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Ein "Global Deal" für den Klimaschutz  
  Noch ist es nicht zu spät: Ein Umbau der Weltwirtschaft könnte den Klimawandel mittelfristig stoppen. Entsprechende Maßnahmen beschreibt der deutsche Klimaforscher Ottmar Edenhofer in einem Gastbeitrag. Für ihn steht fest: Ohne das Prinzip Gerechtigkeit kann diese Aufgabe jedenfalls nicht gelingen.  
Die Emissionskurve zeigt nach oben
Von Ottmar Edenhofer

In den Jahren 1970 bis 2004 stiegen die globalen Treibhausgasemissionen um 70 Prozent. Obwohl die Energieintensität der Weltwirtschaft und die Kohlenstoffintensität der Energieproduktion gesunken sind, wurde das durch den Anstieg der Weltbevölkerung und die Steigerung der Arbeitsproduktivität mehr als kompensiert.
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Veranstaltungshinweis
Ottmar Edenhofer leitet gemeinsam mit dem Bremer Klimaforscher Peter Lemke beim Europäischen Forum Alpbach ein Seminar mit dem Titel "Climate change and what we need to do about it" (16. bis 21. August). science.ORF.at stellt dieses und weitere Seminare in Form von Gastbeiträgen vor.
->   Europäisches Forum Alpbach
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Maßnahmenpaket als Ausweg
Der Anstieg der Emissionen ist zwar vor allem auf das rasante Wirtschaftswachstum Chinas und Indiens zurückzuführen, doch hat es bisher auch keine andere Industrienation der Welt geschafft, ihr Wirtschaftswachstum vom Treibhausgasausstoß dauerhaft zu entkoppeln. Wird so weitergemacht wie bisher, ist ein dramatischer Klimawandel unausweichlich.

Um diesen zu vermeiden, müsste der Anstieg der globalen Mitteltemperatur auf zwei Grad Celsius begrenzt werden, die Emissionen bis zum Jahr 2020 stabilisiert und bis zur Mitte des Jahrhunderts gegenüber dem Niveau von 1990 um mehr als die Hälfte reduziert werden.
Erträgliche Kosten
In den letzten Jahren haben sich vermehrt Ökonomen, Naturwissenschaftler und Ingenieure zu Wort gemeldet, die eine solche Wende im globalen Energiesystem zu betriebswirtschaftlich akzeptablen Kosten für realisierbar halten.

Als wichtigste Optionen gelten die Steigerung der Energieeffizienz, die Förderung der erneuerbaren Energien sowie die Kohlendioxid-Abscheidung und -Einlagerung im geologischen Untergrund.

Berechnungen des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung zeigen außerdem, dass auf einen weiteren Ausbau der Nuklearenergie verzichtet werden kann. Die Kosten eines derartigen Reduktionsprogrammes lägen bei weniger als drei Prozent des weltweiten Sozialproduktes bis 2030.

Für das Erreichen dieser Ziele sind jedoch die Schaffung eines weltweiter Marktes für Emissionsrechte und damit das Ende der kostenlosen Nutzung der Atmosphäre Mindestvoraussetzungen: Erst wenn es etwas kostet, CO2 zu emittieren, lohnt es sich, über erneuerbare Energieträger nachzudenken.
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Kernelemente des "Global Deal"
Um glaubwürdig zu sein, muss ein "Global Deal" folgende Kernelemente enthalten:
- Einigung aller Staaten auf globale Emissionsminderungen, die dem Zwei-Grad-Ziel entsprechen, und eine faire Verteilung der Vermeidungskosten.
- Schrittweise Einführung eines globalen Emissionshandels.
- Ausweitung der Forschungs- und Entwicklungsanstrengungen bei Niedrigemissionstechnologien, Bau und Finanzierung von Demonstrationsprojekten sowie Erleichterung des internationalen Transfers von Niedrigemissionstechnologien.
- Finanzierung von Anpassungsmaßnahmen in besonders betroffenen und armen Regionen.
- Verhinderung der weiteren Abholzung der Tropenwälder.
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Gleiche Emissionsrechte für jeden Erdenbürger
Entscheidend ist nun die Frage, wie die Emissionsrechte auf die verschiedenen Staaten gerecht verteilt werden können, da durch die Zuteilung von Emissionsrechten zugleich über die Lastenverteilung der Kosten des Klimaschutzes entschieden wird.


Dazu gibt es den Vorschlag, dass jedem Erdenbürger bis zum Jahr 2050 das gleiche Emissionsrecht zugestanden werden solle: Ausgehend von ihren heutigen Emissionen werden den Industriestaaten immer weniger, den Entwicklungsländern immer mehr Emissionsrechte zugeteilt, bis im Jahr 2050 jedes Land die gleichen Pro-Kopf-Rechte erhält. Die Industrieländer könnten den Entwicklungsländern Emissionsrechte abkaufen.
Nebeneffekt: Gesteigerte Entwicklungshilfe
Die Erlöse aus dem Emissionshandel könnten die heutige Entwicklungshilfe bei weitem übersteigen. Da die Entwicklungsländer von den Folgen des Klimawandels besonders betroffen sein werden, bietet sich hier die Möglichkeit, Kompensationszahlungen für Klimaschäden im Rahmen der Verteilung von Emissionsrechten zu leisten.

Da vor allem Europa und die USA die Atmosphäre seit Beginn ihrer Industrialisierung kostenlos genutzt haben, wird man aber die Gleichverteilung künftiger Nutzungsmöglichkeiten als das Minimum an Gerechtigkeit betrachten können.
Wo bereits mit Emissionen gehandelt wird
Die EU hat den Emissionshandel bereits eingeführt, insgesamt 25 Staaten in den USA, planen die Einführung von drei regionalen Emissionshandelssystemen. Mittlerweile wurde mit der International Carbon Action Partnership (ICAP) eine Plattform gegründet, die die Verzahnung des europäischen Emissionshandelssystems mit den neuen Systemen in den USA und in Neuseeland prüft.
Technologischer Impuls notwendig
Angesichts der energiepolitischen Herausforderungen des Klimawandels gilt es überdies, die Anstrengungen zur Entwicklung emissionsarmer Energietechnologien zu vervielfachen. Hier müssten dringend öffentliche Investitionen einspringen da privaten Unternehmen oft der Anreiz fehlt, teure Forschung, Entwicklung und Umsetzung neuer Technologien selbst zu finanzieren. Staatliche Förderung von Demonstrationsprojekten ist daher unverzichtbar.
CO2-Kosten kein Grund zum Scheitern
Die politischen Herausforderungen eines solchen "Global Deals" sind groß. Aber die Politik kann darauf vertrauen, dass Marktwirtschaften auch mit vorübergehend steigenden Preisen für CO2 fertig würden.

Ohnehin wäre der Umbau des Energiesystems am Ende dieses Jahrhunderts unvermeidbar, wenn die fossilen Energieträger knapp und teuer werden. Nun muss der Umbau der Weltwirtschaft wegen des Klimawandels früher angepackt und schneller durchgeführt werden.

Ohne Gerechtigkeit wird globaler Klimaschutz keinesfalls gelingen. Auch hier wiederholt sich die Erfahrung, die freie Gesellschaften bei der sozialen Bändigung des Kapitalismus machen mussten: Freiheit kann es ohne Gerechtigkeit nicht geben.

[13.8.08]
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Zum Autor
Ottmar Edenhofer ist Direktor am Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung sowie Professor für die "Ökonomie des Klimawandels" an der Technischen Universität Berlin.
->   Ottmar Edenhofer
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01.01.2010