematisieren, hat das Österreichische Rote Kreuz (ÖRK) gemeinsam mit der sozialwissenschaftlichen Fakultät an der Universität Wien die öffentliche Ringvorlesung "Alter(n): Aufbruch in die Zukunft" ins Leben gerufen.

Harald Künemund hält am Freitag, den 26. 11., um 16.30 Uhr an der Uni Wien (Universitätscampus, Altes AKH, Hörsaal D) einen Vortrag zum Thema "Die Politik und das Alter"
->   Programm der Ringvorlesung
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Generation ohne Erfahrung von Krieg und Dikatur
Die "neuen" Alten, die in den alten Bundesländern gegenwärtig und in näherer Zukunft in den Ruhestand gehen, gehören zu den ersten Generationen ohne lebensgeschichtliche Erfahrung von Diktatur und Krieg, aber sie haben Erfahrungen mit demokratischer Politik und entsprechenden Beteiligungsmöglichkeiten gemacht.
Partizipation nimmt ab - Konservatismus zu?
Bisherige Untersuchungen zeigten wiederholt, dass die politische Partizipation - einmal von der Wahlbeteiligung abgesehen - in den höheren Altersgruppen seltener ist, ja bereits das politische Interesse nimmt mit zunehmendem Alter ab. Zugleich nehmen konservative Orientierungen offenbar zu.

Zumindest zeigen sich solche Tendenzen, solange z.B. die über 60-Jährigen mit den Jüngeren kontrastiert werden.

Genauere Analysen lassen allerdings Zweifel an der Stichhaltigkeit dieser Befunde wie auch den Konsequenzen aufkommen, die z.B. aus dem Argument des "Alterskonservatismus" die zukünftigen Wahlchancen konservativer Parteien positiv beurteilen.
Repräsentanz rückläufig
Die politische Repräsentanz der Älteren scheint ebenfalls eher rückläufig zu sein. Zumindest sinkt das durchschnittliche Alter der Bundestagsabgeordneten. Bislang hatte dies nicht dazu geführt, dass die Interessen der Älteren "zu kurz" kamen, aber es ist keinesfalls ausgemacht, dass dies immer so bleibt.
"Generationenkrieg": Stimmung gegen die Alten
Die Stimmung scheint sich derzeit eher gegen die Älteren zu wenden - zumindest wird einem "Generationenkrieg" bzw. "Altersklassenkampf" immer häufiger das Wort geredet.

Dabei wird z.B. behauptet, die Älteren hätten sich auf Kosten der nachfolgenden Generationen unrechtmäßig bereichert und würden heute vom Wohlfahrtsstaat unverhältnismäßig begünstigt: Der Wohlstand der heutigen Rentner und Pensionäre gehe zu Lasten enormer ökonomischer Folgekosten (Arbeitslosigkeit durch zu hohe Lohnnebenkosten, Kinderarmut) und ökologischer Schäden (hemmungslose Ausbeutung der Ressourcen, Umweltzerstörung) für die jüngeren Generationen, welche die heute Älteren nie tragen mussten.
Auch im Gesundheitsbereich
Die heutigen Älteren würden sich derweil geruhsam in eine sozial abgefederte Konsumentenrolle zurückziehen und "in schmucken Ferienhäusern am Mittelmeer" überwintern. Die "Wohlfahrtsbilanz über den gesamten Lebenslauf" sei somit ungerecht zwischen den Generationen verteilt.

Längst hat die Diskussion auch den Bereich der Gesundheit erreicht, und es wird mehr oder weniger offen über Leistungseinschränkungen für Ältere nachgedacht.
Zunahme sozialer Ungleichheiten
Auch hier bleibt jedoch zu fragen, ob die jeweils vorgebrachten Argumente überhaupt stechen. Aber wie auch immer, die gegenwärtig gestellten Weichen weisen für die Zukunft offenbar alle in die Richtung eine Zunahme der Bedeutung sozialer Ungleichheiten im Alter.

Bei den zukünftigen Älteren kumulieren verschiedene Benachteiligungen: Sie sehen sich ungünstigeren Rentenregelungen gegenüber und haben aufgrund ungünstigerer Erwerbsverläufe zum Teil deutlich geringere Rentenanwartschaften.

Zudem scheint die private Altersvorsorge gerade von jenen nicht wahrgenommen zu werden, die es vor diesem Hintergrund besonders nötig hätten. Man könnte also auch vermuten, dass sich die zukünftigen Älteren mit größerer Schärfe im politischen Verteilungskampf engagieren werden.
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Über den Autor
Harald Künemund, Dr. phil., Dipl.-Soz., geb. 1958. Studium der Soziologie in Berlin (1985-1990). Seit 1987 Mitarbeit in der Forschungsgruppe Altern und Lebenslauf (FALL) an der FU Berlin, seit 2000 wissenschaftlicher Assistent. Derzeit Vertreter des Lehrstuhls für Empirische Methoden und Statistik an der Universität Erfurt. Forschungsschwerpunkte: Gesellschaftliche Partizipation im Alter, Generationenbeziehungen, Methoden der empirischen Sozialforschung.
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Mehr zu der Ringvorlesung in science.ORF.at:
->   Gastbeitrag Anton Amann (14.10.04)
 
 
 
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01.01.2010