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Frauenquoten: Erfolgreiches Gesetz in Norwegen  
  Frauenquoten, die für mehr Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern sorgen sollen, sind nach wie vor umstritten. Dass sie ihren Zweck aber sehr schnell und überraschend einfach erfüllen können, zeigt ein Beispiel aus Norwegen. Dort gelang es innerhalb von fünf Jahren, den Frauenanteil in den Aufsichtsräten börsennotierter Unternehmen zu vervierfachen - jetzt liegt er bei 40 Prozent.  
Das einzige, was dazu notwendig war, war eine Gesetzesänderung mit drastischen Strafandrohungen. Auf diese Weise wurden die Aktiengesellschaften gezwungen, den Männeranteil in den Aufsichtsräten zu reduzieren.

Vom Ergebnis erfreut zeigte sich Hilde Bautz-Holter Geving vom Ministerium für Kinder und Gleichheit in Norwegen bei den Technologiegesprächen des Europäischen Forums Alpbach.
Inakzeptable Ausgangsposition
Bild: Johannes Cizek
Hilde Bautz-Holter Geving
Die Ausgangsposition 2002: Nur sieben Prozent der Aufsichtsratsmitglieder waren weiblich, im Folgejahr waren es noch immer unter zehn Prozent.

"Das war eine inakzeptable Situation", so Bautz-Holter Geving gegenüber science.ORF.at, "wenn man bedenkt, dass das Ausbildungs- und Einkommensniveau der norwegischen Frauen sehr hoch ist. 78 Prozent der Frauen arbeiten, viele in gut bezahlten Positionen."

Deshalb beschloss das norwegische Parlament - "mit Ausnahme einer sehr konservativen Partei von allen Parteien gemeinsam" - das weltweit bisher einzigartige Gesetz.
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Gender-neutrales Gesetz
Das 2003 beschlossene Gesetz ist gender-neutral formuliert. Ihm zufolge muss es also mindestens 40 Prozent Frauen oder Männer in den Aufsichtsräten geben.
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Von zehn auf 40 Prozent in fünf Jahren
Für staatseigene Betriebe ist es gleich mit Beginn 2004 in Kraft getreten, privaten Unternehmen wurde die Möglichkeit gegeben, die angestrebte Frauenanzahl bis 1. Juli 2005 "freiwillig" zu erzielen.

"Sie haben sich auch wirklich angestrengt, aber dennoch war es zu wenig. Die Quote hat sich nur auf 15,5 Prozent erhöht", so Bautz-Holter Geving.

Anfang 2008 war dann die letzte Schonfrist vorbei. Die Unternehmen wurden von einer Behörde bezüglich des Frauenanteils untersucht. Und siehe da: Es gibt jetzt tatsächlich fast 40 Prozent weibliche Mitglieder in den Aufsichtsräten.
Strafandrohung: Bis zur Auflösung des Unternehmens
Bild: Lukas Wieselberg
Bautz-Holter Geving in Alpbach
Dass es soweit kommen konnte, hat einen Grund: harte Strafen im Falle der Nichterfüllung der Vorgaben.

"Sobald sich herausstellt, dass ein Unternehmen die Anforderungen nicht erfüllt, bekommen sie eine Frist um das zu reparieren. Nach unserer Erfahrung tun das auch die allermeisten. Sollten sie dabei allerdings scheitern, gibt es Strafzahlungen. Die Unternehmen können im Extremfall aber auch gerichtlich aufgelöst werden."

Dies sei keine Besonderheit des Gender-Gesetzes, sondern der übliche Strafrahmen, der auch bei anderen Delikten gilt, etwa bei fehlenden Jahresabschlüssen. Bisher ist aber kein Unternehmen aufgelöst worden, weil zu wenige Frauen im Aufsichtsrat sitzen, versichert Bautz-Holter Geving.
Verbesserung nur dank des Gesetzes
Die norwegische Gender-Expertin ist über die Entwicklung sehr erfreut: Auch Unternehmen, die ursprünglich dagegen waren, hätten nun ihre Meinung geändert und sich arrangiert. Sie ist überzeugt, dass sich die Situation ohne die Gesetzesänderung nicht verbessert hätte - oder zumindest nicht in der kurzen Zeit.

Auch in Zukunft wird das Geschlechterverhältnis der Aufsichtsräte zweimal pro Jahr überprüft, die Aktiengesellschaften können sich also nicht auf ihren "Lorbeeren" ausruhen.
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Die Technologiegespräche fanden von 21.-23.8 unter dem Titel "Wahrnehmung und Entscheidung in Wissenschaft und Technologie" statt. Ein Arbeitskreis widmete sich dem Thema "Gender Mainstreaming in Forschung und Entwicklung".
->   Technologiegespräche
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Eine Empfehlung für Österreich?
Ob Bautz-Holter Geving die Maßnahmen der norwegischen Regierung auch Österreich empfiehlt?

"Ich gebe ungern Ratschläge. In Norwegen haben wir mit affirmative action sehr gute Ergebnisse erzielt. Wir hatten eine Vision und die ist Wirklichkeit geworden. Wenn andere Länder ähnliche Visionen haben, kann das ebenso Wirklichkeit werden, warum nicht?"

Lukas Wieselberg, science.ORF.at, 23.8.08
->   Ministerium für Kinder und Gleichheit, Norwegen
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01.01.2010