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"Aktivierende Arbeitsmarktpolitik" als Jobvermittler  
  Massenarbeitslosigkeit ist in vielen europäischen Staaten ein Problem. Gegen sie anzufechten, bedarf es - anstelle von einer bloßen "Abfederung" der Arbeitslosigkeit durch staatliche Lohnersatzleistungen - einer so genannten Aktivierenden Arbeitsmarktpolitik, meint der Wirtschaftswissenschaftler Viktor Steiner. Er leitet beim Europäischen Forum Alpbach 2006 ein Seminar zu dem Thema.  
Aktivierende Arbeitsmarktpolitik - Erfahrungen und Perspektiven
Von Viktor Steiner

Massenarbeitslosigkeit - ihr Abbau durch "Aktivierende Arbeitsmarktpolitik"? Obwohl die meisten Länder der Europäischen Union seit vielen Jahren gegen Massenarbeitslosigkeit ankämpfen, hat sich die strukturelle Arbeitslosigkeit zunehmend verfestigt. Besonders stark davon betroffen sind vor allem ältere Arbeitslose, in einzelnen Ländern aber auch Geringqualifizierte und Jugendliche.

Im Vergleich dazu ist in einigen Ländern wie Großbritannien, den Niederlanden und Österreich nicht nur die Arbeitslosigkeit insgesamt relativ niedrig, sondern auch die Langzeitarbeitslosigkeit vergleichsweise gering. Von den meisten Ländern mit relativ erfolgreicher Arbeitsmarktentwicklung werden verschiedene Maßnahmen eingesetzt, die unter den Begriff "Aktivierende Arbeitsmarktpolitik" zusammengefasst werden.
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Seminar beim Europäischen Forum in Alpbach
Viktor Steiner von der Freien Universität Berlin leitet beim Europäischen Forum Alpbach 2006 gemeinsam mit Karl Pichelmann von der Europäischen Kommission das Seminar "Activating Labour Market Policy - What Works and What Doesn't" (18.-23.8.2006). science.ORF.at stellt dieses und weitere Seminare in Form von Gastbeiträgen vor.
->   Europäisches Forum Alpbach
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Was ist Aktivierende Arbeitsmarktpolitik ...
Lange Zeit wurde die zunehmende Langzeitarbeitslosigkeit in einigen europäischen Wohlfahrtsstaaten mit passiven Maßnahmen "abgefedert": Ausdehnung der Anspruchsdauern auf Arbeitslosenunterstützung - insbesondere für ältere Arbeitnehmer, Ausweitung von Frühverrentungsmöglichkeiten und staatliche Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen.

Die Arbeitslosigkeit wurde verwaltet, die davon Betroffenen durch mehr oder weniger großzügige Lohnersatzleistungen ruhig gestellt.

Im Gegensatz dazu setzt die Aktivierende Arbeitsmarktpolitik stärker auf die Wiedereingliederung (Langzeit-)Arbeitsloser in den regulären Arbeitsmarkt.
... und was kann sie leisten?
Aktivierende Arbeitsmarktpolitik versucht, das effektive Arbeitsangebot zu erhöhen, indem die individuelle Produktivität der Arbeitslosen durch Schulungen gesteigert, sie bei der Arbeitssuche unterstützt oder deren Bereitschaft zur Arbeitsaufnahme gefördert wird.

Kontrovers diskutiert werden neuere Instrumente der Aktivierenden Arbeitsmarktpolitik, so etwa finanzielle Anreize für Leistungsbezieher zur Aufnahme gering entlohnter Tätigkeiten und Sanktionen bei der Verweigerung der Arbeitsaufnahme oder Arbeitsverpflichtung.

Von Kritikern wird vorgebracht, dass dadurch keine neuen Arbeitsplätze entstehen. Diese Kritik verkennt zum einen die Rolle der Arbeitsmarktpolitik hinsichtlich der direkten Schaffung von Arbeitsplätzen in der Marktwirtschaft, zum anderen aber auch, dass eine wichtige Ursache der strukturellen Arbeitslosigkeit in den zu geringen finanziellen Anreizen für Bezieher von Arbeitslosenunterstützung zur Aufnahme gering entlohnter Tätigkeiten besteht.
Erfolgreich durch ...
Gerade klassische Wohlfahrtsstaaten wie Dänemark, die Niederlande und Schweden zeichnen sich dadurch aus, dass die Ablehnung eines Jobangebots oder von Qualifizierungsmaßnahmen mit Sanktionen in Form von drastischen Leistungskürzungen verbunden ist.

Dies mag zum Teil erklären, warum diese Länder trotz relativ hoher Lohnersatzleistungen die Arbeitslosigkeit und insbesondere auch deren strukturelle Komponente auf einem im internationalen Vergleich niedrigen Niveau halten konnten.
... mehr individuelle Betreuung ...
Hinsichtlich der Vermittlungsaktivitäten der staatlichen Arbeitsagenturen ist eine Entwicklung hin zu einer stärker individualisierten Betreuung der Arbeitssuchenden festzustellen.

Dazu werden je nach individueller Problemlage Maßnahmen-Kombinationen - Unterstützung bei der Arbeitssuche, Maßnahmen zur Qualifizierung und Aneignung von Berufserfahrung, Hilfe bei sozialen Problemen - angeboten.

