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Forscher machten Fliegen zeitweise homosexuell  
  Genetiker untersuchen an Modellorganismen - wie der Fruchtfliege - den Einfluss des Erbgutes auf verschiedenste Eigenschaften und Verhaltensweisen. Ein US-Forscherteam hat nun Fruchtfliegen-Männchen - zumindest zeitweise - per genetischer Manipulation homosexuell gemacht: Demnach werden die Insekten homosexuell, wenn die Signalübertragung zwischen bestimmten Zellen ihres Nervensystems unterbrochen wird. Welche Bedeutung diese Erkenntnisse für die Humanbiologie haben, ist umstritten.  
Die genetisch veränderten Insekten zeigten reges sexuelles Interesse an ihren Geschlechtsgenossen, ihr Interesse an empfängnisbereiten Weibchen nahm dagegen erheblich ab, berichten die Forscher in den "Proceedings of the National Academy of Sciences".
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"Conditional disruption of synaptic transmission"
Der Artikel "Conditional disruption of synaptic transmission induces male-male courtship behavior in Drosophila" von Toshihiro Kitamoto vom Institut für Medizinische Forschung in City of Hope (US-Bundesstaat Kalifornien) wird in den "Proceedings Of The National Academy Of Science" (PNAS) unter DOI: 10.1073/pnas.202489099 erscheinen.
->   "Proceedings Of The National Academy Of Science"
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Gen wird erst ab 30 Grad aktiv
Bei den Versuchen integrierten die Forscher ein Gen in die für den Geschmackssinn zuständigen Neuronen männlicher Fruchtfliegen (Drosophila melanogaster). Dieses Gen wird bei Temperaturen ab 30 Grad Celsius aktiv und unterbricht dann die synaptische Übertragung von Signalen der Geschmackszellen.

Die so von der Kommunikation mit dem restlichen Nervensystem abgeschotteten Neuronen seien vermutlich für die Erkennung typisch männlicher Signalstoffe (Pheromone) zuständig und unterdrückten sexuelle Kontakte zwischen Fruchtfliegen-Männchen, erklärte der Leiter der Studie Toshihiro Kitamoto.
Typische Verhaltensweisen
Wie die Forscher in den PNAS schreiben, konnten sie bei den genetisch veränderten Fliegen typische Verhaltensweisen beobachten: Die Männchen berührten andere Fruchtfliegenmännchen an deren Unterleib, leckten ihre Genitalien und versuchten zu kopulieren.

Bei Temperaturen unter 30 Grad Celsius zeigten die genveränderten Fliegen-Männchen dagegen wieder ihr normales Fortpflanzungsverhalten. Mit ähnlichen Versuchen soll nun geklärt werden, wie andere Neuronen-Gruppen die sexuelle Orientierung und andere Verhaltensmuster bei Fruchtfliegen beeinflussen.
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Die Fruchtfliege als Modellorganismus
Drosophila gilt als ideales Testmodell für die Erforschung des menschlichen Nervensystems. Das menschliche Genom und das der Fruchtfliege weisen überraschende Ähnlichkeiten auf - mindestens 60 Prozent der Drosophila-Gene haben eine Parallele im Erbgut des Menschen.
->   Drosophila: Kleine Geschichte der Laborzoologie
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Ergebnisse umlegbar auf den Menschen?
Die Ergebnisse des US-Forscherteams sind allerdings - was ihre Umlegbarkeit auf den Menschen betrifft - umstritten. Dean Hamer etwa von den National Institutes of Health sieht sich dadurch in seinen Forschungen bestätigt.

Er sucht seit Jahren nach einem entsprechenden genetischen Mechanismus beim Menschen. In diversen Publikationen hat er bereits die Existenz eines solchen "Homosexuellen-Gens" auf dem X-Chromosom zu belegen versucht.
Der "alte" Streit: Anlage oder Umwelt?
Für andere Wissenschaftler wiederum gilt die sexuelle Orientierung beim Menschen im Wesentlichen als "soziale Verhaltensweise". Somit entbrennt einmal mehr der alte (unentscheidbare) Streit, ob die genetischen Anlagen oder die Umwelt den größeren Einfluss auf das Denken und Verhalten des Menschen ausüben.
->   science.ORF.at: Gene beeinflussen Hirnstruktur
Die Rolle der Pheromone
Für die Fruchtfliege jedenfalls könnte die Erklärung tatsächlich bei den Pheromonen liegen - die Wirkung der chemischen Botenstoffe auf des Fortpflanzungsverhalten von Insekten ist vielfach dokumentiert, Erkenntnisse werden beispielsweise in der Insektenbekämpfung eingesetzt.

Verschiedenste Versuche haben den "betörenden" Einfluss der Duftstoffe auch beim Menschen nachgewiesen - allerdings streitet die Wissenschaft nach wie vor darüber, ob Pheromone beim Menschen eine ähnliche Bedeutung haben, wie etwa bei Insekten.
->   science.ORF.at: Pheromonrezeptoren bei Säugetieren entdeckt
 
 
 
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01.01.2010