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Späte Mutterschaft erhöhte Lebenserwartung  
  Je später Frauen Kinder bekommen und je größer die Intervalle zwischen den Geburten liegen, umso größer ist ihre Lebenserwartung: Zu diesem Schluss kommen finnische Evolutionsbiologinnen, die vier Generationen an Biografien der vorindustriellen Zeit untersucht haben.  
Vererbung biografischer Züge
In der Zeit zwischen der Mitte des 18. und dem Beginn des 20. Jahrhunderts - als die moderne Medizin und Empfängnisverhütung noch in den Kinderschuhen steckte - könne der Evolution sozusagen über die Schultern geschaut werden, meinen die Biologin Jenni Pettay von der Universität Turku in Finnland und ihr Team.

Nach Ansicht der Forscherinnen erhielt eine Frau Erbanlagen für bestimmte biografische Züge von ihrer Mutter. Darunter zählten das Alter bei der Erstgeburt oder die Zahl der Kinder.

Auch das Lebensalter werde erblich beeinflusst, wie sie in den "Proceedings of the National Academy of Sciences" (PNAS) schreiben.
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Die Studie "Heritability and genetic constraints of life-history trait evolution in preindustrial humans" erscheint zwischen dem 7. und 11. Februar 2005 online in den PNAS (DOI: 10.1073/pnas.0406709102).
->   Artikel in den PNAS (sobald online)
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Vier Generationen: 5.000 Menschen ab 1745
Ausgangsmaterial für ihre Studien sind Familienstammbäume einiger finnischer Gebiete: Knapp 200 zwischen 1745 und 1765 geborene Menschen wurden über vier Generationen verfolgt - und Daten zu Reproduktionsverhalten und Lebensdauer von zuletzt über 5.000 Individuen gesammelt.

Die untersuchten Biografien stammen tendenziell aus besseren sozialen Schichten, bei denen etwa die Kindersterblichkeit geringer war als in niedrigeren Schichten. Generell sei der Klassenunterschied in Finnland aber geringer gewesen als in vielen anderen Ländern, schreiben die Forscher.
Drei Parameter untersucht
Untersucht wurden drei Parameter: erstens die Vererbbarkeit von biografischen Eigenschaften wie Lebensdauer oder Intervall zwischen der Geburt von Kindern; zweitens mögliche genetische Korrelationen zwischen diesen Eigenschaften und der reproduktiven "Fitness" - etwa der Anzahl geborener Kinder überhaupt; und schließlich der Unterschied zwischen Männern und Frauen.
Langlebigkeit zu Gunsten der Reproduktion "geopfert"
Die Ergebnisse: Frauen, die in sehr jungen Jahren Mütter wurden, starben tendenziell früher. Gleiches galt für eine hohe Frequenz beim Kinderkriegen. Wer also später oder in größeren Abständen zur Reproduktion schritt, hatte auch eine größere Wahrscheinlichkeit länger zu leben.

Nach Ansicht von Jenni Pettay ist dafür die natürliche Auslese der Evolution verantwortlich: Die Langlebigkeit der Frauen sei zu Gunsten ihrer Reproduktionsfähigkeit "geopfert" worden.
Lebenseigenschaften werden vererbt
Eine Reihe von Eigenschaften der Reproduktion - etwa die Anzahl der geborenen Kinder und das Jahr der ersten Geburt - wurden nach Angaben der Forscher genauso an die nächste Generation vererbt wie die Lebensdauer.

Das scheint zwar als Widerspruch, aber auch dafür gibt laut den Forscherinnen es eine evolutionsbiologische Erklärung: Die Weitergabe von Genen für Langlebigkeit sei wichtig gewesen, weil Frauen dadurch so lange gelebt hätten, dass sie als Großmütter bei der Betreuung und Erziehung hätten helfen können.
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Omas gut für die Enkel
Finnland dürfte ein guter Boden für menschliche Stammbaumstudien zu sein. Im März 2004 berichteten ebenfalls Biologen der Universität Turku von der Nützlichkeit von Großmüttern für ihre Enkel. Omas, die besonders alt werden, hatten laut einer in "Nature" veröffentlichten Studie mehr Enkelkinder als andere - denn wenn sie bei der Erziehung ihrer Enkel helfen, bekommen ihre Töchter und Söhne früher und mehr Nachkommen.
->   Mit der Oma in der Nähe gibt es mehr Enkel (11.3.04)
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Gilt nicht bei Männern
Eine ähnliche Weitergabe von Erbgut bei Männern konnte die finnische Forschergruppe um Jenni Pettay nicht ermitteln.

Dies führe zu der Annahme, dass in monogamen Gesellschaften die reproduktiven Fähigkeiten eines Mannes im Wesentlichen von denen seiner jeweiligen Frau abhängig seien, schließen die Wissenschaftler.

Lukas Wieselberg, science.ORF.at, 8.2.05
->   Jenni Pettay, University of Turku, Finland
Mehr zu dem Thema in science.ORF.at:
->   Forscher verspricht "tausend Jahre Leben" (6.12.04)
->   "Oldies but Goldies": Neue Evolutionstheorie des Alterns (15.7.03)
 
 
 
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01.01.2010