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Islam: "Renaissance des Wissens" braucht Freiheit  
  Die Wissenschaft in islamischen Staaten leidet unter dürftigen finanziellen Ressourcen und einer dementsprechend schlechten Personalausstattung. Dabei wäre es Zeit für eine "Renaissance des Wissens", meinen der pakistanische Wissenschaftsminister Atta-ur-Rahman und Anwar Nasim, Wissenschaftskoordinator der "Organisation der islamischen Staaten" (OIC), in einem Kommentar für das Wissenschaftsmagazin "Nature".  
Die Autoren verknüpfen mit einem verstärkten Investment in die Wissenschaft die Hoffnung auf eine "aufgeklärte Mäßigung", mit der sich auch das Verhältnis zum Westen entspannen könnte.

Der Wiener Islamwissenschaftler Rüdiger Lohlker hingegen sieht das Grundproblem woanders: in der Freiheit der Forschung und der Möglichkeit für die Studierenden, eigenständig Interessen zu entwickeln.
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Der Kommentar "Science and Islam" von Atta-ur-Rahman und Anwar Nasim ist am 18. November 2004 in "Nature" erschienen (Band 432, Seite 273 - 274; doi:10.1038/432273a).
->   Nature
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Bedeutung von Wissenschaft unterschätzt
Die Bedeutung von Forschung und Wissenschaft werde in den islamischen Staaten unterschätzt, schreiben Atta-ur-Rahman und Anwar Nasim. Betrachtet man den Anteil des Bruttoinlandsprodukts (BIP), der in Forschung investiert werde, hinken Länder wie Pakistan, Ägypten oder Marokko den westlichen Staaten, deren Forschungsquoten meist zwischen zwei und vier Prozent pendeln, weit hinterher.

Noch immer werden zu hohe Summen in das Militär investiert, das immerhin auf vier bis sieben Prozent des BIP kommt.

Bisher gab es nur zwei Nobelpreise für Forscher aus islamischen Staaten: Abdus Salam aus Pakistan wurde 1979 mit dem Nobelpreis für Physik ausgezeichnet, der Ägypter Ahmed Zewail erhielt 1999 jenen für Chemie.
Verbesserungen teilweise sichtbar
Unter den 500 weltbesten Universitäten befinden sich nach Angaben der Kommentatoren nur zwei in einem islamischen Staat - beide in der Türkei.

Dass sich verstärkte Investitionen in die Wissenschaft lohnen, streichen Atta-ur-Rahman und Anwar Nasim am Beispiel von Pakistan heraus: Seit 1999 seien dort die Ausgaben für Forschung und Entwicklung um das 60-fache, die Investitionen in das Bildungssystem um das 12-fache gestiegen und Stipendien für 1.500 Doktoratsstudenten aufgelegt worden.

Dadurch sei die Zahl der Papers in internationalen Journals - zwar von einem niedrigen Niveau aus, aber dennoch - um 40 Prozent gestiegen.
Freiheit, nicht Geld ausschlaggebend
Dass es in den arabischen Staaten aber nur um eine Ausgabensteigerung gehe, das bestreitet der an der Universität Wien tätige Islamwissenschaftler Rüdiger Lohlker. Soll sich die Stellung der Wissenschaften tatsächlich verändern, brauche es neben mehr Geld weit reichende strukturelle Veränderungen, wie Lohlker im Gespräch mit science.ORF.at erklärt: "Die Strukturen an den Universitäten im arabischen Raum sind oft sehr autoritär und in vielen Fächern werden die Inhalte politisch bestimmt."

Einen wirklichen Aufschwung könne die Wissenschaft nur dann nehmen, wenn die Forscher unbeeinflusst arbeiten können und die Studieren die Möglichkeit hätten, im Studium eigenen Interessen nachzugehen.

Das System sei teilweise derart verschult, dass die Studenten nicht einmal eigenständig Literatur recherchieren, sondern nur den Vorgaben des Professors folgen, schildert Lohlker.
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Wissensdefizite bedrohen wirtschaftliche Entwicklung
Der 2003 veröffentlichte "Arab Human Development Report" widmete sich dem Thema "Wissensgesellschaft" und stellte deutlich fest, dass das in den arabischen Staaten vorhandene Potenzial an qualifizierten Menschen nicht oder nur dürftig genutzt werde. Vor allem mit Blick auf eine nachhaltig positive wirtschaftliche Entwicklung der Region müsste dieser Zustand als Gefahr wahrgenommen werden, dem die verantwortlichen Politiker aktiv gegensteuern müssten.

Auf dem Weg in eine Wissensgesellschaft fordern die Autoren der vom "United Nations Development Programm" (UNDP) herausgegebenen Publikation vor allem folgende grundlegende Maßnahmen:
- Garantie der Meinungs-, Rede- und Versammlungsfreiheit
- qualifizierte Ausbildung für alle
- Verankerung der Bedeutung von Wissenschaft im gesellschaftlichen "Bewusstsein"
- Umstrukturierung der nationalen Wirtschaftssysteme in Richtung wissensbasierter Wertschöpfung
- Entwicklung eines authentischen und aufgeklärten arabischen Wissensmodells
->   Download des Reports (pdf-Datei)
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Teilweise Ausnahme: Iran
Eine Ausnahme in gewissen Aspekten stellt nur der Iran dar. Im Gegensatz zu anderen islamischen Staaten wird dort schon seit mehreren Jahren verstärkt in die Wissenschaft investiert.

Zwar stoße die Freiheit der Forschung auch an iranischen Universitäten immer wieder an eine vom Regime eingezogene Decke, dennoch könne relativ frei diskutiert werden, so Islamwissenschaftler Lohlker zu science.ORF.at. Außerdem sei im Iran der Frauenanteil in der Wissenschaft vergleichsweise groß.

Auch die Zahlen, die der Pakistanische Wissenschaftsminister und der OIC-Wissenschaftskoordinator in ihrem Kommentar in "Nature" anführen, untermauern diesen Eindruck: Demnach konnte der Iran seinen Output an wissenschaftlichen Papers zwischen 1996 und 2002 mehr als verdreifachen.
Folgen erwünscht?
Offen lässt Rüdiger Lohlker, ob das iranische Regime mit den Auswirkungen der lebhaften Wissenschaftsszene glücklich sein wird. Denn dass sich mehr Freiraum auf die gesamte Gesellschaft auswirken kann und wahrscheinlich auch wird, scheint logisch.

Jedenfalls sind Umstrukturierungen in der Wissenschaftsszene der arabischen Staaten dringend nötig, meint der Islamwissenschaftler von der Universität Wien. Denn nicht zuletzt damit könnten die Staaten auch die massive Auswanderung von Forschern in die USA und zuletzt verstärkt nach Europa in den Griff bekommen.

Elke Ziegler, science.ORF.at, 29.11.04
->   Institut für Orientalistik an der Universität Wien
->   Islamic Educational, Scientific and Cultural Organization (ISESCO)
->   OIC Standing Committee on Scientific and Technological Cooperation
Mehr zum Thema Islam in science.ORF.at:
->   Muslime in Europa: Debatte um Islam und Integration (12.5.04)
->   Studie ortet neuen Pluralismus in islamischen Ländern (29.3.04)
->   Sadik J. al-Azm über radikal-islamistischen Terror (13.3.04)
 
 
 
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01.01.2010