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Forscherinstitute als Fälscherwerkstätten  
  Wissenschaftliche Forschungsinstitute erweisen sich immer wieder als Fälscherwerkstätten. Ehrgeiz, Karrieresucht und harter Wettbewerb treiben Wissenschaftler oft über die Grenzen des Erlaubten.  
Ein Fall von Megafälschung
Der Freiburger Fall von Roland Mertelsmann gilt momentan als der spektakulärste Fälschungsskandal in der medizinischen Forschung Deutschlands.

Der Krebsspezialist Roland Mertelsmann hatte an der Universität Freiburg eine glanzvolle Hochschulkarriere hinter sich. Eine Untersuchungskommission erhebt nun schwerwiegende Vorwürfe gegen den Onkologen.
Die Vorwürfe
Eine 'Task Force' genannte Arbeitsgruppe von der Universität Würzburg hat die Vorwürfe untersucht. Die konkreten Sachverhalte, um die es dabei geht, werden bereits seit zwei Jahren untersucht. Es handelt sich um 58 Beiträge, die Mertelsmann zusammen mit seinem Schüler Friedhelm Herrmann verfasst hat. In 15 Fällen ist Mertelsmann selber Hauptautor.

Die Anschuldigungen der 'Task Force' sind massiv: Experimente sollen vorgetäuscht, Daten manipuliert, Abbildungen gefälscht, Ideen gestohlen und jungen Wissenschaftler zum Fälschen verleitet worden sein.
Die Konsequenzen
Der Rektor der Universität Freiburg, Wolfgang Jäger, hat dem baden-württembergischen Wissenschaftsministerium vorgeschlagen, ein Disziplinarverfahren gegen den Onkologen Mertelsmann einzuleiten.

Damit reagierte Jäger auf den Abschlussbericht der Task Force zum bislang größten Betrugsskandal in der medizinischen Forschung Deutschland. Mertelsmann wurde aufgefordert, seinen Posten in der Patienten orientierten Forschung aufzugeben.
Roland Mertelsmann selbst schiebt inzwischen alle Vorwürfe auf seinen Schüler Friedhelm Hermann. Dazu heißt es im Schlussbericht der Task Force: "Es widerspricht jeder Lebenswirklichkeit, dass jemand, dessen berufliche Tätigkeit über einen lange Zeitraum eng mit einer anderen Person verknüpft ist, nicht registriert, ob die Arbeitsweise des anderen regelrecht ist oder nicht."
->   Task Force Uni Würzburg
Vertrauen ist gut, Kontrolle noch besser
Der Strafrechtler Albin Eser, Direktor am Freiburger Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Strafrecht hat nun einen Abschlussbericht der Task Force über den größten deutschen Forschungsskandal herausgegeben. Eser schlägt in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung vor, die Medizinforschung in Deutschland zukünftig stichprobenartig zu kontrollieren.
Eser: "Die unmittelbare Aufklärung von Fehlverhalten kann wohl nur durch Wissenschaftler geschehen. Der normale Staatsanwalt hat gar nicht das Know-how. Als erster Schritt scheint mir daher die Einrichtung wissenschaftlicher Kommissionen richtig. Wissenschaft setzt Vertrauen der Öffentlichkeit voraus. Daher muss Wissenschaft als Institution die Möglichkeit effektiver Kontrolle haben."
Selbstreinigungskräfte der Wissenschaft gefragt
Aus der Sicht der Deutschen Forschungsgemeinschaft ist die Arbeit der 'Task Force' "ein Beleg für die oft geforderte Selbstreinigungskraft der Wissenschaft", wie Generalsekretär Reinhard Grunwald betont.

Dass es mit dieser Selbstreinigungskraft jedoch nicht zum besten bestellt ist, zeigen einige Erfahrungen der Task Force. "Viele Wissenschaftler haben sich schlicht geweigert, mit uns zusammenzuarbeiten" berichtet Ulf Rapp von der Task Force der Deutschen Forschungsgemeinschaft.
->   Die Deutsche Forschungsgemeinschaft
Eine Anhäufung von 'Einzelfällen'
Dass Betrug in der Wissenschaft keine Randerscheinung ist, zeigen die gehäuften Fälle von Fälschung in den letzten Jahren. Ein Orthopäde der Universität Düsseldorf erwarb sich den Status eines Hochschullehrers mit gefälschten Tierversuchen und irrelevanten Abbildungen. Dem falschen Dozenten wurden inzwischen alle Titel aberkannt.

In der Praxis erweist sich die Nachprüfbarkeit von wissenschaftlichen Daten und Messergebnissen jedoch als problematisch. Welcher Forscher ist schon motiviert, die Angaben von Kollegen kritisch zu überprüfen.
Auch ein Max-Planck-Direktor fälschte
Momentan versucht die Universität Bonn ihrem renommierten Chemiker Guido Zadel den Doktortitel abzuerkennen. Die als «nobelpreisreif» angepriesene Entdeckung auf dem Gebiet der Moleküle erwies sich als reine Manipulation.

Ein paradoxer Skandal: Peter Seeburg, heute Direktor der Max-Planck-Gesellschaft, gibt inzwischen zu, in einem Aufsatz vor gut zwanzig Jahren bewusst gelogen zu haben, um nicht eines Diebstahls von Forschungsmaterial bezichtigt zu werden.
Der Philosoph als Textpirat
Unter den schwarzen Schafen der Forschergilde befinden sich auch Geisteswissenschaftler. Ausgerechnet ein Professor der Moralphilosophie an der Universität Erlangen-Nürnberg, Maximilian Forschner, wurde im vergangenen Jahr dabei überführt, es mit dem geistigen Eigentum anderer nicht so genau zu nehmen. Mit diesem Delikt ist er an der fränkischen Hochschule keineswegs der Einzige.
Auch adlige Forscher mogeln
Der sorglose Umgang mit fremden geistigen Eigentum kostete auch schon Friedrich Wilhelm Prinz von Preußen, dem Urenkel des letzten deutschen Kaisers, 1972 den Doktortitel. Seine Dissertation über die Reichsgründung im Spiegel neutraler Pressestimmen war weitgehend aus drei älteren Untersuchungen abgeschrieben. Diese Tatsache hatte der Prinz jedoch in seinen Literaturangaben verschwiegen. Aufgedeckt wurde der Betrug durch den Marburger Universitätsbibliothekar Martin Winckler.
Die Spitze des Eisbergs
Im Max-Planck-Institut ist man der Meinung, dass bewusste Fälschung nur die kleine sichtbare Spitze des Eisbergs ausmachen würde. Der große, von der Öffentlichkeit vernachlässigte und 'unsichtbare' Körper des Eisbergs würde vielmehr "aus der Vernachlässigung der Regeln guter Forschungspraxis bestehen".

Auch aus diesem Grund hat die Generalverwaltung des Max Planck Institutes nun ein Handbuch über die "Regeln zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis" herausgegeben.
->   Mehr über den Betrug in der Wissenschaft
Keine rechtlichen Konsequenzen
Verstöße können weitgehend nur mit Verachtung im Kollegenkreis bestraft werden: Denn "Betrug" im juristischen Sinne setzt eine materielle, in Geldbeträgen angebbare Schädigung voraus. Die aber lässt sich bei wissenschaftlichen Veröffentlichungen kaum nachweisen. In der Praxis hat sich bisher gezeigt, dass ein vermeintlicher "Fälscher" mit einem "wissenschaftlichen Irrtum" argumentiert.
 
 
 
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01.01.2010