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5.000 Jahre Sportgeschichte im "Land ohne Sport"  
  Mit den Olympischen Spielen in Peking kehrt der Sport stärker zu seinen Wurzeln zurück als vor vier Jahren in Athen - auch wenn das im Westen gerne übersehen wird. China ist ein Land, in dem schon vor 5.000 Jahren Sport betrieben wurde, lange vor den Spielen im antiken Griechenland, die im 19. Jahrhundert wiederbelebt wurden. Dennoch galt China westlichen Orientalisten lange Zeit als "Nation ohne Sport".  
Von diesen Widersprüchen und Änderungen der Geschichtsschreibung in der Gegenwart berichtet die Anthropologin Susan Brownell von der University of St. Louis.
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Sie hat dazu vor kurzem das Buch "Beijing's Games. What the Olympics mean to China" veröffentlicht.
->   Das Buch im Verlag Rowman&Littlefield
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Ein Ururenkel der Antike
"Sport ist ein Enkel der Renaissance und ein Kind der Französischen Revolution": Diese Worte des berühmten deutschen Sporthistorikers Carl Diem bringen das bis heute gültige Selbstverständnis des Sports auf den Punkt.

Dreh- und Angelpunkt ist dabei die Antike, Symbol sind die Olympischen Spiele Griechenlands. In der Französischen Revolution galten sie als Vorbild für die Feierlichkeiten ihrer Vernunftreligion, 1790 wurde erstmals auch der Ruf nach ihrer Wiederbelebung laut.

Das erste Buch über die antiken Spiele wurde laut Brownell 1732 in den Niederlanden veröffentlicht, in Deutschland begann sich ab den 1830er Jahren eine Heerschar von Historikern mit ihnen zu beschäftigen. Die Ausgrabungen in Olympia wurden 1875 von Ernst Curtius, dem klassischen Archäologen der Universität Berlin, begonnen.
Agonales Prinzip, wetteifernde Tatenlust
Nicht nur Deutschland, sondern die gesamte westliche Welt sah in der griechischen Antike die Wurzeln ihrer auf Fortschritt ausgerichteten Gegenwart. Ein Hauptkennzeichen der alten Griechen sei ihr agonales Prinzip gewesen, eine "wetteifernde Tatenlust", wie es Curtius nannte, die sie den Europäern vermacht hätten.

Ein Ausdruck dafür sei der Preis für die Olympiasieger gewesen: Lorbeerkranz, nicht Reichtum als Ziel. Dieser Mythos vom edlen Griechen, der einzig Ehre und nicht den schnöden Mammon sucht, wurde erst in den 1980er Jahren entkräftet, schreibt Brownell. Für den Amateurgedanken Pierre de Coubertins, der die Olympischen Spiele in der Neuzeit wiederbelebte, diente er aber als Vorbild.
Im Osten: Völker ohne Geschichte
Auf der einen Seite wurde also von der akademischen Welt des Westens im 19. Jahrhundert eine zusammenhängende Geschichte konstruiert, die von der Antike bis in die Gegenwart reichte.

Auf der anderen Seite gab es die "Völker ohne Geschichte", wie es der amerikanische Anthropologe Eric Wolf einmal in einem Buchtitel nannte - jene im Süden und Osten, die Ziel der europäischen Kolonialisierung wurden.

Auch China wurde so aus der Geschichte des Sports regelrecht "hinausgeschrieben", meint Susan Brownell.
Kulturell historisch vergleichbar
Dabei sind China und Griechenland in Sachen Kulturleistung gar nicht so weit auseinander. Beide entwickelten vor rund 3.500 Jahren ihre Schriftsysteme. In beiden Ländern stammen die ersten schriftlichen Überlieferungen aus dem Jahr 750 vor Christus.

Und heute? Rund 25 Jahre Reformpolitik der kommunistischen Partei haben dazu geführt, dass China heute wirtschaftlich boomt wie kaum ein anderes Land. China hat heute rund 100 Mal so viele Einwohner wie Griechenland, ist in Sachen Sportgeschichte aber vergleichsweise ein weißer Fleck. Warum ist das so?
China: Wertschätzung des Intellekts
Dies hat für Brownell viel mit der Konstruktion des Gegensatzes von West und Ost ab dem 19. Jahrhundert zu tun, was sich akademisch etwa in der Trennung von klassischen und orientalistischen Studien ausdrückte.

Aber auch mit chinesischen Traditionen. So heißt es bei Konfuzius: "Die mit dem Hirn arbeiten, regieren, die mit den Muskeln arbeiten, werden regiert."

Der beste Ausdruck für die Hochschätzung des Intellekts in der chinesischen Tradition findet sich in den Beamtenprüfungen im kaiserlichen China. Bei den extrem schweren Examen, die das Memorieren klassischer Texte beinhaltete und jahrelangen Lernens bedurfte, wurde die Elite des Landes gekürt.

