News
Neues aus der Welt der Wissenschaft
 
ORF ON Science :  News :  Leben 
 
Blind für den Bruchteil einer Sekunde  
  Während der schnellen Augenbewegungen sind Menschen für den Bruchteil einer Sekunde blind, weil die Wahrnehmung unterdrückt wird. Bochumer Hirnfroscher haben nun eine Zellgruppe entdeckt, die diesen lebenswichtigen Mechanismus im Gehirn aktiviert, damit wir flimmerfrei sehen können.  
Nervenzellen kehren ihre Funktion um
Die schnellsten Bewegungen, die unser Körper machen kann, sind die der Augen - die so genannten Sakkaden. Hirnforscher haben nun herausgefunden, warum wir während der Sakkaden nichts sehen können.

Ein Forscherteam um Klaus-Peter Hoffmann der Ruhr-Universität (RUB) Bochum haben Nervenzellen entdeckt, die langsame Bewegungen sehen können, bei Sakkaden aber ihre Funktion umkehren und die Wahrnehmung unterdrücken: Wir sind für den Bruchteil einer Sekunde blind, um flimmerfrei sehen zu können.

Dies berichtet "Science" in seiner aktuellen Ausgabe.
...
Original-Artikel in Science (kostenpflichtig):
->   Neural Mechanisms of Saccadic Suppression
...
Selbstexperiment mit Sakkaden
Was Sakkaden sind, lässt sich laut den Bochumer Forschern anhand eines Selbstexperiments ausprobieren: Wer vor dem Spiegel steht und abwechselnd auf eines der Augen schaut, sieht jeweils die Augen aber nicht ihre Bewegung. Eine andere Person, die dies beobachtet, hat hingegen keine Probleme auch die Augenbewegung zu sehen.
Stabiles Sehen
Woher also rührt diese scheinbare Blindheit bei schnellen Bewegungen der Augen? Der Grund liegt darin, dass das Gehirn ein stabiles Bild der Umwelt erzeugen muss. Die Wahrnehmung wird während der Sakkade unterdrückt (Fachbegriff: sakkadische Suppression), um flimmerfrei sehen zu können.

Der Vergleich mit einem Video verdeutlicht den Clou: Wird bei der Aufnahme die Kamera ständig hin- und herbewegt, entstehen verwackelte Bilder. Permanent sehen wir jedoch feststehende, stabile Bilder, obwohl sich unsere Augen zwei- bis dreimal pro Sekunde bewegen. Würden wir die Welt wahrnehmen mit allen Augenbewegungen, die wir tatsächlich machen, entstünde im Gehirn das gleiche verwackelte Bild wie beim Video.
Dem Rätsel auf der Spur
Wie dieser lebenswichtige Mechanismus funktioniert, diskutieren Forscher schon seit mehr als hundert Jahren. Eine mögliche Erklärung lautete, dass die Gehirnbereiche, die unsere Augen bewegen, eine Warnung in das visuelle System senden (extraretinales Warnsignal), um die Wahrnehmung kurzzeitig zu unterdrücken.

Schon früh testeten Neurobiologen diese Annahme mit Affen. In dem damals einzig gut untersuchten Gehirnareal der Sehbahn fanden sie jedoch keine Hinweise darauf, dass die Nervenzellen bei einer Sakkade nichts sehen oder aktiv werden und Warnsignale senden.
Suche im Detail
Des Rätsels Lösung musste also in anderen Arealen liegen, die noch detaillierter Sehinformationen verarbeiten. Solche Zentren im Gehirn, die inzwischen entdeckt wurden, sind hochspezialisiert auf eine oder mehrere Funktionen - z. B. auf Formen, Farben oder Bewegungen.

MT (medio temporales Areal) und MST (medio-superior temporales Areal) sind solche Areale, die im Gehirn von Primaten vorkommen und auf komplexe Bewegungsinformationen spezialisiert sind. Hier setzte Klaus-Peter Hoffmann mit seinem Team an, um in Experimenten mit Affen den Sakkaden auf den Grund zu gehen.
...
Experiment mit Primaten
Die Affen sollten einen unbewegten Punkt vor buntem Hintergrund ansehen und dann die Augen auf einen zweiten Lichtpunkt bewegen, also eine typische Sakkaden-Bewegung machen. In einem zweiten Versuchsteil blickten die Affen wieder auf einen still stehenden Lichtpunkt, lediglich der Hintergrund bewegte sich - damit simulierten die Forscher die Bildverschiebung, die sich bei der Sakkade im Auge ergibt. Nun kam es darauf an, welche Nervenzellen die beiden Aktivitäten - Bewegung der Augen und Bewegung des Hintergrunds - unterscheiden konnten.
...
Erstaunliche Entdeckung
Die Neurobiologen entdecken in den Arealen MT und MST Neuronen der besonderen Art, die auf eine bestimmte Bewegungsrichtung spezialisiert sind, diese Orientierung während einer Sakkade jedoch umkehren können.

Sind es Nervenzellen, die beispielsweise bevorzugt auf Bewegungen nach rechts reagieren, so reagieren sie während der Sakkade auf Bewegungen nach links, sie drehen ihre Richtungsspezialisierung einfach um.

Wird dieses Signal vermischt mit dem anderer Nervenzellen, die ihre Bewegungsausrichtung beibehalten, so kann das Gehirn die widersprüchlichen Informationen nicht mehr eindeutig interpretieren. Die Folge: Es nimmt gar kein bewegtes Bild wahr.
Dynamisches Gehirn
Damit vermuten die Bochumer Neurobiologen, den Mechanismus gefunden zu haben, der die Wahrnehmung der Bildbewegung bei Sakkaden unterdrückt. Diese Erkenntnis könnte von zentraler Bedeutung für die Hirnforschung sein: Vor diesen Experimenten ging die Neurobiologie davon aus, dass Nervenzellen ihre Vorzugsrichtung für bewegte Reize nicht ändern.

Das neue Forschungsergebnis zeigt nun, dass eine extraretinale Information Nervenzellen in der Sehbahn dazu bringen kann, ihre ursprüngliche Funktion kurzzeitig umzukehren. Die gefundene Zellgruppe in den Arealen MT und MST ist ein anschauliches Beispiel, wie das Gehirn Informationen dynamisch verarbeitet.
->   Allgemeine Zoologie und Neurobiologie, Fakultät für Biologie der RUB
 
 
 
ORF ON Science :  News :  Leben 
 

 
 Übersicht: Alle ORF-Angebote auf einen Blick
01.01.2010