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ORF ON Science :  News :  Umwelt und Klima 
 
"Klimakriege" als Sargnagel für die westliche Zivilisation  
  Die Veränderung des Klimas werde nicht "nur" die Eisbären dahinraffen, Südseeinseln unter Wasser setzen und Dürrekatastrophen in der "Dritten Welt" auslösen. Sie sei ein Sargnagel für die westliche Kultur, die im erbitterten Kampf gegen Hunderte Millionen von Klimaflüchtlingen ihre zivilisatorischen Errungenschaften über Bord werfen werde. So lautet zumindest die provokante These des deutschen Kulturwissenschaftlers Harald Welzer.  
In seinem Buch "Klimakriege. Wofür im 21. Jahrhundert getötet wird" fragt Welzer nach den gesellschaftlichen Auswirkungen des globalen "ökosozialen Problems" Klimawandel. Besonderen Sprengstoff berge er, weil er die bestehenden globalen Ungerechtigkeiten noch weiter verschärfen wird.
"Klimakriege"
Besonders krass werden die Auswirkungen der Klimaveränderung in Afrika sein, das als ärmster Kontinent am wenigsten Ressourcen hat, sich auf diese Entwicklung einzustellen. Im Sudan etwa werde sich die Wüstenfläche innerhalb weniger Jahre von derzeit 30 auf 55 Prozent des gesamten Staatsgebiets ausweiten.

Jeder Quadratkilometer Wüste mehr sei eine neue Gewaltquelle, warnt Welzer und verweist auf den Konflikt im westsudanesischen Darfur, wo seit fünf Jahren bereits ein erster "Klimakrieg" zwischen Schwarzafrikanern und arabischen Nomaden tobt. Sie kämpfen vor allem um Weideland, das infolge der Desertifikation immer knapper wird.
Druck auf entwickelten Norden
Bild: S. Fischer
Mit geschätzten 25 Millionen gibt es schon heute mehr "Klimaflüchtlinge" als Menschen, die aus politischen oder anderen Gründen auf der Flucht sind, berichtet Welzer. In den kommenden Jahren dürfte sich diese Zahl vervielfachen und einen ungeheuren Druck auf den entwickelten Norden entfalten.

Schon jetzt reagieren EU und USA mit Abschottung auf die immer drängenderen Flüchtlingsströme, stärken die Grenzüberwachung und richten Auffanglager ein.

Zugleich verschärfen sie die Überwachung ihrer eigenen Bürger, um sich gegen die von außen kommenden Gefahren zu wappnen. Schließlich dürften sich die Klimakonflikte auch als Nährboden für den Terrorismus erweisen.
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Das Buch von Harald Welzer, "Klimakriege. Wofür im 21. Jahrhundert getötet wird", ist im S. Fischer Verlag erschiene (ISBN 978-3-10-089433-2, EUR 20,50).
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Düstere Kriegsbilder
Welzer malt düstere Bilder: "Es besteht aller historischer Erfahrung nach eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass Menschen, die den Status von Überflüssigen bekommen und die Wohlstands- und Sicherheitsbedrüfnisse von Etablierten zu bedrohen scheinen, in großer Zahl zu Tode kommen werden" - an Hunger, Grenzkonflikten oder Bürgerkriegen.

Der Westen gebe viel auf Humanität, Vernunft und Recht, "obwohl diese drei Regulierungen menschlichen Handelns historisch jedem Angriff erlegen sind, wenn er nur heftig genug ausfiel", lautet Welzers Einschätzung.
Grundlegendes Umdenken
Vom derzeit vorherrschenden Verzichtsdenken in der Klimadebatte hält er wenig. Vielmehr müsse es zu einem radikalen Umdenken kommen, sodass Reduktion von Verschwendung und Gewalt als Gewinn gesehen werden. Geschieht dies nicht, würden die westlichen Kulturen nicht mehr lange existieren, "vielleicht noch zwei, drei Generationen".

Im Klimakonflikt werde die westliche Zivilisation mit ihren Errungenschaften wie Demokratie und Menschenrechte verschwinden. Alle Menschen würden gleich, in einer "Unterschiedslosigkeit bloßen Überlebenswillens".

Stefan Vospernik/APA, 14.4.08
->   Harald Welzer
->   Das Stichwort "Klimawandel" im science.ORF.at-Archiv
 
 
 
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01.01.2010