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Grönlands Gletscher im Galopp  
  US-amerikanische und britische Forscher lassen mit einer beunruhigenden Meldung aufhorchen: Grönlands Gletscher wandern immer schneller in Richtung Meer. Schuld daran ist offenbar ihr eigenes Schmelzwasser. Zum Glück spielt der Effekt in der globalen Gletscherbilanz - noch - keine besonders große Rolle.  
Zweitgrößter Eisschild der Welt
 
Bild: Science

Schön sind sie ja, die Seen, Rinnsale und Hohlräume in Grönlands Gletschern. Nur haben Glaziologen dieser Tage vermutlich kein Auge für die vielfältigen Formen der Eislandschaft. Denn sie sind Ausdruck der Krise: Die globale Temperatur steigt, und die Auswirkungen des Klimawandels machen auch vor Grönlands ewigem Eis nicht Halt.

Würde - hypothetisch - der gesamte Eisschild der größten Insel der Erde schmelzen, hätte das einen Anstieg des Meeresspiegels um sieben Meter zufolge. Aber auch ein Bruchteil dessen wäre schon höchst problematisch, daher ist es gut zu wissen, was im Inneren der rund zwei Kilometer dicken Eisschicht vorgeht.
Untergrund wird nass und rutschig
Im Jahr 2002 gab es erste Hinweise, dass hier eine fatale Rückkoppelung am Werk sein könnte: Jay Zwally vom NASA Goddard Space Flight Center berichtete, dass sich der Eiskörper im westlich-zentralen Bereich Grönlands während der Sommermonate deutlich schneller Richtung Meer bewegt als im Winter.

Und er fand auch heraus, dass diese Beschleunigung nur dann stattfand, wenn an der Oberfläche Eis schmolz (Science 297, 218).

Daher lag die Vermutung nahe, dass das Wasser irgendwie durch die dicke Eisschicht gesickert sein und die Kontaktfläche zum kontinentalen Gestein befeuchtet haben muss. Das hat das Eis offenbar ins Rutschen gebracht.
Teilentwarnung trotz Nachweis
Wie nun Ian Joughin von der University of Washington in gleich zwei "Science"-Studien zeigt, lässt sich der Rutscheffekt sowohl aus der Frosch- wie aus der Vogelperspektive belegen. Das große Bild lieferten Satellitenaufnahmen eines 425 mal 100 Kilometer großen Gebietes an der Westküste Grönlands.

Sie zeigen: Während sich das Grönländische Eis in den Wintermonaten mit 76 Metern pro Jahr bewegt, legt es zur Zeit sommerlicher Eisschmelze ordentlich an Tempo zu, und zwar um satte 48 Prozent (doi: 10.1126/science.1153288). Allerdings ist diese Zahl insofern mit Vorsicht zu genießen, als sich die Gesamtbewegung an der Küste (wo die Gletscher letztlich Eis in die Ozeane abgeben) deutlich abbremst. Dort bewirkt der Rutscheffekt nur mehr neun Prozent Tempozuwachs.

Man kann daher Teilentwarnung geben: "Das Schmelzwasser bewirkt zwar eine deutliche Beschleunigung des inländischen Eises", sagt Joughin, "aber auf die äußeren Gletscher hat es nur eine geringe Auswirkung." Eine Erklärung dafür könnte sein, dass der Untergrund in diesen Regionen ohnehin schon mit Wasser benetzt ist - und daher auch nicht rutschiger werden kann.

Joughins Fachkollege Richard Alley resümiert: "Sollten wir auf die Berge flüchten, weil die Eisscholle in den Ozean fällt? Nein. Der Effekt spielt eine Rolle, aber er ist nicht sehr groß."
Niagarafälle im ewigen Eis
 
Bild: Science

Wobei "groß" ein relativer Begriff ist. Gemessen an Dimensionen des Alltags hat man es hier durchaus mit gewaltigen Wassermassen zu tun. Das zeigt die zweite Studie, im Rahmen derer sich Joughin das Phänomen aus unmittelbarer Nähe angesehen hat (doi: 10.1126/science.1153360).

Darin berichtet er von einem rund vier Kilometer langen und acht Meter tiefen Schmelzwassersee, der langsam anwuchs und kontinuierlich schwerer wurde, bis er eines Tages eine kritische Grenze überschritt. An diesem Punkt bewirkte sein Eigengewicht, dass sich bereits vorhandene Sprünge im Eis ruckartig erweiterten und nach unten fortpflanzten.

Dann ging plötzlich alles ganz schnell. 8.700 Kubikmeter Wasser fluteten pro Sekunde in tiefer liegende Hohlräume, innerhalb von 1,4 Stunden entleerte sich der gesamte See, zurück blieb ein klaffendes Loch in der Eisschicht (Bild oben). Etwas anschaulicher gesprochen: Pro Sekunde ergossen sich rund vier Olympische Schwimmbecken in die Tiefe - deutlich mehr als bei den Niagarafällen.

Robert Czepel, science.ORF.at, 17.4.08
->   Ian Joughin
->   Jay Zwally
->   Grönländischer Eisschild - Wikipedia
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01.01.2010