Die Bildung genoss so einen hohen Stellenwert, die Kriegskunst wurde laut Brownell eher gering geschätzt. Sport oder körperliche Aktivitäten im Allgemeinen blieben eher eine Beschäftigung der einfachen Leute, ohne Besitz oder Bildung.
Auch Mao kritisierte mangelnde Körperübungen
Das ist zumindest das Bild, das westliche Orientalisten von China gezeichnet haben, betont Susan Brownell. Ein Bild, das von den chinesischen Reformern zu Beginn des 20. Jahrhunderts bereitwillig abgemalt wurde.

Mao Tse Tung etwa schrieb 1917, noch in seiner vormarxistischen Zeit: "Übungen sind wichtig für die körperliche Erziehung, heute aber interessiert sich kaum ein Schüler dafür". Er kritisierte konfuzianische, buddhistische und taoistische Meditations- und Körperpraktiken der Eliten, die in der Ruhe und nicht in der Bewegung ihr Heil sahen.

Andere nationalistische Denker des frühen 19. Jahrhunderts taten es Mao gleich und sahen in der vermeintlich körperlichen auch eine politische Schwäche Chinas.
Griechischer Sport wurde in Neuzeit konstruiert ...
Für Susan Brownell ist weder diese Selbstbeschreibung noch die Fremdbeschreibung durch westliche Historiker ein Grund dafür, die lange Tradition des Sports in China zu negieren. Der griechische Sport sei schließlich auch nicht authentisch, sondern wurde in den vergangenen 200 Jahren in mühevoller Kleinarbeit von westlichen Archäologen und Historikern konstruiert: 130 Jahre neuzeitliche Ausgrabungen in Olympia stehen gerade zwei schriftlichen Quellen der Antike über, jene von Pindar und Pausanias, die über die Spiele berichteten.
... warum nicht auch der chinesische?
Schriftliche Quellen zu chinesischem Sport gibt es wie zum griechischen: Die ältesten stammen vermutlich aus dem fünften vorchristlichen Jahrhundert und beschrieben eine Art Urfußball. Auch zu Polo, Ringen, Pferderennen und Bogenschießen finden sich tausende Jahre alte Dokumente.

Schließlich müsse auch noch auf die Kampfkünste verwiesen werden, die zwar von den Eliten gescheut, aber im normalen Volk eine ungeheure Verbreitung genossen und genießen.

Ausgrabungen im Ausmaß wie in Griechenland zum Thema Sport gibt es laut Brownell in China hingegen keine.
Erst jetzt wird Geschichte geschrieben
Erst in den 1980er Jahren wurden erste zaghafte Versuche unternommen, eine Art chinesische Sportgeschichte zu schreiben. Dies hatte in erster Linie politische Gründe. Die Zeit der Isolation war vorbei, die Reformpolitik von Deng Xiao Ping begann.

In der Sportpolitik hieß das: China war in den 1950er Jahren aus Protest gegen die Anerkennung Taiwans aus dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) ausgetreten, 1979 trat man wieder ein. 1984 in Los Angeles gewann der erste Chinese eine olympische Goldmedaille.

Als man sich für die Spiele 2000 - erfolglos - als Veranstalter bewarb, richtete man in Lausanne, am Sitz des IOC, eine Ausstellung mit dem Titel "5.000 Jahre Sport in China: Kunst und Tradition" aus.
Fusion von West und Ost?
Um als moderner Nationalstaat anerkannt zu werden, braucht man auch eine Geschichte des Sports, fasst Brownell diese Aktivitäten zusammen. Die Wissenschaftler in Ost und West stehen dabei noch ganz am Anfang.

Stipendien und Forschungsprojekte rund um die Spiele in Peking werden aber laut Brownell zu etwas beitragen, das chinesische Forscher anlässlich der erfolgreichen Bewerbung Pekings so beschrieben haben: "2008, wenn die Olympische Flagge über Peking weht, werden östliche und weltliche Kulturen ihre bisher größte Fusion erleben. Das neue Peking wird Olympische Spiele bescheren wie keine zuvor, die olympische Bewegung wird ein wahrhaft transkulturelles, transethnisches und transnationales System."

Lukas Wieselberg, science.ORF.at, 8.8.08
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Susan Brownell ist ein seltenes Exemplar. Früher war sie erfolgreiche Leichtathletin, die sowohl für die Nationalmannschaft der USA als auch für die Universität in Peking an den Start ging. Heute ist sie Professorin für Anthropologie an der University of Missouri - St. Louis.
->   Susan Brownell, University of St. Louis
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->   Konfuzius war unsportlich (Welt online)
->   Beamtenprüfungen in China (Wikipedia)
->   Interview mit Susan Brownell (Seattle Times)
->   The China Beat (Weblog u.a. von Susan Brownell)
 
 
 
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01.01.2010