Dies setzt intensivere Beratungs- und Vermittlungsaktivitäten voraus, die nach einigen internationalen Studien aber relativ effizient zu sein scheinen.
... und Förderung der Selbständigkeit
Stark zugenommen hat in einigen Ländern die Förderung von Selbständigkeit aus Arbeitslosigkeit, in Deutschland stellt diese mittlerweile das größte einzelne Instrument der Aktivierenden Arbeitsmarktpolitik dar.

Zurzeit erlauben die vorliegenden Evaluationsstudien zu den Wirkungen dieses Instruments zwar noch keine abschließende Bewertung, für Deutschland weisen erste Evaluationsergebnisse aber auf positive Effekte hin.
Misserfolge: "locking-in"-Effekt, ...
Wie eine Vielzahl internationaler statistischer Evaluationsstudien gezeigt hat, sind die Erfolge von Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen hinsichtlich der Wiedereingliederung in reguläre Beschäftigung eher bescheiden.

Als Begründung dafür wird häufig ein so genannter "locking-in"-Effekt angeführt: Während (längerfristiger) Trainingsmaßnahmen wird Arbeitssuche nicht oder nur mit geringer Intensität betrieben. Darüber hinaus erhöht sich das Anspruchsniveau der Arbeitslosen bezüglich Entlohnung in einer neuen Tätigkeit.

Internationale Studien scheinen darauf hinzuweisen, dass der "locking-in"-Effekt vom Ausmaß der finanziellen Absicherung während der Maßnahme abhängt - und davon, ob die Teilnahme den Anspruch auf Arbeitslosenunterstützung verlängert.
... Subventionierungen
Auch von Lohnsubventionen im Niedriglohnbereich sind in Wohlfahrtsstaaten mit relativ hohen Lohnersatzleistungen keine größeren Beschäftigungseffekte zu erwarten. Diese können, wie die jüngsten Erfahrungen mit "Hartz IV" in Deutschland zeigen, bei mangelnder Umsetzung die Situation sogar verschlechtern.

Dies gilt auch für die Subventionierung der Sozialbeiträge von Geringverdienern, wie dies im Bereich geringfügiger Beschäftigungsverhältnisse ("Mini-Jobs") z.B. in Deutschland und Österreich der Fall ist. Hier überwiegen die Mitnahmeeffekte, gefördert werden vor allem so genannte Zweitverdiener, die nicht den Kern der Langzeitarbeitslosen darstellen.
Resümee
In Ländern der Europäischen Union mit relativ geringer Langzeitarbeitslosigkeit hat die Aktivierende Arbeitsmarktpolitik traditionell eine relativ große Bedeutung. Aber auch in Ländern, die Arbeitslosigkeit eher "verwalten" und Langzeitarbeitslosigkeit finanziell "abfedern", hat in den letzten Jahren eine Akzentverschiebung stattgefunden.

Aktivierende Arbeitsmarktpolitik setzt bei intensiveren Vermittlungsaktivitäten der Arbeitsagenturen, der Verbesserung der Anreize zur Arbeitsaufnahme und der Suchintensität der Arbeitslosen an.
"Fördern und Fordern"
Als erfolgreich hat sich dabei die konsequente Umsetzung des Prinzips des "Fördern und Forderns" erwiesen. Beim Fördern hat sich zum einen die stärkere Orientierung der Maßnahmen an den individuellen Bedürfnissen der einzelnen Arbeitssuchenden als relativ erfolgreich erwiesen.

Zum anderen zeigen internationale Erfahrungen, dass ein relativ geringes Niveau an Langzeitarbeitslosigkeit zwar auch mit einem hohen Niveau an Lohnersatzleistungen vereinbar ist, dies aber die konsequente Umsetzung von Sanktionen bei fehlender Arbeitsbereitschaft voraussetzt. Einige Länder waren bei der Umsetzung dieses Prinzips offenbar erfolgreicher als andere.

[11.8.06]
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Über den Autor
Viktor Steiner: Studium der Volkswirtschaftslehre an der Universität Linz (1980 - 1984), Scholar am Institut für Höhere Studien Wien (1984 - 1985), Universitätsassistent an der Technischen Universität Wien, der Universität Linz und der Universität Augsburg (1984 - 1991). Doktorat in Volkswirtschaftslehre an der Universität Linz (1990) und Habilitation in Volkswirtschaftslehre und Ökonometrie an der Universität Frankfurt/Main (2001). Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) Mannheim (1991-1994) und Leiter der Forschungsabteilung "Arbeitsmärkte und Soziale Sicherung" am ZEW (1994-2001); Univ. Prof. für Volkswirtschaftslehre, insb. Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik an der Universität München und Forschungsdirektor am ifo Institut München (2001-2002); seit Mai 2002 Univ. Prof. für Volkswirtschaftslehre, insb. Empirische Wirtschaftsforschung an der Freien Universität Berlin und Leiter der Forschungsabteilung Staat am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) Berlin.
->   FU Berlin
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Die Seminare zum Forum Alpbach 2006 in science.ORF.at:
->   Die Rolle Europas im "Welt-Bürgerkrieg" (7.8.06)
->   Die Null und mathematische Unsicherheiten (1.8.06)
 
 
 
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01.01.2010